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08.02.2017

09:34 Uhr

Immobilien

„Der Wohnraummangel ist gravierend“

VonMatthias Streit

In Deutschland fehlen bis zu 1,2 Millionen Wohnungen. Die Zahl der Baugenehmigungen und der fertiggestellten Wohnungen steigt zwar. Doch viele der Neubauten gehen am Bedarf vorbei.

Trotz steigender Zahl der Baugenehmigungen reicht die Zahl fertiggestellter Wohnungen in Großstädten nicht aus. dpa

Wohnungsbau in Frankfurt

Trotz steigender Zahl der Baugenehmigungen reicht die Zahl fertiggestellter Wohnungen in Großstädten nicht aus.

FrankfurtAuf den ersten Blick scheint es, als könnten die deutschen Metropolen noch einiges vom Wohnungsbau in Frankfurt lernen: Der Wohnraum in der Stadt wird verdichtet, neue Wohnhochhäuser wie der Grand Tower oder ein Ensemble aus drei Objekten nahe der Einkaufspassage „My Zeil“ entstehen – und somit der Wohnraum, den Immobilienexperten seit Jahren fordern: In die Höhe, nicht in die Fläche, soll in Großstädten gebaut werden.

Auf den zweiten Blick wird aber klar: Zwar baut Frankfurt im Vergleich zu allen anderen deutschen Metropolen mehr Wohnraum – aber insgesamt weniger als die Hälfte, die benötigt wird. In allen Städten wird immer noch zu wenig gebaut. Denn wie eine neue Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) für die Deutsche Invest Immobilien analysiert hat, fehlen in Deutschland bis 2020 jährlich 385.000 neue Wohnungen. Vor allem 2- bis 4-Zimmer-Wohnungen werden gebraucht. Doch ausgerechnet davon werden viel zu wenig gebaut. Die Folge: Die Immobilienpreise steigen weiter.

Das Urteil von Studienautor Michael Voigtländer fällt deutlich aus: „Der Wohnraummangel ist gravierend“, sagt er bei der Vorstellung der Studie in Frankfurt. Zwar ist die Zahl sowohl der fertiggestellten Wohnungen als auch der Baugenehmigungen in Deutschland in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Doch das reicht noch lange nicht, findet Voigtländer. „Wir gehen nicht davon aus, dass die Bautätigkeit in den A-Städten das erforderliche Niveau an Baufertigstellungen erreichen wird.“ Gemeint sind Metropolen wie Berlin, Frankfurt oder München.

Immobilien in Deutschland – Tops und Flops

Geteilter Markt

In Ballungsgebieten und attraktiven Universitätsstädten steigen die Preise rasant. Strukturschwache Regionen erleben Bevölkerungs- und Wertverluste.

Freiburg: +8%

Hohe Lebensqualität, die Universität und attraktive Technologie- und Dienstleistungs-Arbeitsplätze ziehen Menschen an. Wohnungen sind knapp und teuer.

Erlangen: +8%

+7,7 Prozent. An diesem wichtigen Medizintechnikstandort treiben hochqualifizierte Arbeitnehmer mit hohen Einkommen Wohnungsnachfrage und -preise.

Hier finden Sie die Trendviertel von Erlangen, Nürnberg und Fürth.

Darmstadt: +7%

Die angesehene technische Universität und die Chemie- und Pharmabranche sowie die Nähe zur Metropole Frankfurt machen die Stadt attraktiv.

Eisenach: -2%

Die Wartburg, Wahrzeichen der Stadt, und die hübsch restaurierte Altstadt ziehen Touristen an, aber keine Menschen, die dort dauerhaft leben möchten.

Salzgitter: -0,4%

Die erst 1942 gegründete Stadt hing lange Zeit am Stahl. Seit die Zahl der Beschäftigten sinkt verliert sie Einwohner. Wo Nachfrage fehlt, fallen die Preise.

Vertreter aus Bund und Ländern dürfte die Studienergebnisse beunruhigen. Schließlich schien es, als wäre die Bautätigkeit auf dem richtigen Weg. Allein von Januar bis November 2016 wurden in Deutschland 340.000 Baugenehmigungen erteilt – deutlich mehr als gesamten Vorjahreszeitraum. Doch der Nachholbedarf ist einfach zu groß. „Insgesamt fehlen uns heute ein bis 1,2 Millionen Wohnungen“, sagt Frank Wojtalewicz, Geschäftsführer der Deutsche Invest Immobilien. „Keine Gesetzgebung hat bis heute die steigenden Mieten bremsen können. Und solange der Wohnraummangel immer größer wird, setzt sich diese Entwicklung auch fort.“ Zudem dauert es von der Baugenehmigung bis zur fertigen Wohnung lange. Und nicht immer werden die Projekte realisiert, erklärt Wojtalewicz.

Die Folge: Während Studenten und Auszubildende weiter in die Städte pilgern, ziehen junge Familien oder Senioren aus den Städten heraus. Erste „Absetzbewegungen“, wie Voigtländer es bezeichnet, in größere Städte im Umland der Metropolen seien schon zu erkennen. Für Düsseldorf, Köln und München sei der Wanderungssaldo bei den 30- bis 50-Jährigen gar negativ. Heißt: Mehr Menschen in dieser Altersgruppe ziehen aus den Städten heraus als hinein. Das liege nicht daran, dass sie plötzlich keine Lust mehr auf die Stadt haben, sondern nicht die Wohnung finden, die sie suchen. Das gilt gerade für einkommensschwache Haushalte, die durch steigende Preise und Mieten aus den Zentren verdrängt würden. „Insbesondere mangelt es an 2- bis 3-Raum-Wohnungen“, analysiert der IW-Immobilien-Experte.

Kommentare (39)

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Herr Kurt Siegel

08.02.2017, 09:48 Uhr

Die sendungsgetriebenen grünen Gutmenschen verschärfen die Situation zusätzlich, indem ergänzend weltfremde und absolut überflüssige Bauauflagen zu erfüllen sind, das verteuert das Bauen und damit auch die Mieten.

Einmal Bevormunderpartei, immer Bevormunderpartei.

Rainer von Horn

08.02.2017, 09:50 Uhr

Durch immer strengere Umweltstandards haben sich Neubauten in den letzten Jahren massiv verteuert. Hinzu kommen deutlich gestiegene Grunderwersteuersätze von bis zu 6,50%. Dies zusammen mit der Streichung der Wohnraumförderung (Eigenheimzulage, §10e EstG) und des schröderschen Lohndumpings hat hierzulande die Affordabilität von Immobilien für junge Familien deutlich gesenkt.
Eine Eigenheimförderung, degressive Afa für Vermieter, entsprechende Freibeträge bei der Grunderwerbsteuer und das Zurückdrehen unverhältnismässig teurer Umweltsstandards könnte wieder Schwung in den Eigenheim- und Geschossbau bringen. Aber da haben wahrscheinlich die schwarze Null und die Grünen was dagegen.

W. Heinrich

08.02.2017, 09:54 Uhr

Die Erkenntnis, dass es zu wenig günstigen Wohnraum gibt ist nicht neu und belastet insbesondere diejenigen, die geringe Einkommen haben. Kaum verwunderlich ist es dann, dass inbesondere diese Gruppe sich von den etablierten Parteien im Stich gelassen fühlt. Zu Recht, denn auch diese Gruppe ist mit Ihrer Arbeit und Ihrem Fleiß ein Teil des Gesamtwohlstandes von Deutschland. Der Dank ist aber, dass man Ihre Bedürfnisse und Anliegen nicht ernst nimmt und wenn Sie dann dagegen protestieren und leider den Falschen folgen, auch noch als Pack beschimpft......Danke liebe Bundesregierung.

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