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11.10.2015

12:20 Uhr

Flüchtlinge

Zuhause bei Fremden

VonJulia Löffelholz

Wohin mit den Flüchtlingen? Diese Frage stellt sich nicht nur dieser Tage, sondern wurde auch schon in den Nachkriegsjahren heiß diskutiert. Heute gibt es Leerstand, damals hieß es Zusammenrücken. Ein Rückblick.

Ein Bild der Zerstörung bot die Innenstadt von Hannover (hier Blick in Richtung Steintor mit Anzeigerhochhaus). Menschen suchten nach Essbarem und bangten um ihre Angehörigen. dpa

Ein Bild der Zerstörung bot die Innenstadt von Hannover (hier Blick in Richtung Steintor mit Anzeigerhochhaus). Menschen suchten nach Essbarem und bangten um ihre Angehörigen.

FrankfurtDie Unterkünfte für Flüchtlinge werden knapp. Wörter wie Enteignung machen die Runde. In Berlin und Hamburg wurden schon leerstehende Gewerbeimmobilien privater Besitzer beschlagnahmt um sie in Flüchtlingsunterkünfte zu verwandeln.

Solche Möglichkeiten gab es nach Ende des zweiten Weltkriegs nicht. Leerstand war damals ein Fremdwort. In vielen Städten hinterließen die Bomben nur Schutt, Asche und Ruinen. Doch auch in dieser Zeit kamen Flüchtlinge nach Deutschland. Rund 12 Millionen waren es. Die meisten stammten aus den deutschen Ostgebieten, die nun an Polen, Tschechien oder die Sowjetunion fielen. Aus Schlesien, Pommern Ostpreußen oder dem Sudetenland.

Einer von ihnen war Michael Conradts (Name geändert). Mit seinen Eltern und seinen zwei jüngeren Brüdern floh er als 12-Jähriger vor den sich nähernden Russen aus dem Sudetenland in Richtung Westen. Doch dort gab es keine Wohnungen mehr. Die Behörden quartierten die Familie in einer Kleinstadt bei Weimar kurzerhand in die Wohnung von Fremden ein. „Wir lebten zu fünft in zwei Zimmern“, erinnert er sich.

Fünf eher unbekannte Fakten zum Zweiten Weltkrieg

ÜBer Geschichte lässt sich streiten

Wann begann der Zweite Weltkrieg? Wann endete er? Wie entstanden manche historische Fotos? Einzelheiten waren lange unklar.

Wann kapitulierte Deutschland wirklich?

Im Westen gedenkt man am 8. Mai der Kapitulation von 1945. Russland feiert das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa am 9. Mai. Das kam so: Am 7. Mai, um 2.41 Uhr MEZ, wurde im französischen Reims eine erste Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Am 9. Mai, um 0.15 Uhr, dann in Berlin-Karlshorst auf Drängen der Sowjetunion eine zweite, zurückdatiert auf den 8. Mai. In beiden wurde festgelegt, dass die Kämpfe am 8. Mai um 23.01 Uhr MEZ einzustellen seien. Dies entsprach dem 9. Mai Moskauer Zeit. Endgültig endete der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Japans und der Unterzeichnung der entsprechenden Urkunde am 2. September.

Kriegsende auf Texel

Während im restlichen Europa die Waffen schwiegen, bekämpften sich deutsche und georgische Soldaten auf der niederländischen Insel Texel noch 12 Tage lang. Die etwa 800 einst verbündeten Georgier griffen am 6. April 1945 die rund 400 Mann starke deutsche Besatzungstruppe an, die Verstärkung vom Festland erhielt. Erst am 20. Mai setzten kanadische Soldaten den Kämpfen ein Ende. Bilanz: etwa 3000 Tote.

Erster Kämpfe nicht auf der Westerplatte

Am 1. September 1939 um 4.45 Uhr feuerte das deutsche Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“ auf den polnischen Militärstützpunkt Westerplatte bei Danzig. Doch das war nicht, wie lange Zeit angenommen, der Beginn des Krieges. Bereits ab 4.40 Uhr, fünf Minuten früher, hatten deutsche Bomber das polnische Städtchen Wielun angegriffen. Es wurde zu 75 Prozent zerstört, etwa 1200 der 16 000 Einwohner starben.

Welche Stadt am schlimmsten bombardiert wurde

Die meisten Bombenopfer gab es 1943 in Hamburg und 1945 in Dresden. Gemessen an der Bevölkerungszahl waren die Zahl der Toten und das Ausmaß der Zerstörung am 23. Februar 1945 jedoch in Pforzheim im Nordschwarzwald schlimmer: Innerhalb von 20 Minuten starben rund 18 000 Menschen, etwa jeder dritte Einwohner. 80 Prozent des Stadtgebietes lagen in Schutt und Asche.

Inszenierte Fotos

Manche symbolträchtige Bilder des Krieges waren nachträglich arrangiert. So das Foto vom 1. September 1939, auf dem Soldaten Stunden nach dem deutschen Einmarsch bei Danzig einen polnischen Grenz-Schlagbaum wegbrechen. Auch das Hissen der roten Fahne mit Hammer und Sichel auf dem Reichstag in Berlin war gestellt. Das Foto entstand am 2. Mai 1945 nicht spontan. Das Gebäude hatten Sowjetsoldaten schon am 30. April erstürmt. Das berühmte Bild von der ersten Begegnung amerikanischer und sowjetischer Soldaten bei Torgau an der Elbe entstand am 26. April 1945, einen Tag nach dem Ereignis.

Wohnungsbewirtschaftung wurde diese Art der Unterbringung genannt. Die Behörden entzogen den Eigentümern die Verfügungsgewalt über ihren Wohnungen und Häuser. Im zerstörten Nachkriegsdeutschland waren solche Eingriffe an der Tagesordnung. „Das kam flächendeckend vor“, sagt Thomas Schlemmer vom Institut für Zeitgeschichte. „Die Besatzungsbehörden hatten große Vollmachten. Sie konnten Flüchtlinge einfach in Wohnungen zwangseinweisen, damit jeder zumindest irgendein Dach über dem Kopf hatte.“ Bis in die sechziger Jahre dauerte es, bis wieder genügend Häuser gebaut waren, um allen Menschen in Deutschland eine eigene Wohnung zu ermöglichen.

„Jeder hatte nur Anspruch auf einige weniger Meter Wohnraum. War die Wohnung zu groß, wurden weitere Bewohner dort zugewiesen“, sagt Staatsrechtler Erhard Denninger.“ Später sei das Recht, das bei Gefahr für Leib und Leben die Beschlagnahmung von Wohnungen erlaubt, auch in den noch heute geltenden Polizeigesetzen der Bundesländer aufgenommen worden. „Die Polizei muss aber nachweisen, dass sie keine andere Möglichkeit besitzt, die Menschen unterzubringen“, grenzt er ein. Im Jahre 1953 erließ der Bundesregierung schließlich sogar ein eigenes Gesetz zur Wohnraumbewirtschaftung. Bis 1960 blieb es in Kraft.

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