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26.06.2014

05:00 Uhr

Grüne schlagen Alarm

Ruf nach Maßnahmen gegen Immobilienblasen

ExklusivSteigende Häuserpreise sowie eine expandierende und gelockerte Kreditvergabe können der Nährboden für eine Krise sein. Dass deutsche Finanzaufseher dafür keine Anzeichen sehen, ruft die Grünen auf den Plan.

Ein Gesetzesentwurf sorgt für Verwirrung. Getty Images

Ein Gesetzesentwurf sorgt für Verwirrung.

BerlinDer finanzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Gerhard Schick, hat dem Ausschuss für Finanzstabilität (AfS), dem auch das Bundesfinanzministerium angehört, vorgeworfen, die Gefahr einer Immobilienblase in Deutschland zu unterschätzen. Während der AfS die Preissteigerungen an den Immobilienmärkten kleinrede, spreche die Europäische Zentralbank (EZB) das Problem „klar und deutlich“ an.

Schick wies darauf hin, dass der AfS in seinem ersten Bericht diesen Monat noch betont habe, die Immobilienkredite würden nur sehr moderat wachsen. „Vermögensblasen können sich jedoch auch aus der Umschichtung von Vermögenswerten ergeben, zum Beispiel wenn Kapital aus Südeuropa in den vermeintlich sicheren deutschen Immobilienmarkt flüchtet“, gab der Grünen-Politiker zu bedenken.

„Hier zeigt sich, dass der vom Finanzministerium dominierte AfS im Gegensatz zur unabhängigen EZB nicht den Mut hat, deutliche Kurskorrekturen vorzuschlagen“, kritisierte Schick und fügte hinzu: „Wenn der AfS sich nicht selbst überflüssig machen möchte, muss er klare Vorschläge auf den Tisch legen, wie Immobilienblasen auch abseits von explodierenden Kreditmärkten bekämpft werden können.“

Bauzinsen im historischen Vergleich

1980: Zinsen knapp unter zehn Prozent

Im Sommer 1980 musste man für einen Immobilienkredit rund 9,5 Prozent Zinsen bezahlen. Damit kostete den Kreditnehmer eine Finanzierung über 200.000 Euro mit zehnjähriger Zinsbindung rund 178.000 Euro - bei einer Tilgung von einem Prozent und einem Beleihungsauslauf von 60 Prozent.

Die monatliche Rate betrug damals umgerechnet 1.750 Euro.

1990: Nach dem Mauerfall steigen die Zinsen

Nach der Wiedervereinigung wurde es für Kreditnehmer fürs Eigenheim teurer. Während man Mitte der Achtziger Jahre rund 7,5 Prozent Zinsen zahlen musste, waren es Anfang der Neunziger Jahre bereits neun Prozent und mehr. Für das oben vorgerechnete beispielhafte Darlehen von 200.000 Euro mussten Kreditnehmer rund 1.700 Euro pro Monat aufbringen.

2000: Es geht abwärts

Mit Beginn des neuen Jahrtausends brachen für Kreditnehmer bessere Zeiten an. Immobiliendarlehen waren mit sechs Prozent Zinsen so billig wie nie zuvor. Vor der Internetblase lagen die Zinsen sogar bei vier Prozent - der Aktienboom hatte die Kreditzinsen Anfang 2000 in die Höhe getrieben. Der Beispielkredit über 200.000 Euro konnte im Juni 2000 bereits mit einer Monatsrate von rund 1.200 Euro bedient werden. Die Kosten für den gesamten Kredit beliefen sich auf zehn Jahre gerechnet bei 113.000 Euro. 65.000 Euro weniger als 20 Jahre zuvor.

2010: Nach der Krise kommt das Zinstief

Zuerst die Banken-, dann die Finanz- und schließlich Schuldenkrise lasteten schwer auf Europa. Um die Wirtschaft anzukurbeln senkte die EZB die Zinsen auf ein rekordniedriges Niveau. Die Bauzinsen bewegten sich im Juni 2010 bei rund 3,6 Prozent. Im Vergleich zu 2000 halbierte sich die Monatsrate für den beispielhaften 200.000-Euro-Kredit damit fast auf rund 770 Euro. Die Kosten über zehn Jahre hinweg beliefen sich 2010 auf nur noch rund 68.000 Euro.

2014: Kredite so günstig wie nie

Die Niedrigzinsphase macht Sparern zu schaffen, hat für aber auch Auswirkungen auf die Immobilienfinanzierung. Die Zinsen für den oben vorgerechneten Kredit über 200.000 Euro lagen im Juni 2014 bei rund 2,2 Prozent. Die monatliche Kreditrate betrug damit 533 Euro. Das ist weniger als ein Drittel der Rate vom Juni 1980. Vor rund 25 Jahren mussten Kreditnehmer fast die gesamte Kreditsumme als Kosten kalkulieren, heute dagegen nur noch 42.000 Euro, also knapp ein Fünftel. Seitdem gin es noch einmal gut 20 Basispunkte runter.

Der Ausschuss für Finanzstabilität wurde Anfang vergangenen Jahres gegründet. Er ist das zentrale Aufsichtsgremium über Lage und Entwicklung der Finanzstabilität in Deutschland. Dem Ausschuss gehören je drei Mitglieder der Bundesbank, des Bundesfinanzministeriums und der Finanzaufsichtsbehörde Bafin sowie ein Vertreter der Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung an. Damit soll früher sowie schlagkräftiger auf Fehlentwicklungen reagiert werden.

Vergangene Woche hatte der Ausschuss für Finanzstabilität erklärt, bisher sei noch keine Spirale aus Preiserhöhungen, steigender Verschuldung und Lockerung der Kreditbedingungen festzustellen. Der Ausschuss werde die Entwicklung des Wohnimmobilienmarktes jedoch weiterhin sorgfältig beobachten, schrieben die Stabilitätswächter in ihrem ersten Bericht an den Bundestag.

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