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08.01.2015

14:58 Uhr

Griechenland und der Euro

Die Angst vor dem Bank Run

VonJan Mallien

Spekulationen über einen Euro-Austritt strapazieren die Nerven der griechischen Sparer – und treiben sie an die Geldautomaten. Die Gefahr einer Panik ist wieder real. Das Szenario hat nur wenig an Schrecken verloren.

Eine Schlange vor den Geldautomaten einer griechischen Bank: Schon 2012 drohte dem Land ein Bank Run. dpa

Eine Schlange vor den Geldautomaten einer griechischen Bank: Schon 2012 drohte dem Land ein Bank Run.

DüsseldorfFür Sparer ist es der Albtraum schlechthin: Das jahrelang zusammengekratzte Bankguthaben löst sich über Nacht in Luft auf. Genau diese Horrorvorstellung treibt immer mehr griechische Sparer und Unternehmen an die Bankautomaten. Im Dezember hoben sie insgesamt 2,5 Milliarden Euro von ihren Konten ab.  Noch läuft dies in geordneten Bahnen ab. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung vom Mittwoch fürchten Fachleute der Bundesregierung für den Fall eines Wahlsiegs des Linksbündnis Syriza bei den Neuwahlen Ende Januar jedoch einen unkontrollierten Kunden-Ansturm auf die Banken (Bank Run),  um die Euro-Guthaben zu sichern.

Regierungssprecher Steffen Seibert dementierte, dass die Regierung Pläne für den Euro-Austritt Griechenlands verfolge. Ein Sprecher des Finanzministeriums sagte jedoch, dass eine vorausschauende Auseinandersetzung mit denkbaren Entwicklungen zu den Aufgaben einer Verwaltung gehöre. Daraus lasse sich aber in keiner Wiese schließen, dass man an Szenarien arbeite. Sprich: Es gibt ein gewisses Risiko, dass es zu einem Bank Run kommt – die Bundesregierung unterstützt das aber nicht.  

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Bereits in den Jahren 2010 bis 2012 stand Griechenland kurz vor einem solchen Finanzkollaps. Im Sommer 2014 räumte die griechische Zentralbank (Bank of Greece) erstmals ein, dass die EZB in den Jahren 2010 bis 2012 durch Geldtransporte per Flugzeug die griechischen Banken vor einem Bank Run bewahrte. Besonders brisant sollen die Tage unmittelbar vor der griechischen Parlamentswahl am 17. Juni 2012 gewesen sein. Damals hoben Sparer allein 3,5 Milliarden Euro ab. Mit riesigen Militärtransportmaschinen vom Typ Hercules C-130  transportierte das griechische Militär Millionen von 50 und 100-Euro-Scheinen der EZB ins Land. Damit war sichergestellt, dass die Banken genug Bargeld hatten. Besorgte Sparer bekamen ihre Guthaben ausgezahlt.

Was der „Grexit“ bedeuten würde

Worum geht es?

Dem griechischen Parlament ist es nicht gelungen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Deshalb stehen am 25. Januar Neuwahlen an. Nach Umfragen könnte die linkspopulistische Partei Syriza die künftige Regierung anführen. Deren Chef Alexis Tsipras gilt als Gegner der Sparauflagen der Troika aus Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission. Er will im Falle eines Wahlsieges Griechenlands Sparpolitik beenden und einen Schuldenerlass verlangen. Die Griechen könnten keine Sozialkürzungen mehr ertragen. (Quelle: dpa)

Wie reagiert das Ausland?

Die Bundesregierung pocht auf Erfüllung griechischer Spar- und Reformzusagen. Man erwarte von der griechischen Regierung – „egal wer sie stellt – dass die mit der EU getroffenen Vereinbarungen eingehalten werden“, sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (Montag). Mit anderen Worten: Hält sich Athen nicht an die Vereinbarungen, dreht die Troika den Geldhahn zu.

Was würde das bedeuten?

In der Folge würde die EZB griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten für Zentralbankgeld akzeptieren, so dass griechische Banken von der Versorgung mit Euro abgeschnitten würden. Das könnte das Ende Griechenlands als Mitglied des Währungsraums bedeuten. Das Land müsste eine eigene Währung einführen, die schwächer als der Euro wäre. Das würde die Rückzahlung von Schulden zusätzlich erschweren.

Kann Europa Griechenland aus der Eurogruppe werfen?

Nein. Das sehen die europäischen Verträge nicht vor. Deshalb wird wieder vermehrt über einen „Grexit“ diskutiert: Das Wort setzt sich aus „Greece“ und „exit“ zusammen und meint, dass Griechenland selbst seinen Austritt aus der Eurozone erklärt. Auch das wäre Neuland für das Eurosystem, das für einen solchen Schritt keine Regelungen kennt. Auch deshalb warnen Ökonomen wie Clemens Fuest, Chef des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW): „Ein Austritt wäre mit erheblichen Risiken behaftet, vor allem für Griechenland selbst, aber auch den Rest der Eurozone.“ Er würde es daher vorziehen, wenn Griechenland im Euroraum bliebe und seine Reformanstrengungen verstärke, sagte Fuest der „Rheinischen Post“ (Montag).

Was würde der „Grexit“ Deutschland kosten?

SPD-Fraktionsvize Carsten Schneider schätzt, dass ein Euro-Austritt Griechenlands Deutschland 30 Milliarden Euro oder mehr kosten könnte. „Wir haben fast 240 Milliarden an Krediten an Griechenland gegeben, um sie zu stabilisieren und im Euro zu halten“, sagte Schneider der Deutschen Presse-Agentur. Bei einem Umstieg auf die Drachme könne Athen das nicht zurückzahlen.

Nach Commerzbank-Berechnungen summieren sich die Schulden Griechenlands bei den europäischen Partnern, dem IWF und der EZB auf gut 257 Milliarden Euro. Diesen Berg könnte das Land im Falle eines Austritts nicht mehr abtragen. „Die Politiker in Geberländern wie Deutschland müssten ihren Wählern erklären, dass die Hilfskredite anders als stets behauptet verloren sind“, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Das wäre sehr unpopulär und würde eurokritische Parteien wie die AfD stärken.“

Wie groß ist die Gefahr, dass die Euro-Schuldenkrise zurückkehrt?

Experten halten das Risiko eines Flächenbrands für gering - auch deshalb, weil ausländische Banken ihr Engagement in Griechenland in den vergangenen Jahren tendenziell verringert haben. Die Bundesregierung hält einen „Grexit“ einem „Spiegel“-Bericht zufolge inzwischen für verkraftbar. Denn anders als beim Schuldenschnitt 2012 haben EU und EZB inzwischen Brandmauern eingezogen. Dazu gehört der Europäische Stabilitäts-Mechanismus (ESM), der Staaten im Notfall mit bis zu 500 Milliarden Euro beispringen kann. Die EZB hat ihre Geldpolitik extrem gelockert und versprochen, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu retten. Dadurch ist Vertrauen an den Finanzmärkten zurückgekehrt. Zudem haben Länder wie Spanien, Irland oder Portugal Reformen durchgesetzt, ihre Volkswirtschaften gesunden.

Wie wahrscheinlich ist der „Grexit“?

Das kann niemand vorhersagen. Noch gehen Ökonomen eher davon aus, dass Syriza die Wahlen entweder verlieren und die bisherige Regierung unter der Führung der konservativen „Neuen Demokratie“ Strukturreformen und Haushaltskonsolidierung fortsetzen wird – oder dass Tsipras zwar die Wahl gewinnt, dann aber von Wahlversprechen abrückt. „Er verspricht, Geld auszugeben, das er nicht hat und das ihm niemand leihen würde“, erklärt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schätzt das „Grexit“-Risiko auf 30 Prozent.

Ein Bank Run ist vergleichbar mit einer Lawine: Er lässt sich kaum kontrollieren. Jeder Euro, der vom Sparkonto abgehoben wird, fehlt den Banken, was wiederrum die Angst der Sparer um ihre verbliebenen Einlagen erhöht – ein Teufelskreis. Setzt der Bank-Run erst bei einer Bank ein, kann er sich schnell auf andere Banken ausbreiten.

Kommentare (16)

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G. Nampf

08.01.2015, 15:05 Uhr

Den Bankenrun könnte man nach einem Austritts Griechenlands us dem Euro ganz einfach vermeiden, wenn man die bestehenden Guthaben in Euro beließe und erst neu dazugekommene Beträge in Drachmen verbucht.

Aber auf diesem Weg kann man natürlich keine Sparer schröpfen.

Horst Schmidt

08.01.2015, 15:40 Uhr

So wird es wohl kommen, aber nicht in Griechenland sondern in Deutschland. Die Guthaben und Staatsschulden bleiben in Euro - das Leben geht weiter mit einer neuen Währung. Einer muss ja die Rechnung zahlen

Herr Manfred Zimmer

08.01.2015, 15:54 Uhr

Was die weltweit agierenden Devisenhändler von der Kunst der EZB, der Kunst Draghis halten, lesen wir am €-Kurs ab.

Wir haben jetzt auch in Deutschland italienische Verhältnisse und wäre die Aufgabe unserer Politiker, den "Tiger" zu bewachen, den sie schufen.

Die Kanzlerin hat gegen Pegida aufgerufen. Selbst hat sie nichts unternommen, dieser Gruppierung den Wind aus den Segeln zu nehmen und sie muss höllisch darauf achten, dass sich aus Pegida nicht die Anti-Merkel-Demonstration entwickelt. Man muss anerkennen, dass die Frau nicht auf demokratische Signale hört und alles totbeißt"

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