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28.01.2015

12:46 Uhr

Griechenland und EZB

„Alle schauen auf Mario“

VonJessica Schwarzer

Die neue Regierung in Griechenland dürfte die Anleger nicht lange erschrecken, erklären zwei Finanzprofis im Interview. Warum die Aktien-Hausse weitergeht und wie viel Risiko Anleger eingehen sollten.

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), bei der jüngsten EZB-Pressekonferenz in Frankfurt. dpa

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), bei der jüngsten EZB-Pressekonferenz in Frankfurt.

Wir treffen uns kurz nach der Griechenland-Wahl, deren Ausgang die europäischen Aktienmärkte überraschend kalt lässt. Die Lage ist heute eine ganz andere als noch vor zwei Jahren, sind Stefan van Geyt und Robert Greil überzeugt. Kein Wunder, hat doch Mario Draghi gerade erst seine Wunderwaffe ausgepackt. Was Greil, Chefstratege bei Merck Finck, und van Geyt, Chief Investment Officer der KBL European Private Bankers, die über Merck Finck ihre Private-Banking-Dienstleistungen anbieten, Anleger jetzt raten und wo gerade konservative Anleger jetzt noch Rendite finden.

Die linke Syriza-Partei hat wie befürchtet die Wahl in Griechenland gewonnen, doch der Dax zeigte sich unbeeindruckt? Überrascht Sie das?

Stefan van Geyt ist CIO des Dienstleisters KBL European Private Bankers.

Dienstleister für Privatbanken

Stefan van Geyt ist CIO des Dienstleisters KBL European Private Bankers.

Stefan van Geyt: Die Marktreaktion war in der Tat recht ruhig. Das liegt aber auch daran, dass die Märkte sich lange auf einen Sieg der Syriza-Partei vorbereiten konnten. Dass sie gewinnt, war angesichts der Umfragen klar. Die Frage war lediglich, ob sie alleine regieren kann oder einen Partner braucht.

Vor zwei Jahren haben die Märkte deutlich sensibler auf Nachrichten geschweige denn so gewichtige Entscheidungen wie Wahlergebnisse reagiert ...
Van Geyt: Vor zwei Jahren standen wir, neben Griechenland, noch vor weiteren Herausforderungen: Die Lage war insgesamt sehr angespannt – gerade hinsichtlich Ländern wie Italien und Spanien.

Das Dilemma Griechenlands in Zahlen und Fakten

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25,5 Prozent. Bei den unter 25-jährigen Erwerbspersonen ist sogar fast jeder zweite ohne Job. Nach jüngsten Erhebungen liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 48,4 Prozent.

Staatsschulden

Griechenland hat insgesamt Schulden in Höhe von rund 320 Milliarden Euro (Stand September 2014). Das sind fast 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die EU und der Internationale Währungsfonds haben dem Land mit Darlehen in Höhe von rund 240 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen.

Einkommen

Nach übereinstimmenden Angaben von Regierung und Gewerkschaften mussten die Menschen in Griechenland seit 2009 im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 30 Prozent hinnehmen. Im öffentlichen Dienst wurden Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. Auch Renten wurden massiv gekürzt.

Öffentlicher Dienst

Nach jüngsten Zahlen arbeiten derzeit 675 000 Menschen im öffentlichen Dienst. Das sind rund 277 000 weniger als noch 2009. Allein im Jahr 2014 wurden 9500 Staatsbedienstete entlassen. Zudem wurden viele Stellen nach altersbedingtem Ausscheiden von Angestellten nicht nachbesetzt. Die Regierung Tsipras steuerte der Entwicklung jedoch gegen – und stellte per Gesetz rund 4000 zuvor entlassene Staatsdiener wieder ein.

Wirtschaftswachstum

Erstmals nach vielen Rezessionsjahren wuchs die Wirtschaft 2014 nach vorläufigen Zahlen um 0,7 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission einen Zuwachs von nur 0,5 Prozent.

Und das ist heute anders?
Van Geyt: Heute ist Griechenland ein Einzelfall. Speziell Spanien, aber auch Italien geht es wieder sehr viel besser, was schon an den Kursen der Staatsanleihen abzulesen ist.

Robert Greil: Die Ansteckungsgefahr ist nicht mehr vergleichbar mit der damaligen Situation. Dass die Märkte bisher kaum auf die Griechenland-Wahl reagieren, liegt auch am Anleihekaufprogramm der EZB, das aggressiver als erwartet ausgefallen ist. Hier sehen wir gerade erst die Ankündigungseffekte. Die eigentlichen Liquiditätseffekte der Ausweitung beginnen erst im März, wenn die EZB tatsächlich auch Staatanleihen kauft.

Ist es mittlerweile egal, ob es den Griechen mehr oder weniger schlecht geht?
Van Geyt: Nein, soweit würde ich nicht gehen. Man muss aber sehen, dass es in den vergangenen fünf Jahren große Sparanstrengungen und Fortschritte gab.

Die neue Regierung in Athen könnte aber mit ihrem Anti-Euro- und Anti-Spar-Kurs einiges kaputtmachen ...
Van Geyt: Ich bin da weniger pessimistisch. Das Ganze dürfte in einem demokratischen Prozess ablaufen. Es wird verhandelt werden – und nicht alles einfach aufgekündigt.

Greil: In den kommenden Wochen ist mit einigen Gerüchten und Spekulationen hinsichtlich der anstehenden Verhandlungen Griechenlands mit der Troika zu rechnen, worauf die Märkte durchaus nervös reagieren könnten. Aus meiner Sicht wird es aber am ehesten auf einen Kompromiss mit den Griechen hinauslaufen, da für beide Seiten viel auf dem Spiel steht.

Kommentare (16)

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Herr Thomas Albers

28.01.2015, 13:23 Uhr

"aber auch Italien geht es wieder sehr viel besser, was schon an den Kursen der Staatsanleihen abzulesen ist."

Na klar. *g* Als ob die Anleihekurse Italiens - kurz vor Ramsch - irgendwie das Risiko abbilden würden. Gäbe es Draghis Aktionismus nicht, wären die Anleihen sogar Ramsch...

Die Italiener stehen vor riesigen Problemen, die sie nicht beseitigt haben... die Situation hat sich nicht zum besseren gewandelt, sondern die Märkte haben sich nur daran gewöhnt und manche haben sogar Vorsorge getroffen. Sobald allen der tatsächliche Zustand Italiens bewusst wird, herrscht da wieder Panik.

Herr Wolfgang Wüst

28.01.2015, 13:32 Uhr

Was hat sich denn geändert, außer der Rotationsfrequenz der Gelddruckmaschinen?

Nicht einmal der deutsche Musterknabe hat seit der Finanzkrise 2008 einen Cent Schulden abgebaut. Europa in Summe hat seither viele Hundert Milliarden Euro mehr an Schulden angehäuft. Nie im Leben werden die zurückgezahlt.- Wovon auch!

Und die Gesundbeterei des Griechenproblems! - Ich bin schon mal gespannt, wenn die über 300 Milliarden Euro tatsächlich bei den Gläubigern als Teil- oder Totalverlust gebucht werden, was dann wirklich passiert. Den Gläubigern steht nämlich zum überwiegenden Teil das Wasser selbst bis zum Hals. Da könnte das griechische Glas ganze Fässer zum Überlaufen bringen.

Herr Daniel Huber

28.01.2015, 13:40 Uhr

van Geyt: Heute ist Griechenland ein Einzelfall. Speziell Spanien, aber auch Italien geht es wieder sehr viel besser, was schon an den Kursen der Staatsanleihen abzulesen ist.
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Das kann einfach nicht wahr sein, in welcher Welt lebt Herr van Geyt?!
Bei Portugal, Spanien, Italien, wahrscheinlich auch Frankreich ist es ja genau gleich, die Überschuldung kann nur durch einen Staatsbankrott gelöst werden, weil es gibt keine Alternative, dass ist das großartige Wort unserer Eurokraten, dass ja in geradezu demokratieverächtlicher Form imm verwenden, nämlich ALTERNATIVLOS mal angebracht.Ein Staatsbankrott für die meisten größeren Teilhaber der Eurozone ist alternativlos.
Wenn ich noch nicht einmal die Zinsen für meine aufgelaufenen Schulden aufbringen kann und mir noch niemand mehr Geld leiht dafür, dass ich wenigstens die Zinsen bezahlen kann, was ja auch schon pervers ist, diese Perversion findet ja durch die Eurozone statt.
Was hat die Eurozone stattdessen gemacht?
Sie hat Griechenland die Staatspapiere garantiert, dass heisst, sie hat allen Gläubigern gesagt, keine Angst, zurecht geht ihr davon aus, Griechenland ist keinen Cent mehr wert an nachgeschmissenem Geld, aber hallo, die Europäische Zentralbank und die Eurozone als solche, dürfte doch als Schuldner noch valabel sein, also könnt ihr doch Griechenland weiter Geld leihen.“

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