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14.02.2017

16:02 Uhr

Hochbezahlte Manager

Investoren wollen Vergütungsexzesse einschränken

VonFelix Holtermann

Pensionsfonds und Anleger gehen verstärkt gegen hohe Managergehälter vor. 2016 wurden Vergütungspläne in den USA und Großbritannien so häufig abgelehnt wie zuletzt vor fünf Jahren. Auch in Deutschland wächst die Kritik.

Die Diskussion über wachsende Lohnungleichheit ist auf den Hauptversammlungen angekommen. dpa

Demo vor der Zentrale der Deutschen Bank

Die Diskussion über wachsende Lohnungleichheit ist auf den Hauptversammlungen angekommen.

DüsseldorfDer Wind dreht sich. Schien es lange so, als wären die Vorstandsetagen abgeschirmt von der Debatte über wachsende globale Ungleichheit, so formiert sich nun Widerstand. Eine Gruppe will jetzt gegen Boni-Exzesse und Rekordvergütungen von Topmanagern vorgehen, die man bislang nicht unbedingt auf der Liste hatte – die gleichzeitig aber umso einflussreicher ist: große Investoren. Das berichtet die Financial Times (FT).

„Man müsste schon den Kopf in den Sand stecken, um nicht die öffentliche Einstellung zur Managervergütung mitzubekommen“, sagte Euan Stirling, Verwaltungschef der britischen Versicherung Standard Life, der FT. Standard Life verwaltet ein Vermögen von 200 Milliarden Euro, investiert es in Unternehmensbeteiligungen, mit den Erträgen werden etwa die Renten von Millionen Kunden bezahlt. Doch bei Standard Life ist man unzufrieden mit den Vorstandsbezügen vieler Firmen, die sich zunehmend unabhängig vom Geschäftserfolg entwickeln. Standard Life hat daher nun strengere Abstimmungsregeln zur Managementvergütung aufgesetzt.

Standard Life steht mit diesem Schritt nicht allein. Auch andere mächtige Versicherungen und Investmentgesellschaften – darunter Fidelity, Aberdeen, Calpers und Henderson – wollen 2017 den Druck auf Unternehmen erhöhen, um Gehaltsexzesse zu unterbinden und die Transparenz zu erhöhen.

Studie zur Kluft zwischen Arm und Reich

Armeanteil

Der Anteil der Armen ist in den vergangenen Jahren gestiegen – von 11 Prozent 1993 über 13,1 Prozent 2003 bis auf 15,3 Prozent 2013. Gemessen werden die Personen mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen mittleren Einkommens.

Aufstiegschancen

Jeder Zweite, der 2009 arm war, war dies auch 2013. Rund 36 Prozent schafften es in die untere Mitte, sieben Prozent in die obere Mitte, sechs Prozent weiter nach oben. Rund 20 Jahre zuvor, im Vergleich von 1991 zu 1995, lag der Anteil der Aufsteiger in die untere Mitte mit 47 Prozent noch deutlich darüber, nur 42 Prozent waren damals arm geblieben.

Mittelschicht

Rund 57 Prozent der Angehörigen der oberen Mitte blieben zuletzt binnen fünf Jahren, wo sie bereits standen, 24 Prozent sackten ab, rund 20 Prozent gelang ein weiterer Aufstieg. Knapp 20 Jahre vorher blieb die Lage bei rund 54 Prozent konstant, für 31 Prozent ging es bergab, 15 Prozent konnten sich verbessern.

Ostdeutschland

Die ostdeutsche Einkommensverteilung hat sich seit den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung stark verfestigt. Damals ging es für viele Arme zunächst bergauf, für Reiche erst einmal bergab. Zuletzt blieben fast doppelt so viele Personen über fünf Jahre hinweg arm, nämlich 54 Prozent der Armen. Auch in der obersten Klasse hat sich der Anteil jener, die geblieben sind, annähernd verdoppelt – auf 52 Prozent. Abstiegsrisiken für Personen in der oberen Mitte sind zurückgegangen.

Stagnation

Nur rund 30 Prozent der Menschen, die von 2009 bis 2013 aus Armut aufsteigen, sind Migranten. Bei denen, die arm bleiben, sind es fast 36 Prozent. Mehr als 63 Prozent der arm Bleibenden haben maximal einen Hauptschulabschluss. Bei denen, die aufsteigen, sind es nur 39 Prozent. Zudem überwiegen Rentner unter den Personen, die arm bleiben. Wer aufsteigt, ist im Vergleich zu denen, denen der Aufstieg nicht gelingt, häufiger Arbeiter und vor allem häufiger Angestellter.

Schulabschluss

Migranten sind unter jenen, die aus der Mitte in Armut absteigen, am stärksten vertreten. Und fast zwei von drei derer, die aus der Mitte zu den Reichen aufsteigen, haben Abitur, fast jeder Zweite von ihnen hat einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Mehr als jeder zweite Aufsteiger arbeitet als Angestellter – bei Absteigern sind es lediglich 16 Prozent. Erstere sind auch deutlich häufiger Selbständige oder Beamte.

Soziale Mobilität

In den Wirtschaftswunderjahren nahm die soziale Mobilität in Deutschland ein vorher nie gekanntes Ausmaß an. Für die meisten ging es deutlich nach oben – Soziologen verglichen die Entwicklung mit einem Fahrstuhl. Vor allem im Vergleich zur vorangegangenen Generation ging es den meisten besser. Bereits für die Geburtenjahrgänge ab den 60er Jahren gilt anderes: Das Risiko, gegenüber dem eigenen Elternhaushalt sozial abzusteigen, ist gestiegen. Wie die neue Studie zeigt, bleibt bei vielen die Einkommenslage derzeit über Jahre gleich, mit wachsender Tendenz – der Fahrstuhl stockt.

Der Trend beschränkt sich nicht auf bloße Ankündigungen: Bereits 2016 lag die Zahl der Investorenproteste laut FT auf dem höchsten Wert seit fünf Jahren. Daten des britischen Informationsdienstes Manifest zeigen, dass sich 2016 zwischen zehn und 20 Prozent aller Anteilseigner weigerten, Vergütungspläne abzusegnen – bei 62 Großunternehmen aus dem US-Index S&P500 sowie bei 18 Firmen aus dem britischen FTSE 100.

Eine ausgewachsene Rebellion, bei der mehr als die Hälfte der Anteilseigner einen Vorschlag zur Managementvergütung ablehnten, gab es bei sieben der größten US-Unternehmen und bei drei britischen. Der Anlegerzorn traf unter anderem den Ölkonzern BP, den Haushaltswarenhersteller Reckitt Benckiser, den Rohstoffkonzern Anglo American, die IT-Firma Oracle und das Medienunternehmen WPP, dessen Chef Martin Sorrell 2016 ganze 70 Millionen Pfund verlangte. Ein Drittel der Anteilseigner votierte dagegen, ähnliches geschah kürzlich beim Reisekonzern Thomas Cook. Der Zigarettenhersteller Imperial Brands musste seinen Vergütungsplan abändern.

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Einer der größten Kritiker überhöhter Bezüge ist Dominic Rossi, Chefanlagestratege beim US-Vermögensverwalter Fidelity. Er hat häufig gegen Vergütungspläne votiert. „Ich habe keinen Zweifel, dass die Vermögensverwaltungsbranche zunehmend der Ansicht ist, dass hier ein stärkerer Druck auf Unternehmen ausgeübt werden muss“, sagte Rossi gegenüber der FT. Fidelity beaufsichtigt ein Anlagevermögen von 284 Milliarden Dollar und will 2017 gegen jedes Vergütungsgremium stimmen, wenn der Vergütungsplan des Unternehmens zum zweiten Mal in Folge unakzeptabel erscheint. Andere Pensionsfonds und Vermögensverwalter wollen in Zukunft verstärkt den sogenannten „Quantum“-Wert heranziehen, die Gesamthöhe der Zahlungen an das Topmanagement. Damit soll die „angemessene Gehaltssumme“ abgeschätzt werden.

Nicht zuletzt die politische Kritik am Verhalten von Topmanagern – und dem Absegnen ihrer Bezüge durch die Anteilseigner – hat laut Financial Times zu einem Umdenken geführt. „Es gibt das Gefühl, dass das Big Business aus dicken Katzen besteht, die sich vor allem um sich selbst kümmern. Die Bezahlung ist außer Kontrolle geraten“, zitiert die Zeitung einen Investor.

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Bosse sollten mehr Haltung zeigen und Mut beweisen. Gefragt sind Manager, die auch in der Öffentlichkeit als Vorbild wahrgenommen werden und nicht nur Umsatz- und Gewinnsteigerung und eigene Boni im Blick haben.

Auch in Deutschland ist die Debatte angekommen. „Die Vergütungen des Topmanagements werden auf den Hauptversammlungen immer aktiver diskutiert“, sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Die Aktionäre entscheiden nicht abgekoppelt von der gesellschaftspolitischen Diskussion.“

Und es wird nicht nur diskutiert – der Widerstand gegen hohe Gehälter nimmt zu. So hat die Zustimmungsrate im Bereich Vorstandsvergütung bei den Dax-30-Unternehmen deutlich abgenommen. Laut einer Erhebung der DSW sind die Neinstimmen zu Vorstandsvergütungssystemen stark angestiegen: Von 3,7 Prozent im Jahr 2014 über 7,2 Prozent 2015 auf ganze 23,8 Prozent im vergangenen Jahr. „Die Aktionäre sind deutlich kritischer geworden. Und das gilt nicht nur für Privatanleger. Auch viele institutionelle Investoren vertreten heute aktiv ihre Stimmrechte“, erklärt Kurz. Früher hätten sie sie oft verfallen lassen, oder gleich unkritisch mit dem Management gestimmt.

Klar ist aber auch: Die Größenordnungen in Deutschland unterscheiden sich von denen in den USA und Großbritannien. Während der bestbezahlte US-Vorstandschef, Robert Iger von Walt Disney, 2016 ein Gehalt von 39,2 Millionen Euro bekam, musste sich der Topverdiener unter den deutschen Konzernlenkern, Dieter Zetsche von Daimler, mit 8,5 Millionen Euro bescheiden.

Vielleicht wirkt der kritische Geist der Aktionäre aber auch bereits: Martin Winterkorn hatte als VW-Chef 15 Millionen Euro kassiert.

Kommentare (1)

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Herr Tante Mila

14.02.2017, 17:26 Uhr

Wie sagte doch Nikolaus von Bomhard (mUnich RE) neulich noch: „Die Vorgabe einer Höchstquote wäre ein deutlicher Eingriff in die Eigentümerrechte.“

Tja, so ein Pech, jetzt kommen die Eigentümer selbst auf die Idee, dass hier etwas nicht stimmt.

Höchste Zeit für die Aufsichtsräte, sich mal darüber Gedanken zu machen, ob sie als gewählte Aktionärsvertreter wirklich noch die Interessen der Aktionäre vertreten, z. B. durch solche Deals wie mit Christine Hohmann-Dennhardt, Martin Winterkorn, etc.

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