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12.07.2011

10:40 Uhr

Immobilenmarkt

Plötzlicher Mut zu Investitionen

Drei Jahre lang hielten gewerbliche Investoren ihr Geld beisammen – nun scheint der Aufschwung endlich auch hier anzukommen. Und macht die Investoren erstaunlich mutig.

Baustelle im Zentrum von Stralsund. Für über 30 Millionen Euro soll hier ein Einkaufszentrum entstehen. Doch nicht nur Neubauten in Toplagen, sondern auch Objekte mit höherem Leerstand werden interessant. Quelle: dpa

Baustelle im Zentrum von Stralsund. Für über 30 Millionen Euro soll hier ein Einkaufszentrum entstehen. Doch nicht nur Neubauten in Toplagen, sondern auch Objekte mit höherem Leerstand werden interessant.

Frankfurt Plötzlich werden auch wieder Objekte mit höherem Leerstand interessant, selbst teure Projektentwicklungen sind kein Tabu mehr - dem deutschen „Wirtschaftswunder“ und der steigenden Nachfrage nach Büro- und Gewerbeflächen sei dank. So belebt sich der hiesige Investmentmarkt zusehends, wenn auch weiter vor allem in Großstädten wie Frankfurt, München und Hamburg. „Deutschland wird mehr denn je als ein Hort der Stabilität in einer Welt gesehen, deren Unsicherheiten und Risiken zunehmen“, zieht Immobilienexperte Marcus Lemli vom Beratungshaus Jones Lang LaSalle eine Zwischenbilanz. 

Auf der Käuferseite laufen Immobiliengesellschaften den kriselnden Offenen Immobilienfonds zunehmend den Rang ab und rüsten sich seit einiger Zeit mit Kapitalerhöhungen für Zukäufe, auch der opportunistischen Art. Immobilien optimieren statt einfach nur Mietverträge kaufen, lautet die neue Devise. Bestes Beispiel ist die Hamburger Alstria Office. Das Unternehmen gab unlängst knapp 90 Millionen Euro für ein Paket aus Bürohäusern in Düsseldorf und Frankfurt aus, dessen Leerstand im kommenden Jahr bei stolzen 41 Prozent liegen wird. Vorstandschef Olivier Elamine will die Gebäude wieder in Schuss bringen und zu höheren Preisen neu vermieten. Seit längerem ist er auf der Suche nach solchen Deals. Und auch der Frankfurter Konkurrent DIC Asset hält die Zeit für mehr Risiko gekommen. Vorstandschef Ulrich Höller gibt im August den Startschuss für die Neubebauung des Maintor-Areals in Frankfurt unmittelbar neben dem Bankenviertel. Das Investitionsvolumen liegt bei 500 Millionen Euro, insgesamt müssen gut 100.000 Quadratmeter an Büro-, Einzelhandels- und Wohnflächen vermietet werden. 

Projektentwicklungen in dieser Größenordnung hat es lange nicht gegeben, schon gar nicht ohne Vorvermietungen im großen Stil. Zu unsicher waren die Aussichten in der Finanzkrise, neue Mieter anlocken zu können. Das ändert sich nun, das Vertrauen kehrt allmählich zurück. Wer kann, wagt etwas. Nach Zahlen von BNP Paribas Real Estate entfielen von den elf Milliarden Euro, die im ersten Halbjahr in Gewerbeimmobilien in Deutschland investiert wurden, immerhin sieben Prozent auf Entwicklungsgrundstücke. Dank der Belebung sagen die Experten für das Gesamtjahr ein Transaktionsvolumen von deutlich über 20 Milliarden Euro voraus. Das ist zwar noch weit weg vom Niveau aus den Boomzeiten. Aber ein Schritt hin zur Normalität ist es alle Mal. 

Anlagedruck bei Finanzinvestoren

Die Chancen auf dem deutschen Immobilienmarkt wecken auch Begehrlichkeiten bei ausländischen Investoren. Mehr und mehr Asset Manager durchforsten den Markt nach interessanten Objekten, nicht zu vergessen namhafte Finanzinvestoren auf der Suche nach Rendite. „Die sitzen seit der Finanzkrise auf einem Haufen Geld und müssen für ihre Fonds nun dringend investieren“, sagt ein Branchenkenner. Etliche Deals seien in Vorbereitung.

Ähnlich gut läuft es derzeit in Großbritannien und Frankreich. Auch dort lassen sich die Investoren auf immer mehr Objekte mit Entwicklungspotenzial ein. In London und Paris mag das durchaus eine Notlösung sein, denn die Preise für Top-Objekte in den Innenstadtlagen schießen mangels Angebot in den Himmel. Aber selbst in Spanien, wo der Immobilienmarkt seit der Finanzkrise am Boden liegt, wagen sich die ersten Käufer wieder aus der Deckung. Allein: Sie werden mehr Eigenkapital brauchen als früher. Denn ob die Immobilienbanken, die sich in Spanien schon einmal die Finger verbrannt haben, bei der Finanzierung mitmachen, steht auf einem anderen Blatt.

Von

rtr

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

12.07.2011, 11:05 Uhr

Mangelnde Weitsicht mit Mut gleichzusetzen grenzt meiner Meinung nach an Schwachsinn.

Danke fuer Ihre Aufmerksamkeit.

WFriedrich

25.07.2011, 18:17 Uhr

Der Wohnungsmarkt ist gespalten. Ungedeckte Nachfrage hier, Verfall dort. Wenn unter diesen Bedingungen Finanzinvestoren Mut fassen, ist das die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind die Käufer von Fondsanteilen, die letztlich alle Risiken schultern. Aufmerksamkeit ist geboten. Bedrückend ist die Situation in weiten Teilen Ostdeutschlands. Gebäude, die nach der Wende liebevoll saniert worden sind, rechnen sich nicht mehr. Es entsteht dort ein Teufelskreis von Nebenkostenexplosionen, Mietminderung und nachfolgender weiteren Unterfinanzierung. Der Rechtsstaat stellt Vermieter mittels eines selektiven Kündigungsrechts so schlecht, dass die Spirale nach unten - aus Mietminderung und Verfall - nicht beendet werden kann. Offensichtlich erwarten Parlament und Regierung von den Vermietern einen Ausgleich für soziale Verwerfungen aus anderer Ursache. So hängen in Chemnitz inzwischen Piratenflaggen aus den Fenstern von erneut verfallenden Gebäuden und schrecken jene Mieter ab, die den Gebäudeunterhalt finanziell absichern könnten. Betroffen sind nicht nur die sog. Problemviertel, sondern bekannte gute Lagen. Vor der Wende geißelten Bürgerrechtler den Niedergang der Städte mit dem Satz "Ruinen schaffen ohne Waffen". Falls der Rechtsstaat der aktuellen Entwicklung weiterhin hilf- und tatenlos zuschaut, wird die Piratenflagge an die Stelle dieses Slogans treten und den baulichen Zustand kritisieren, ohne die misslichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu beachten. Diese Entwicklung wird von demografischen und Abwanderungsproblemen initiiert und forciert.

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