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18.03.2012

13:42 Uhr

Altersdomizil

Senioren möchten in die City

VonAnette Kiefer

Bei der Suche nach einem Altersdomizil ist nicht nur die Einrichtung entscheidend, sondern vor allem eine zentrale Lage. Die „Villa Abendfrieden“ ist dagegen nicht mehr so begehrt.

Den Lebensabend mitten im Grünen verbringen. Aber abgeschieden darf die Altersresidenz nicht sein. gms

Den Lebensabend mitten im Grünen verbringen. Aber abgeschieden darf die Altersresidenz nicht sein.

DortmundSeniorenresidenz, Altenstift, Pflegeheim, betreutes Wohnen: Wer für sich oder seine Angehörigen einen Altersruhesitz sucht, hat heute die Qual der Wahl. Dabei kommt es nicht nur auf die Bezeichnung oder Ausstattung der Häuser an – zunehmend richten sich die Senioren bei ihrer Entscheidung auch nach der Lage der Residenzen. Die einen wollen den Lebensabend lieber mitten in einer pulsierenden Großstadt verbringen, andere träumen nach einem hektischen Arbeitsleben von der beschaulichen Residenz auf dem Land.

Immerhin 3,7 Millionen Menschen sind heute älter als 80 Jahre; bis 2020 soll diese Zahl auf sechs Millionen anwachsen, hat das Kuratorium Wohnen im Alter (KWA) errechnet. „Es ist ganz wichtig, die persönliche Biographie des Menschen mit in die Entscheidung einzubeziehen“, sagt der Altersforscher Bernhard Mann, Dozent für Sozialmedizin an der Uni Koblenz. „Wer ein akademisches und vielfältiges Leben geführt hat, dem wird es schwerfallen, sich im Alter aufs Land zurückzuziehen.“

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Viele Menschen würden mit einem starken Bruch zwischen Berufsleben und Ruhestand nicht glücklich, hat Mann beobachtet. Auch wer sein Leben auf dem Land oder in einer kleinen Stadt verbracht habe, fühle sich oft nicht wohl, wenn er dann im Ruhestand in die Großstadt zieht – auch wenn er davon jahrzehntelang geträumt hat. Und gerade wenn das Gedächtnis im Alter nachlässt, sei es hilfreich, wenn der Wohnsitz „die Identität des alten Menschen stützt“, rät Mann.

Sowohl große Metropolen als auch kleinere Städte und Kurorte können den Senioren dabei einiges bieten und besitzen jeweils eigene Vorteile. Wer sich in einer Großstadt wie Berlin zur Ruhe setzt, kann neben dem kulturellen Programm von Weltklasse auch aus einer großen Zahl von erstklassigen Residenzen wählen – etwa dem Fünfsternehaus Tertianum, wo den Bewohnern sogar ein eigenes Weinabteil im Keller sowie ein Unterhaltungsprogramm im Haus geboten wird; oder dem Uferpalais am Spandauer See in historischem Gemäuer.

Denn oft gilt: Je größer die Stadt, desto größer auch die Auswahl an hochklassigen Residenzen. Das hat einen einfachen wirtschaftlichen Hintergrund, sagt Markus Bienentreu, Geschäftsführer des Immobilien-Beratungsunternehmens Terranus. „Eine Vier- bis Fünfsterneresidenz benötigt auch einen Vier- bis Fünfsternestandort. Denn ein solches Haus rechnet sich erst ab rund 180 Apartments, und dafür muss der Einzugsbereich der jeweiligen Stadt bei mindestens 200000 bis 500000 Einwohnern liegen.“

Kleinere Städte punkten dagegen mit anderen Anreizen: besserer Luftqualität, weniger Anonymität und nicht zuletzt dem preisgünstigeren Angebot an Seniorenwohnungen. Zudem legen sich hier nicht selten auch die Stadtverwaltungen besonders für ihre älteren Mitbewohner ins Zeug: 2010 etwa ging der Stiftungspreis für die „seniorenfreundlichste Stadt Deutschlands“ nicht etwa nach München oder Hamburg – ausgezeichnet wurde Arnsberg in Nordrhein-Westfalen mit gerade einmal 80000 Einwohnern. Hier hatte die Verwaltung unter anderem eine eigene Fachstelle namens „Zukunft Alter“ eingerichtet und eine Seniorenakademie ins Leben gerufen.

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Nicht mehr so gefragt wie früher ist dagegen die beschauliche Idylle, die Stadtplaner mit dem Begriff „Villa Abendfrieden“ beschreiben: ein kleines Pflegeheim, abgeschieden vom Trubel der Stadt. „Einfach nur irgendwo, irgendwie, irgendetwas auf der grünen Wiese neu zu bauen, bringt noch lange keine Nutzer“, sagt Stefan Arend, Vorstand des Kuratoriums Wohnen im Alter.

Zudem werde der Wunsch der Senioren nach Natur und Ruhe oft erstaunlich überschätzt, sagen die Experten. „Wenn Sie ein Haus planen, das vorn an eine dreispurige Straße grenzt und hinten zum Wald hinausgeht, sind die Zimmer an der vorderen Seite schneller belegt als die an der ruhigen Seite“, sagt Markus Bienentreu. Der Grund: „Die Leute wollen auch im Alter weiterhin am Leben teilnehmen – und beobachten können, was sich draußen tut.“ 


Kommentare (6)

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Account gelöscht!

18.03.2012, 15:08 Uhr

Unser Oma Hilde möchte auch in die City (Werne) zu Ihrer Enkelin und anderen Verwandten. Noch tut sie sich schwer.

trottellumme

18.03.2012, 15:32 Uhr

Das hat weit weltlichere und praktische Gruende. Gerade in Mobilität mehr und mehr eingeschränkt, ist der alte Mensch auf bestehende Infrastruktur in Reichweite angewiesen. Diese ist aber ausserhalb der Stadt nicht mehr gegeben.Schlagwort: àrztemangel auf dem Land etc, aussterbende Tante Emma Laeden

Hermann.12

19.03.2012, 09:03 Uhr

Die Entwicklung ist logisch, wenn auch nicht zwingend.
Logisch deshalb, weil mit dem Ruhesitz außerhalb der Metropolen nicht auch sozialer Anschluss dort verbunden ist.
Wo der gegeben ist, muss dieser Mangel auch nicht durch leichteren Markt- und Konsumzugang kompensiert werden.
Da die aktuelle Generation der Rentner sich geradezu auszeichnet eben die Flucht aus ehemals zu engen sozialen Bindungen angetreten zu haben, kann es kaum verwundern, dass sie sich schwer tut solche Bindungen erneut einzugehen. Und mit abnehmender Mobilität erneut die Flucht in die Stadt antritt.
Dort wo die traditionellen sozialen Bindungen flexibler waren und deshalb erhalten blieben, ist deshalb auch wenig Drang zu verspüren im Alter fortzuziehen.

H.

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