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22.01.2011

10:00 Uhr

Aufgeheizter Häusermarkt

Schweden fürchten Immobilienblase

VonHelmut Steuer

Deutliche Worte scheut Schwedens Finanzminister nicht: Es gäbe "ernsthafte Risiken", sagte Anders Borg in dieser Woche. Nicht etwa der schwache, von Schweden verschmähte Euro war gemeint, sondern die Entwicklung auf dem schwedischen Immobilienmarkt.

Blick auf die Altstadt von Stockholm: Die hohen Immobilienpreise bereiten auch Schwedens Politikern Sorgen. Quelle: ap

Blick auf die Altstadt von Stockholm: Die hohen Immobilienpreise bereiten auch Schwedens Politikern Sorgen.

STOCKHOLM. Von einer Blase allerdings will Borg nicht sprechen. Dennoch erteilte er der schwedischen Finanzaufsicht den Auftrag, die Möglichkeiten für eine zwangsweise Tilgung von Hypotheken zu untersuchen. Bislang nämlich entscheidet der Hypothekennehmer zusammen mit seiner Bank, ob und wie viel Schulden er jährlich zurückzahlen will.



Was nicht nur dem Finanzminister, sondern auch Zentralbankchef Stefan Ingves Sorgen bereitet, ist die immer höhere Verschuldung der Haushalte in Kombination mit den seit einem Jahrzehnt steigenden Immobilienpreisen. Tatsächlich verteuerten sich Eigentumswohnungen in Schweden seit 2000 um 153 Prozent. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis lag im vergangenen Jahr bei 21 000 Kronen, etwa 2 400 Euro. In der Hauptstadt Stockholm allerdings erreicht er mehr als 42 000 Kronen (4 700 Euro), in Toplagen wie dem Stadtteil Östermalm geht der Quadratmeter Wohnung aber auch für 8 000 Euro weg.

Bei Einfamilienhäusern war die Entwicklung etwas weniger dramatisch. Sie stiegen im vergangenen Jahrzehnt "nur" um 72 Prozent. Mehrere Analysten vertreten daher die Ansicht, dass die Preise für Wohnungen derzeit um 40 Prozent überteuert sind - für Bengt Hansson von der staatlichen Behörde für Kreditbürgschaften ein Indiz, dass die Preise über kurz oder lang fallen müssen.



Anderer Auffassung ist Tomas Pousette, Analyst beim staatlichen Hypothekeninstitut SBAB. Das Angebot an Mietwohnungen sei wegen der geringen Bautätigkeit und des stark regulierten Marktes niedrig. "Dies hält die Nachfrage nach Eigentumswohnungen und Häusern auf einem hohen Niveau.

Überteuerte Immobilien indes sind nicht der alleinige Grund für die zunehmenden Sorgen der Ökonomen. Hinzu kommt die hohe, im vergangenen Jahrzehnt um jährlich zehn Prozent auf 2 500 Milliarden Kronen (280 Milliarden Euro) gestiegene Verschuldung der privaten Haushalte. Niedrige Kreditzinsen und die Möglichkeit, 30 Prozent der Hypothekenzinsen vom zu versteuernden Jahreseinkommen abzuziehen, haben das Schuldenmachen in Schweden zu einem Volkssport werden lassen. Damit unterscheidet sich das skandinavische Land von seinen Nachbarn, wo das Schuldenmachen steuerlich weniger begünstigt wird.

Kommentare (1)

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Mikael Bertilsson

23.01.2011, 16:32 Uhr

Liebe Redaktion des Handelsblatts, Eigentumswohnungen ("äganderätt") gibt es in Schweden praktisch nicht. Vielmehr besteht der Wohnungsmarkt neben echtem Wohneigentum und Mietverhältnissen zu einem grossem Teil aus dem Eigentum an Genossenschaftsanteilen ("bostadsrätt"). Ein solcher Anteil beinhaltet immer das Recht, in einer bestimmten Wohneinheit zu wohnen. Das ist meistens eine Wohnung, oft aber auch ein Reihenhaus. Echtes Wohneigentum gibt es praktisch nur an freistehenden Häusern, erst eine Gesetzesänderung durch die bürgerliche Regierung hat vor nicht allzu langer Zeit das direkte Eigentum an Wohnungen ermöglicht. Genutzt wurde dieses Rechtsinstitut bis jetzt fast nirgendwo. Genossenschaftsanteile werden frei gehandelt und sind für die allermeisten nur über bankkredite erschwinglich. Am Ende bedient man/frau dann nicht eine sondern in der Regel zwei Kreditlinien, zum einen den Kredit ("bolån"), der zum Erwerb des besdagten Anteils erforderlich war, zum anderen über eine Monatsabgabe an die Genossenschaft ("bostadsrättsförening") diejeningen Kredite, die für den eigentlichen bau der jeweiligen Wohneinheiten aufgenommen wurden. Sind diese baukredite nach einigen Jahrzehnten abbezahlt, sinkt die Monatsabgabe. Damit steigt wiederum die Nachfrage nach den Anteilen an der Genossenschaft, welche damit ungefähr so teuer werden, dass Haushalte am Ende genauso belastet sind wie vorher. Nur wer sich im Wohnungsmarkt über sehr lange Zeit hocharbeitet, hat eine Chance, dem durch Glück und geschickte Verkäufe und Käufe zu entgehen. Sehr viele schaffen das nicht, deshalb die hohe belastung so vieler Haushalte durch immobilienschulden.

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