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26.08.2014

15:02 Uhr

Energetische Gebäudesanierung

Technisch machbar, wirtschaftlich abwegig

VonHenning Krumrey
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Der Dämmwahnsinn geht weiter: Neue Fenster, Wärmeisolierung, moderner Heizkessel: Ein Modellhaus in Bottrop zeigt, wie sich Mietshäuser der Sechzigerjahre auf Vordermann bringen lassen – und warum das niemand tun wird.

Wärmeabstrahlung: Bei der Gebäudesanierung hilft die Bundesregierung mit Förderprogrammen. dpa

Wärmeabstrahlung: Bei der Gebäudesanierung hilft die Bundesregierung mit Förderprogrammen.

Herr Kleinschmidt schaut etwas verstört, und das liegt nicht nur an seiner neuen Küche, die ihn mit all dem neumodischen technischen Schnickschnack ratlos lässt. Es liegt vor allem an dem knappen Dutzend Fotografen und Kameraleuten, die sich gegenüber von Kühlschrank und Spüle postiert haben. Er möge doch bitte näher an die Arbeitsplatte herantreten und hilfsbereit beugt sich Herr Kleinschmidt über den Wasserhahn. „Ich tue mal so, als ob ich spüle.“

Das Wasser aufdrehen mag er nicht, schließlich zieht er erst in zehn Tagen ein. Heute aber wird das Haus nach einer Totalsanierung in Betrieb genommen, und da tritt auch schon Bundesbau- und Umweltministerin Barbara Hendricks durch die Tür. Die Sozialdemokratin begrüßt den künftigen Bewohner, fragt nach seinen Erwartungen an die moderne Technik. Kleinschmidt zeigt sich skeptisch. „Wenn man in die Küche kommt, geht automatisch das Licht an“, das sei doch gewöhnungsbedürftig. Und ob er das alles verstehe, wisse er auch noch nicht.

„Sie müssen es doch nicht bauen, nur bedienen“, beschwichtigt die Ministerin. „Sie hatten doch sicher einen technischen Beruf.“ Kleinschmidt schüttelt den Kopf. „Nee, von Elektrotechnik habe ich keine Ahnung.“ Und überhaupt: „Wenn ich das alles hier testen soll, müsste man ja mal über das Salär reden“, grinst er zum trockenen Ruhrgebietshumor.

Sein Vermieter wird darüber nicht recht schmunzeln können. Denn die VivaWest, der das Mietshaus gehört, bietet die Wohnung eigentlich schon viel zu billig an – und doch zu teuer. 7,50 Euro Nettomiete zahlt Herr Kleinschmidt pro Quadratmeter. Für die Ausstattung der Zweieinhalb-Zimmer-Bleibe ist das günstig, für die Lage nicht. Die schönsten Wohnungen in der Nachbarschaft rund um den Ostring kosten sonst maximal 7,20 Euro. Die Betriebskosten kommen überall noch dazu, bei Kleinschmidt aber sind Heizung und Strom bereits inklusive. Warum? Weil sein Wohnhaus mehr Energie erzeugt als es verbraucht.

VivaWest hat aus dem klassischen Sechziger-Jahre-Bau ein PlusEnergie-Haus gemacht. Die Giebelfassade ist glänzend-schwarz verkleidet – mit leichten Dünnschicht-Solarpanelen. Auf dem Dach fängt zusätzlich eine klassische Solaranlage Sonnenstrom ein. Die Wärme für die moderne Fußbodenheizung kommt tief aus der Erde. Die Bohrung für die Geothermie-Anlage misst 130 Meter. Auch das Wasser wird über die Wärmepumpe erhitzt.

Damit die dreifach verglasten Wärmeschutzfenster nicht unkontrolliert aufgerissen werden müssen – und um Schimmel vorzubeugen – wälzt eine Belüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung die Luft in den Zimmern um. Wärmedämmung ist zwar selbstverständlich, aber im Ostring 124 wurden selbst Treppenhaus und Kellerdecke dick verpackt. In der Garage kann das Elektroauto aufgeladen werden. Gesteuert wird alles über ein Smarthome-Netz.

Bauministerin Hendricks ist einerseits beeindruckt. Andererseits wird sie aber auch ein wenig skeptisch, als ihr der technikbegeisterte Mann vom Energieversorger RWE auch noch den Dampfgarer vorstellt, der per Handy von unterwegs gestartet wird. „Jetzt müssen Sie nur noch Mieter finden, die das auch machen.“

Kommentare (4)

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Herr Theo Gantenbein

26.08.2014, 17:23 Uhr

Während der Michel versucht die Welt zu retten, bestellen Millionen von Chinesen und Inder das erste eigene Auto und freuen sich auf die erste Flugreise...

Gutmenschen sind einfach doof!

Herr richard roehl

26.08.2014, 17:41 Uhr

Warum sind die doof? Sind nicht etwa die 10% Leistungsträger an der Gesamtbevölkerung doof, die sie ohne grosses Murren durchfüttern und weiter in komfortabel ihrem Wolkenkuckucksheim wohnen lassen?

Herr Alexander von Obert

26.08.2014, 18:08 Uhr

Geplante Amortisationszeiten jenseits von 10 Jahren sind betriebswirtschaftlich unsinnig. Einmal wird es am Ende sowieso teuerer als geplant und dann geht immer mal wieder was schief. Und dann gibt es für viele Möglichkeiten noch kaum Langzeiterfahrungen. Den Herstellern reicht es doch, wenn ihre Produkte die Gewährleistungszeit überstehen.

Es gibt aber genug Maßnahmen, die viel kürzere Amortisationszeiten haben. So sollten für die typisch drei Umwälzpumpen in der Heizungsanlage eines Eigenheims Ausführungen mit Rückschlagventilen zwingend vorgeschrieben werden - Mehrkosten vielleicht 20 EUR, Amortisationszeit unter einem Jahr.

Oder: Wenn man bei Thermostatventilen die tatsächliche Ventilstellung ablesen könnte, könnte man die Kennlinie des Außenthermometers an der Heizungsanlage endlich mal sinnvoll einstellen. Auch das würde sich innerhalb einer Heizperiode amortisieren.

Aber daran lässt sich ja kein Geld verdienen...

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