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13.09.2017

16:11 Uhr

Immobilien

Wenn Wohnen zum Armutsrisiko wird

VonMatthias Streit

Mieten und Immobilienpreise in den Großstädten steigen weiter. Der Neubau hält der hohen Nachfrage nicht stand. Nun schlägt eine Stiftung Alarm, dass die Miete die finanzielle Belastbarkeit vieler Haushalte übersteigt.

Die Preise für Eigentumswohnungen in Berlin haben sich seit 2007 mehr als verdoppelt. dpa

Wohnungen in Berlin

Die Preise für Eigentumswohnungen in Berlin haben sich seit 2007 mehr als verdoppelt.

FrankfurtWer in einer deutschen Großstadt eine Mietwohnung sucht, ist nicht zu beneiden. Lange Schlangen bei der Besichtigung, hohe Abschlagsforderungen und vor allem stetig steigende Mieten machen es inzwischen selbst für Normalverdiener schwer, eine bezahlbare Bleibe zu finden. Laut dem internationalen Immobilienberatungshaus JLL sind die Wohnungsmieten deutschlandweit im Mittel zwischen Juni 2016 und Juni 2017 um sieben Prozent gestiegen.

Das aber ist nur ein Teil der Wahrheit. In den Großstädten nämlich fiel der Anstieg wesentlich höher aus. Berlin zum Beispiel meldet ein Plus von 13 Prozent, seit 2007 summiert sich der Mietanstieg auf sagenhafte 76 Prozent. In München stiegen die Mieten im selben Zeitraum um 65 Prozent – wobei das Mietniveau in der bayerischen Landeshauptstadt schon vor zehn Jahren deutlich höher lag als in der deutschen Kapitale.

Städte mit der höchsten Mietbelastung

Platz 10 Hamburg

28,6 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung September 2017, Mikrozensus 2014

Platz 9 Offenbach am Main

28,7 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Platz 8 Bergisch Gladbach

28,8 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Platz 7 Mannheim

28,8 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Platz 6 Bremerhaven

29,0 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Platz 5 Bremen

29,1 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Platz 4 Düsseldorf

29,2 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Platz 3 Köln

29,3 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Platz 2 Neuss

30,1 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Platz 1 Bonn

30,3 Prozent des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen werden im Schnitt für Miete ausgegeben.

Das alarmiert Politiker und Soziologen. Denn mehr als ein gutes Drittel des verfügbaren Haushaltsnettoeinkommens sollte die Miete oder der Immobilienkredit nicht verschlingen, weil sonst „relativ wenig Geld zur sonstigen Lebensführung zur Verfügung bleibt“, wie es die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer neuen Studie beschreibt. Unter dem verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen versteht man üblicherweise die Gesamteinkünfte eines Haushalts – inklusive Transferleistungen – abzüglich Steuern und Sozialversicherungsabgaben.

Umso alarmierender wirkt das Bild, das die von der Stiftung beauftragten Wissenschaftler der Humboldt-Universität Berlin und der Goethe-Universität Frankfurt skizzieren: Rund 40 Prozent aller deutschen Haushalte wenden mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete auf, fast ein Fünftel sogar mehr als 40 Prozent. „Vor allem kleine Haushalte haben eine höhere Mietbelastung zu tragen“, heißt es in der Studie.

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Häufig seien die Mietprobleme ein Spiegelbild der Einkommensverhältnisse: Wer wenig verdient, dessen Mietbelastung liegt entsprechend höher. Das allein wollen die Wissenschaftler aber nicht gelten lassen. Die hohen Mieten selbst können arm machen, warnen sie. Etwa 1,3 Millionen Haushalte, also rund zehn Prozent aller Großstadthaushalte, hätten nach der Mietzahlung ein Resteinkommen unterhalb der Grundsicherungssätze.

Mit einer Lösung des Wohnproblems tun sich Politiker schwer. Die Mietpreisbremse gilt als gescheitert. Und auch der Versuch, mehr Mieter zu Wohneigentümern zu machen – etwa mit staatlichen Finanzhilfen beim Kauf – scheinen bislang wenig erfolgreich. So scheint es, als nehme der Druck in den Großstädten immer weiter zu.

Kommentare (6)

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Anno Nymicus

13.09.2017, 16:25 Uhr

Und was sagt wohl Mutti dazu?

Richtig: Nix.

... und dann wird wieder gejammert "alles wird immer brutaler, fieser, rücksichtsloser und unmenschlicher".
Falsch!
Das ist genau das Gegenteil von unmenschlich - radikales, brutales Verhalten ist das natürlichste Verhalten überhaupt, wenn man merkt dass man gerade mit Kind und Kegel absäuft.

Und Mutti?
Sagt weiterhin nix.

Herr Christian Körner

13.09.2017, 16:47 Uhr

DIE IMMOBILIE IST ZUM SPEKULATIONSOBJEKT VERKOMMEN!!!
Wer eine Immobilie länger als 10 Jahre hält und dann verkauft, darf den Gewinn STEUERFREI behalten.
Wer sich an einem Unternehmen beteiligt, zum Beispiel Aktien kauft, muss die Kursgewinne versteuern. Obwohl man mit so einer Beteiligung dazu beiträgt, dass Arbeitsplätze, Patente und Technologien in Deutschland bleiben.
WIE SOLLEN DIE MIETEN BEZAHLT WERDEN, WENN IN DEN NÄCHSTEN JAHREN EINE GROSSE ANZAHL VON ARBEITSPLÄTZEN ABWANDERT?

Frau Edelgard Kah

13.09.2017, 17:03 Uhr

Sehr geehrter Herr Streit,

kennen Sie Google? Dann geben Sie dort einmal die Stichworte "Wohngeld" oder "Wohngeldrechner" ein.

Ich verstehe das ganze Gejammere über unbezahlbare Mieten nicht. Wir haben seit Jahrzehnten ein sozialpolitisches Gesetz, das bei sozial Schwachen einen Teil der Miete übernimmt. Mag sein, dass es den jüngsten rasanten Anstieg der Mieten zu wenig berücksichtigt. Aber einen solchen Mangel zu beseitigen, dürfte kein gesetzgeberisches Kunststück sein.

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