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26.06.2012

08:30 Uhr

Borja Mateo im Interview

„Spanische Immobilien sind Turbo-Wertvernichter“

VonDana Heide

Der spanische Staat ist nicht unschuldig an der Immobilien-Krise im Land. Er hat sogar kräftig daran verdient, sagt der Buchautor Borja Mateo. Er warnt Anleger davor, ihr Geld in spanische Immobilien zu stecken.

Der spanische Immobilienexperte Borja Mateo gibt dem spanischen Staat die Schuld an der Immobilienkrise. Dana Heide

Der spanische Immobilienexperte Borja Mateo gibt dem spanischen Staat die Schuld an der Immobilienkrise.

Herr Mateo, die spanische Regierung hat Europa um 100 Milliarden Euro zur Rettung seiner Banken gebeten - meinen Sie, dass damit das Problem gelöst ist?
Ich glaube, das Problem der Banken ist größer. Das Angebot an Immobilien übertrifft die Nachfrage derzeit um das 17-fache, das heißt auf einen Interessent kommen 17 Häuser. 1,9 Millionen Immobilien stehen zum Verkauf, 1,3 Millionen sind noch im Bau. Zusätzlich stehen 2,6 Millionen Häuser leer - und die befinden sich in Ballungszentren wie Madrid oder Barcelona, es sind also keine Zweitwohnsitze. Dieses Jahr werden die Häuserpreise im Vergleich zum September 2011 nochmals um 15 bis 25 Prozent zurückgehen. Das ist schlecht für die Banken, denn die haben ja Kredite vergeben, die als Sicherheit diese Immobilien hatten. Wenn deren Wert nun weiter sinkt, wird auch das Problem der Banken immer größer.

Wie konnte es zu der gewaltigen Immobilienblase in Spanien kommen?
Zum Entstehen der Blase haben viele Gründe geführt. Die Spanier haben weit über ihre Verhältnisse gelebt. Sie haben von ihrem Staat immer mehr Leistungen gefordert: Sehr gute Krankenhäuser, sehr gute Schulen, sehr gute Flughäfen. Dafür brauchte der Staat Geld. Die Immobilienblase hat dem Ziel gedient, mehr Geld einzunehmen.


Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Wie hat der Staat an der Blase verdient?
Je höher die Preise für die Häuser wurden, desto größer waren auch die Staatseinnahmen durch Steuern. Der Wert der Immobilien wurde stets höher geschätzt, als er tatsächlich war. Hinzu kam, dass die Banken nahezu alle Freiheiten bei der Kreditvergabe hatten.

Wie äußerte sich das?
1975 musste man für ein Haus inklusive Steuern im Durchschnitt noch fünf Jahresnettogehälter zahlen. Zum höchsten Stand der Immobilienblase im Jahr 2006 musste man 15 Jahresnettogehälter zahlen. Daher ging die Immobilienkrise meiner Meinung nach auch von 1975 bis 2006, und hat nicht 2006 angefangen. Was heute passiert, ist die Lösung der Krise. Kurzfristig ist dieser Prozess sehr schmerzhaft, aber langfristig ist er gut.

Wer trägt noch die Schuld an der Immobilienblase?
Das Problem der Banken ist auch ein Versagen der Aufsichtsbehörden. Eigentlich hätte die spanische Nationalbank die Banken beaufsichtigen müssen, aber sie hatte ja selbst ein Interesse an steigenden Immobilienpreisen. Man könnte sogar soweit gehen, dass die deutsche Bankenaufsichtsbehörde BaFin eine Schuld an der Krise hat, denn auch die deutschen Geldinstitute haben zum großen Teil die spanische Immobilienblase finanziert. Wenn Sie mal jemand fragt, was der größte Exportschlager in der Geschichte Spaniens ist, dann müssen Sie sagen: Hypothekendarlehen. Deshalb ist es nicht nur das Problem der spanischen Banken sondern auch das der französischen und deutschen Banken.

Kommentare (33)

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Account gelöscht!

26.06.2012, 09:10 Uhr

Liebe Leserinnen und Leser des Handelsblattes,

ein gutes Interview, ein großartiger Artikel. Borja Mateo spricht eine große Wahrheit offen aus, die in der ganzen Diskussion über die spanische Wirtschaft bislang vollkommen untergegangen ist: Eine Investition in Wohnimmobilien ist unproduktiv bzw. nur kurzzeitig produktiv!

Natürlich bringen Bau und Finanzierung Wirtschaft und BIO etwas - aber nur vorübergehend. Ist das Haus gebaut, steht es da und verdient kein Geld mehr im Gegensatz zu einer Fabrik, in der laufend Produkte hergestellt und dann mit einem Mehrwert verkauft werden.

Der spanische Experte hat vollkommen Recht: Die Immobilienblase wird die spanische Wirtschaft noch Jahre, ja ein über ein Jahrzehnte belasten. Man schaue sich Japan an, wo die Immobilien seit 20 Jahren nie wieder die Werte der 1980er- und frühen 1990er-Jahre erreicht haben.

Genau wie die griechische Volkswirtschaft müßte auch die spanische nun endlich einmal produktiv werden, Produkte und Dienstleistungen schaffen, die sich auf den Weltmärkten verkaufen lassen.

Auch dieses Beispiel zeigt sehr gut, welch unheilvolle Folgen das Eingreifen des Staates in die Wirtschaft immer wieder hat. So als wenn Politiker und Bürokraten wüßten, was gut für Menschen, Wirtschaft und Staat ist.

Kompliment an diesen jungen Mann und Danke für das interessante Interview!


Account gelöscht!

26.06.2012, 09:57 Uhr

Im übrigen muß man erwähnen, daß die Hypotheken vielfach
ohne Eigenkapital zu 100% vergeben wurden.

In USA wurde sogar teils zu 120% beliehen ohne Eigenkapital und dann wurde bei anfangs steigenden Werten das Haus als ATM mißbraucht.

Zinssklave

26.06.2012, 10:23 Uhr

Immobilienkrise?

Was interessiert es die Spanier???

Ab Juli dürfen wir Deutschen permanent zahlen dank ESM!

Immer mehr Steuern, Abgaben und Kürzungen damit unsere Freunde im Süden die Zinsen an die Bankster weiter zahlen können.

Es geht übrigens immer nur um die Zinszahlungen an die privaten Banken!

Staaten verschulden sich zu 97% bei privaten Banken!!!

Warum sprechen die Medien von Investoren und nicht privaten Banken?

Der zweitgrößte Ausgabenposten im Bundeshaushalt ist Zinszahlungen!!!
( Und der wird jedes Jahr größer wegen dem Zinseszins )

Bei den anderen Ländern sieht es genau so aus.

Spanien zahlt in diesem Jahr 29.000.000.000 Euro nur an Zinsen!!! ( Das sind jeden Tag ca. 80 Mil. an Zinsen! )

Im Grunde sind alle Regierungen nur Zinseintreiber für die privaten Banken!!!

Wenn die Griechen, Spanier, etc. die Zinsen für Ihre Kredite nicht mehr zahlen können, zahlen es ab Juli die Deutschen dank ESM!

Was ist eigentlich der ESM?

Hier eine Erklärung in 4 min.

http://www.youtube.com/watch?v=d6JKlbbvcu0&feature=share

www.wissensmanufaktur.net

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