Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.05.2014

11:13 Uhr

Ifo-Chef

Sinn sieht EZB-Strafzinsen den Sparern schaden

Beschließt die EZB am Donnerstag den Strafzins auf Bankeinlagen? Ifo-Chef Hans-Werner Sinn warnt vorab vor den Folgen: „Den Schaden haben die Sparer, deren Zins nun noch weiter unter die Inflationsrate gedrückt wird.“

Hans-Werner Sinn ist seit 1999 Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Reuters

Hans-Werner Sinn ist seit 1999 Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

München/BerlinIn der Debatte um Strafzinsen für Bankeinlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) hat der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, vor möglichen Folgen für die Sparer gewarnt. Das ohnehin schon extrem niedrige Zinsniveau könnte abermals sinken, wenn Geschäftsbanken für bei der EZB deponiertes Geld einen sogenannten negativen Einlagezins zahlen müssten. „Den Schaden haben die Sparer, deren Zins nun noch weiter unter die Inflationsrate gedrückt wird“, sagte Sinn dem Magazin „Wirtschaftswoche“.

Sparkonten, aber auch viele Finanzprodukte werfen derzeit kaum Erträge ab, weil der Leitzins im Euroraum auf einem Rekordtief von 0,25 Prozent verharrt. Dagegen befeuert das billige Zentralbankgeld die Aktienmärkte. Um die Banken zu einer stärkeren Kreditvergabe an Verbraucher und Unternehmen anzuregen, anstatt große Summen bei der EZB zu parken, wird die Einführung eines entsprechenden Einlagezinses bei der Notenbank diskutiert. Eine solche Entscheidung könnte bereits bei der kommenden EZB-Sitzung am Donnerstag fallen. Experten halten dort außerdem eine weitere Senkung des Leitzinses für möglich.

Niedrige Inflation: Wie reagiert die EZB?

Was spricht für ein Eingreifen der EZB?

Die Inflation im Euro-Raum lag im Mai bei 0,5 Prozent – und damit weit entfernt von der Zielmarke der EZB von nahe zwei Prozent. Die Entwicklung erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen niedrig zu halten oder noch unter das Rekordtief von 0,25 Prozent zu senken. EZB-Präsident Mario Draghi hatte betont, die Notenbank werde sich notfalls entschieden gegen einen Preisverfall stemmen.

Warum sind sinkende Preise schlecht?

Für Verbraucher sind sinkende Preise zunächst erfreulich, schließlich bekommt man mehr für sein Geld. Die Gefahr ist, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt, wenn die Preise auf breiter Front fallen. Ökonomen nennen das Deflation. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen hinauszögern - in der Erwartung, dass es in den nächsten Monaten noch günstiger für sie wird. Das könnte die ohnehin noch fragile Erholung der Konjunktur in Europa abwürgen.

Wie real ist die Deflations-Gefahr?

„Eine handfeste Deflation ist in der Eurozone eine sehr weit entfernte Gefahr“, meint Berenberg-Volkswirt Christian Schulz. Das betont auch regelmäßig das EZB-Spitzenpersonal. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte Mitte März erklärt, er halte die Risiken von Preis- und Lohnrückgängen auf breiter Front im Euroraum für sehr begrenzt.

Was kann die EZB tun?

Bei den Zinsen hat die EZB den Boden fast erreicht. Mit einem Leitzins von 0,25 Prozent ist Zentralbankgeld für die Banken im Euroraum bereits extrem günstig. Ob eine weitere Zinssenkung die Geldinstitute dazu bewegen würde, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln, ist umstritten. Denkbar wäre, dass die EZB den Zins für Geld, das Geschäftsbanken bei der Notenbank parken, unter Null senkt. Theoretisch möglich wäre auch, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen aufkauft.

Bringen noch niedrigere Zinsen überhaupt etwas?

Theoretisch animiert das billige Geld Unternehmen zum Investieren und Verbraucher zum Konsumieren - beides kurbelt die Konjunktur an und erhöht so den Preisauftrieb. Doch gerade in den kriselnden Eurostaaten in Südeuropa blieb die Kreditvergabe zuletzt schwach. Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) kann die EZB mit noch billigerem Geld dagegen so gut wie nichts ausrichten.

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, äußerte sich ebenfalls skeptisch zu dem Strafzins auf Bankeinlagen bei der EZB. Die Kreditvergabe lasse sich so kaum zusätzlich ankurbeln, sagte der Ökonom dem Magazin: „Es ist eher als symbolische Geste zu verstehen.“ Mit Blick auf eine mögliche weitere Leitzinssenkung verlangt der Bundesverband deutscher Banken von der Politik, staatliche Zinsersparnisse in Steuersenkungen umzumünzen.

Gastbeitrag: Warnung vor Draghis neuer Geldschwemme

Gastbeitrag

Warnung vor Draghis neuer Geldschwemme

Angesichts der anhaltend niedrigen Inflation im Euro-Raum werden Strafzinsen für Banken immer wahrscheinlicher. Die EZB würde damit allerdings nicht nur Sparer schädigen, sie beginge erneut einen Rechtsbruch.

Von

dpa

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

05.06.2014, 12:07 Uhr

Wenn Professor Sinn die Verluste für die deutschen Sparer anprangert, lacht sich Draghi
halbtot.

Account gelöscht!

05.06.2014, 12:17 Uhr

Allein auf Deutschland bezogen,sind die Schulden gegenüber 2009 weiter gestiegen (grob geschätzt € 30 Mrd., ich müßte es genau nachschauen), der Zinsaufwand im Bundeshaushalt gegenüber 2009 ? ist jedoch um ca. € 20 Mrd. gefallen. Die Niedrigverzinsung ist also eine versteckte Steuererhöhung, auf den ersten Blick - zur Freude der Politik - nicht zu erkennen.
Allerdings haben auch private Schuldner heute geringere Zinsaufwendungen als noch vor ein paar Jahren. Privatpersonen ohne Schulden finanzieren also auch Privatpersonen mit Schulden, was jedem Gerechtigkeitsempfinden(das von den Politikern ja so oft strapaziert wird) widerspricht. Den Privatpersonen ohne Schulden kann nur entgegegnet werden: Ihr seid ja selbst schuld, wenn ihr keine (werthaltige und(oder) nicht werthaltige) Schulden habt. Mit den niedrigen Zinsen zu Lasten der Sparer wird zudem verhindert, daß weitere Banken in finanzielle Schieflage geraten. Geordnete Bankinsolvenzen gibt es ja immer noch nicht. Die Subventionierung des Bankenbereichs nach "too big to fail" findet somit weiterhin durch die niedrigen Zinsen zu Lasten des Sparers statt, was die Politik nach ihren Beteuerungen ja eigentlich verhindern will. Durch niedrige Zinsen für Sparer Bankenpleiten zu verhindern, ist natürlich der viel elegantere Weg als durch "Bail Ins" zu Lasten der Bankengläubiger und "Bail Outs" zu Lasten der Steuerzahles.
Die Niedrigzinsen und vielleicht sogar Negativzinsen bewirken eine völlig ungerechte Fehlallokation von Finanzmitteln. Folge: Der Effekt, daß die reichen immer noch reicher werden, während die Mittel-und Unterschichten immer ärmer werden, wird durch die Zinspolitik der Notenbanken exponentiell verstärkt.

Wie und durch wen kommen wir aus dieser grundsätzlich ungerechten Situation heraus?. Sicher erscheint mir nur: Nicht durch die Zins-und Geldpolitik der Zentralbanken.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×