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06.11.2014

19:19 Uhr

Immobilien

Wenn die Wohnung zum Gefängnis wird

VonWalter Epp

In Deutschland leben Millionen von Senioren in schwer zugänglichen Wohnungen. Die Immobilienbranche baut unbeirrt am Bedarf vorbei. Vielen Senioren bleibt in Zukunft nur die Wahl zwischen Pflegeheim und Hausarrest.

An den Rollstuhl gebunden: Nur 3,7 Prozent aller Neubauten werden barrierefrei errichtet – für viele Senioren ein Problem. dpa

An den Rollstuhl gebunden: Nur 3,7 Prozent aller Neubauten werden barrierefrei errichtet – für viele Senioren ein Problem.

DüsseldorfMülltüten stapeln sich in der Küche. Altglas, Altpapier und leere Kisten stehen in der Wohnung, sorgfältig verteilt auf dem Boden. Zwischen den einzelnen Häufchen existiert eine Art Trampelpfad – gerade mal breit genug um dazwischen durchzugehen.

Nein, hier residiert kein Messi, sondern eine ältere Dame. Die Seniorin wohnt alleine. Ihr Problem liegt direkt vor ihrer Wohnungstür. Die Treppe. Die Rheinländerin leidet an Knieproblemen und kann sich nur mit einem Rollator fortbewegen – innerhalb der Wohnung stützt sie sich an den Möbeln ab. Sobald es aber uneben wird, wird es schwierig und der Rollator sogar zur Belastung.

Alleine einkaufen? Unmöglich. Den Müll heraustragen? Eine Herausforderung. Nach draußen gehen? Nur mit Hilfe von Dritten. Ein Helfer besorgt die Einkäufe und den Haushalt. Zahlreiche Senioren leben so. Und in Zukunft dürften deutlich mehr Menschen ihren Lebensabend im häuslichen Gefängnis verbringen.

Zahlreiche Wohnungen nicht altersgerecht

Die Mehrheit der Wohnungen in Deutschland ist nicht altersgerecht konstruiert – obwohl der demographische Wandel schon lange kein Geheimnis mehr ist. „Wir haben in Deutschland nur 700.000 altengerechte Wohnungen“, erklärt Michael Held, Geschäftsführer des Immobilienentwicklers Terragon. Sein Unternehmen hat sich auf Bauprojekte für das Wohnen im Alter spezialisiert. „Es gibt aber 2,7 Millionen Seniorenhaushalte, in denen mindestens ein Mitglied bewegungseingeschränkt ist. Es fehlen also zwei Millionen altengerechte Wohnungen.“

Dabei bedeutet altengerecht noch nicht einmal barrierefrei. Die Anforderungen an eine barrierefreie Wohnung sind noch höher. Davon gebe es gerade einmal 100.000 in Deutschland. „Der demographische Wandel ist im Geschäftsmodell der Wohnungswirtschaft noch nicht angekommen“, erklärt Held.

Die Städte mit den meisten Aufzügen

Platz 1

München: 50,5 Prozent aller Wohnungen (ab drei Wohneinheiten) haben einen Aufzug.

Platz 2

Berlin: 45,2 Prozent

Platz 3

Freiburg im Breisgau: 42,5 Prozent

Platz 4

Fürth: 38,9 Prozent

Platz 5

Donau-Ries (Kreis): 38,6 Prozent

Platz 6

Frankfurt am Main: 37,9 Prozent

Platz 7

München (Kreis): 37,4 Prozent

Platz 8

Mainz: 34,5 Prozent

Platz 9

Augsburg: 34,3 Prozent

Platz 10

Nürnberg: 33,9 Prozent

Quelle: Immobilienscout24

Dabei gibt es bereits heute in Deutschland 11,6 Millionen Haushalte mit Menschen die mindestens 65 Jahre alt sind. Doch nur 1,6 Millionen Wohnungen in Deutschland verfügen über einen altersgerechten Aufzug – das ergab die Studie „Aufzugsarmut“, die von Terragon und dem Aufzugberater Hundt Consult auf Basis von Daten des Internetportals Immobilienscout24 erstellt wurde.

In Deutschland fehlen laut der Studie deshalb noch zehn Millionen Wohnungen mit einem altersgerechten Aufzug. Bei einem Durchschnitt von 25 Wohnungen pro Aufzug wären das 400.000 Wohnhäuser, die mit Aufzügen nachgerüstet werden müssten. Geschätztes Investitionsvolumen: 32 Milliarden Euro. „In Italien gibt es pro Einwohner doppelt so viele Aufzüge wie in Deutschland“, kommentiert Oliver Hundt, Geschäftsführer des Aufzugberaters Hundt Consult, die Ergebnisse. Auch Spanien habe deutlich mehr Aufzüge.

Kommentare (2)

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Herr Horst Meiller

06.11.2014, 20:17 Uhr

(Nur mal so eine Idee...)
Hat man in dem Zusammenhang schon mal über Treppenlifte nachgedacht? Die Montage dürfte deutlich preiswerter sein als Aufzüge.

Herr Horst Witt

07.11.2014, 11:41 Uhr

Der Artikel spricht mir aus dem Herzen: Es geht aber nicht nur um Senioren, die in der Mobiltät eingeschränkt sind; es geht auch um Kinderwagen und Kinderkarren, die häufig vor Kellertreppen etc. stehen müssen, weil deren Transport durch Treppenhäuser nicht möglich ist - und die Kinder müssen auch nach oben/unten getragen werden. Also: Mehr Aufzüge ! Treppenlifte sind vorrangig für Senioren und auch chic für Einfamilienhäuser, für Mehrfamilienhäuser nicht mehr als eben "Nachrüstung" - die Kosten für gute Qualität : ca. 10-15 Teuro für ein Stockwerk. Immerhin ermöglichen Treppenlifte den Verbleib im vertrauten Heim um viele Jahre...! Geräumige Fahrstühle kosten mindestens das Vierfache und gehören für Mehrfamilienhäuser eigentlich heute zur Grundausstattung - zu klein gewählte Fahrstühle sind z.B. für Rollstühle nicht zu gebrauchen. Ältere Fahrstühle machen hier große Schwierigkeiten (z.B. Einklemmen, Steckenbleiben)

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