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01.07.2015

12:25 Uhr

Griechenland und die Märkte

„Die Anleger werden wieder einsteigen“

Griechenland sorgte Anfang der Woche für einen Börsenschreck. Doch Experten bleiben optimistisch: Egal, wie Griechenland sich entscheide, die Rally werde weitergehen. Nur eine Bank ist skeptisch.

Frankfurter Börse

Euro-Optimisten lassen den Dax steigen

Frankfurter Börse: Euro-Optimisten lassen den Dax steigen

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Europäische Anleger haben vom zweiten Quartal die Nase gestrichen voll, nachdem am vorletzten Tag die Griechenland-Krise den Aktien ihren schlimmsten Einbruch seit 2011 beschert hatte. Doch es gibt Hoffnung.

Terminkontrakte mit Wetten auf die Kursvolatilität zeigen nämlich, dass Händler wieder an die Rückkehr der Ruhephase glauben. Demnach werden die Kursschwankungen in nächsten drei Monaten um 27 Prozent abnehmen. Diese Einschätzung teilen auch einige der größten Fondsmanager in der Region.

JP Morgan Asset Management und Pictet Asset Management sind der Ansicht, dass die Aussichten für das Wirtschafts- und Gewinnwachstum in Europa positiv bleiben. Barclays hält an der Prognose fest, dass der Euro Stoxx 50 Index das Jahr bei 4000 Punkten beenden wird, was gegenüber dem Schlussstand vom Montag einer Erholung um 15 Prozent gleichkommen würde.

„Da ist Geld, das nur darauf wartet reinzukommen“, sagt Stephen Macklow-Smith, Leiter europäische Aktienstrategie bei JPMorgan Asset in London. Griechenland sorge für „zusätzliche Unsicherheit. Darum warten die Anleger ab, um zu sehen, wie das alles endet, bevor sie wieder einsteigen.“

Krisenglossar Griechenland

Bankenrun

Aus Angst vor der Staatspleite haben die Griechen längst Milliarden Euro von ihren Konten geholt oder ins Ausland geschafft. Steigt die Gefahr weiter, kommt es zum akuten Bankenrun: Die Kunden versuchen massenweise, ihre Konten leer zu räumen. Die Banken würden ausbluten, sie könnten den Firmen kein Geld mehr leihen, die Wirtschaftsaktivität erliegt.

Kapitalverkehrskontrollen

Um den Bankenrun zu verhindern, müssten die Banken vorübergehend ganz geschlossen und Onlinetransfers unterbrochen werden. Wenn sie wieder aufmachen, würden Auslandsüberweisungen verhindert und Abhebungen an den Automaten auf kleinere Beträge begrenzt werden. So wurde es vor drei Jahren in Zypern gemacht. Die letzten Kapitalverkehrskontrollen wurden dort erst in diesem Frühjahr wieder aufgehoben. Den massiven Eingriff müsste die Regierung in Athen praktisch über Nacht mit einem Dringlichkeitsgesetz beschließen - gezwungen werden kann sie von den Euro-Partnerländern nicht. "Die Griechen haben noch nichts vorbereitet", konstatiert ein EU-Diplomat.

Zahlungsunfähigkeit

Ob ein Staat pleite ist, bestimmen üblicherweise Ratingagenturen, indem sie einen sogenannten Credit Event feststellen. Dazu müsse es aber selbst dann noch nicht kommen, wenn Athen seine beim Internationalen Währungsfonds (IWF) fällige Rate am 30. Juni nicht begleicht, meint der Chefvolkswirt der ING-Diba, Carsten Brzeski. Denn dabei gehe es nicht um Marktpapiere. Entscheidend sei nicht der Markt, heißt es hingegen in Euro-Kreisen: Zahlt Athen nicht an den IWF zurück, könnte die EZB griechische Anleihen eigentlich nicht länger als Pfand akzeptieren und müsste den Tropf für das griechische Finanzsystem zudrehen. Die Banken müssten praktisch über Nacht abgewickelt werden.


Grexit

Eine Pleite Athens hätte nicht automatisch das Euro-Aus für Griechenland - also den Grexit - zur Folge. Tatsächlich ist ein Rauswurf aus dem Euro-Club durch die übrigen Mitglieder nur möglich, wenn die griechische Regierung am Ende selbst zustimmt: Es müsste ein neuer Vertrag geschlossen werden - mit der Unterschrift Athens. Eine große Mehrheit der Griechen will den Euro aber behalten. Bei einem Verbleib im Euro ohne weiteren finanziellen Beistand von EZB und Euro-Ländern trocknen Banken und Wirtschaft aber aus. Die Regierung wäre also zum Grexit und der Rückkehr zur Drachme gezwungen. Eine chaotische Übergangsphase von mindestens einem halben Jahr wäre die Folge, schätzt Ökonom Carsten Hefeker von der Universität Siegen.

Parallelwährung

Eine Art Mittelweg zwischen Euro und Grexit wäre die Einführung einer Parallelwährung: Weil dem Staat Barmittel fehlen, zahlt er Beamte und Rentner zumindest zum Teil mit Schuldscheinen aus. Um überhaupt noch Geschäfte zu machen, würden Händler und Dienstleister die Schuldscheine als Zahlungsmittel akzeptieren, erläutert der französische Finanzwissenschaftler Eric Dor. Wegen des Risikos wären die Schuldscheine allerdings weniger Wert als Euro. Die Schuldscheine werden in der Finanzwelt "IOU" genannt, nach dem Englischen "I Owe You" (Ich schulde Dir). Kalifornien griff im Sommer 2009 erfolgreich auf das Hilfsmittel zurück, um eine Pleitephase zu überbrücken.

Geuro

Den Begriff hat Ex-Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer erfunden, im Mai erläuterte er sein Konzept Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis. "Geuro"-Schuldscheine würden Athen finanziellen Spielraum verschaffen und durch die Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit des Landes stärken, so seine Theorie. Die Rechnung ginge aber nur auf, wenn die internationalen Gläubiger ihre Forderungen zurückstellen und das griechische Bankensystem weiter durch den Euro-Rettungsschirm gestützt würde, was unter Experten als ausgeschlossen gilt. Ein Rückweg vom Geuro zur Euro-Vollmitgliedschaft gelänge nur, wenn Athen durch Wirtschaftsreformen ein Haushaltsplus erwirtschaftet und die Schuldscheine allmählich auslösen kann.

Primärüberschuss

Die Erwirtschaftung eines Primärüberschusses - also ein Plus im Haushalt vor Abzug der Schuldentilgung - ist der entscheidende Faktor für die Gesundung der Staatsfinanzen: Wenn Athen durch Steuern und Privatisierungen mehr einnimmt als es ausgibt, kann es seine Schulden schrittweise abtragen. Die Vorgängerregierung hat durch drastische Kürzungen einen Überschuss erreicht. Stattdessen durch höhere Staatseinnahmen ein Plus zu erzielen, kann nur gelingen, wenn das Vertrauen zurückkehrt. "Dafür gibt es keinen Hinweis", sagt ING-Experte Brzeski.

Schuldenschnitt

Sowohl Athen als auch der IWF wollen die Euroländer bewegen, zumindest auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, um dem überschuldeten Land einen Neustart zu ermöglichen. Die griechische Regierung hat signalisiert, bei einem Schuldenschnitt die verlangten Reformen umsetzen zu wollen. Neben dem IWF halten auch viele Experten einen Verzicht für den einzigen gangbaren Weg. Allerdings liefe das auf ein drittes Rettungspaket hinaus. Der geplante Sondergipfel der Euro-Staaten müsste sich dafür eine Erklärung abringen, bei einem Antrag Athens ein neues Programm zu entwerfen und die Schuldentragfähigkeit zu sichern. Dafür bräuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Rückendeckung des Bundestages.

Nachdem die Zuversicht über eine Lösung der griechischen Pattsituation den Aktien ihren größten Wochengewinn seit Januar eingebracht hatte, wurden die Anleger auf dem falschen Fuß erwischt, als Ministerpräsident Alexis Tsipras am Wochenende zu einem Referendum über die Sparmaßnahmen aufrief. Das Land erließ Kapitalverkehrskontrollen und schloss Banken und Börsen, was den Euro Stoxx 50 am Montag um 4,2 Prozent abstürzen ließ. Am Dienstag schloss der Eurozone-Index weitere 1,3 Prozent tiefer.

Es erscheine zwar wahrscheinlicher, dass sich die Griechen für die Forderungen der Gläubiger aussprechen werden, meint Supriya Menon von Pictet. Doch selbst wenn nicht, wäre eine Ablehnung ihrer Einschätzung nach handhabbar.

„Es gibt eine Menge Spielraum nach oben, und das bleibt so, ob wir nun auf das Ja- oder das Nein-Szenario zulaufen“, erklärt Menon. „Das Hauptproblem ist die finanzielle Ansteckungsgefahr, doch wir glauben, dass es Schutzwälle gibt.“

Auch Strategen von Bank of America bis Barclays stoßen ins gleiche Horn. Die Verantwortlichen in Europa werden wahrscheinlich eingreifen, um die Auswirkungen eines griechischen Zahlungsausfalls oder Euro-Austritts einzudämmen. So könnte zum Beispiel die Europäische Zentralbank ihre quantitative Lockerung anpassen, um die Anleihen aus den Peripherieländern zu stützen, schrieben James Barty und Tommy Ricketts von Bank of America am 28. Juni in einer Analyse.

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