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05.08.2016

15:15 Uhr

Immobilienblase in Deutschland

Häuser werden langsam unerschwinglich

VonReiner Reichel

Die Commerzbank warnt vor einer Immobilienblase in Deutschland. Doch Analysten sind sich uneinig: Wie gefährlich sind die Preisanstiege im Häusermarkt? Auf jeden Fall wird es schwieriger, die Kaufpreise zu finanzieren.

Protest für bezahlbaren Wohnraum in Berlin: Immobilienkäufer werden zurückhaltender wegen steigender Kaufpreise. Imago

Demonstration in Berlin

Protest für bezahlbaren Wohnraum in Berlin: Immobilienkäufer werden zurückhaltender wegen steigender Kaufpreise.

DüsseldorfWas geschieht, wenn eine Immobilienblase platzt, wissen die Deutschen nur aus Fernsehen, Illustrierten und Zeitungen. In Spanien wurden Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben, weil sie die Kredite nicht mehr bezahlen konnten, in Irland wurden Geister-Stadtteile wieder abgerissen, weil niemand mehr Geld gab, um die Rohbauten fertig zu stellen. Das will hierzulande niemand erleben.

Deshalb wird wegen der seit vier Jahren besonders rasant steigenden Wohnungspreise und -mieten in Deutschland in schöner Regelmäßigkeit vor einer Immobilienblase gewarnt.

Die jüngste Warnung vor einer Immobilienblase kam am Freitag von der Commerzbank. „Der Immobilienboom in Deutschland nimmt immer mehr Züge einer Blase an, da sich die Häuserpreise mehr und mehr von den Fundamentalfaktoren abkoppeln“, schreiben die Analysten Ralph Solveen und Marco Wagner.

Preisexplosion in München

Wie schnell die Preise hochschießen machte eine am Donnerstag veröffentlichte Untersuchung des Immobiliendienstleisters JLL deutlich. Danach ginge es in den ersten sechs Monaten diesen Jahres in den acht Metropolen Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart besonders heiß her. Besonders das teure München taugt als gutes Beispiel für eine drohe Blase: In der Stadt wuchsen die Preise für Mieten und Eigentumswohnungen am stärksten an.

Entwicklung der Kaufpreise angebotener Eigentumswohnungen (2016)

München

1. Halbjahr 2004: 3.210 Euro/m²
1. Halbjahr 2015: 5.770 Euro/m²
1. Halbjahr 2016: 6.490 Euro/m²

Veränderung: +102 Prozent (zu 2004) / +12,5 Prozent (zu 2015)

Die Angaben sind Medianwerte - 50 Prozent der angebotenen Wohnungen sind teurer, 50 Prozent günstiger. Quelle: JLL

Frankfurt

1. Halbjahr 2004: 2.430 Euro/m²
1. Halbjahr 2015: 3.990 Euro/m²
1. Halbjahr 2016: 4.210 Euro/m²

Veränderung: +73 Prozent (zu 2004) / +5,5 Prozent (zu 2015)

Hamburg

1. Halbjahr 2004: 2.140 Euro/m²
1. Halbjahr 2015: 3.790 Euro/m²
1. Halbjahr 2016: 3.880 Euro/m²

Veränderung: +81 Prozent (zu 2004) / +2,3 Prozent (zu 2015)

Stuttgart

1. Halbjahr 2004: 2.200 Euro/m²
1. Halbjahr 2015: 3.340 Euro/m²
1. Halbjahr 2016: 3.900 Euro/m²

Veränderung: +77 Prozent (zu 2004) / +16,7 Prozent (zu 2015)

Düsseldorf

1. Halbjahr 2004: 1.880 Euro/m²
1. Halbjahr 2015: 3.160 Euro/m²
1. Halbjahr 2016: 3.320 Euro/m²

Veränderung: +77 Prozent (zu 2004) / +5 Prozent (zu 2015)

Berlin

1. Halbjahr 2004: 1.630 Euro/m²
1. Halbjahr 2015: 3.020 Euro/m²
1. Halbjahr 2016: 3.320 Euro/m²

Veränderung: +104 Prozent (zu 2004) / +10 Prozent (zu 2015)

Köln

1. Halbjahr 2004: 2.010 Euro/m²
1. Halbjahr 2015: 2.840 Euro/m²
1. Halbjahr 2016: 3.100 Euro/m²

Veränderung: +54 Prozent (zu 2004) / +9,2 Prozent (zu 2015)

Leipzig

1. Halbjahr 2004: 1.590 Euro/m²
1. Halbjahr 2015: 1.350 Euro/m²
1. Halbjahr 2016: 1.620 Euro/m²

Veränderung: +2 Prozent (zu 2004) / +20 Prozent (zu 2015)

Die Schuld für die Blasengefahr geben die Banker „der sehr expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), an der sich auf absehbare Zeit kaum etwas ändern wird“. Die Geldpolitik der EZB hat die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ins Minus getrieben. Die Rendite dieser Anleihe ist ein Indikator für die Baugeldzinsen in Deutschland, die gegenwärtig auf dem niedrigsten Niveau aller Zeiten notieren.

Als Argument für „die Züge einer Blase“ führen die Experten Erfahrungen aus den USA an, die besagen, dass bei anhaltend niedrigen, kaum noch zu unterbietenden Baugeldzinsen die Preise zunächst weiter steigen, aber die Gefahr einer deutlichen Korrektur droht. Ab 2003 seien die Zinsen in den USA nicht wie zuvor weiter gesunken. Weil die Preise weiter kletterten, wurde Wohnraum immer weniger erschwinglich. Als zwei Jahre später die Zinsen wieder stiegen, nahm die Erschwinglichkeit noch weiter ab. Dramatisch wurde es dort wie auch in Spanien und Irland, als die Lehman-Pleite im Herbst 2008 eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise auslöste und immer mehr Menschen ihre Kredite nicht bedienen konnten.

Kommentare (20)

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Herr Percy Stuart

05.08.2016, 16:15 Uhr

Was in den letzten 25 Jahren so alles in den Sand gesetzt wurde ist unbeschreiblich.
Warum sind Menschen, Politiker und Manager nicht in der Lage und Willens, Dinge die seit dem zweiten Weltkrieg bis Ende der 80er Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts gut funktionierten, ohne Grund über Bord zu werfen und dafür dem Chaos und der Ausplünderung ganzer Volkswirtschaften Tür und Tor zu öffnen. Es wird ein böses Ende nehmen, das steht für mich zweifelsfrei heute schon fest. Und das schreibe ich nicht als Pessimist, sondern als Realist. Jahrzehntelang haben Politiker und Medien vor jeder neuen Wahl, vor jeder Reform das Blaue vom Himmel versprochen, aber nichts von ihren Versprechen gehalten. 2017 wird endgültig per demokratischen Entscheidungsprozeß abgerechnet, wann dann noch immer nichts passiert dann wird es vermutlich wohl auf Gewaltexzesse hinauslaufen. Ich glaube nicht mehr daran, dass dann die Mehrheit weiterhin die Füsse still halten wird, dann wird es auch hier bei uns heftig knallen, dafür brauchen wir dann auch keinen importierten IS-Terrorismus mehr, der Terror kommt dann vom eigenen Volk und ich weiß auch schon, wen er treffen wird!

Herr Gerd St

05.08.2016, 16:19 Uhr

In der Tat ist es so, dass für normal verdienende Leute vernünftige Immobilien kaum noch zu finanzieren sind. Wenn man heute Käfige mit Winz- Grundstücken, die so gebaut sind, dass man dem Nachbarn die Zahncreme direkt auf die Bürste drücken kann, selbst im Hamburger Umland nur noch für € 450.000 aufwärts bekommen kann (natürlich plus Kosten) bleibt die Frage wer dies ruhigen Gewissens finanzieren soll, Eine Spekulation für min. 30 Jahre bleibt die einzige Möglichkeit.
Dabei muss man aber auch eine unheilige Allianz zwischen Bauunternehmern und Maklern feststellen.
Beide sind interessiert möglichst hohe Profite aus jedem Stückchen Land herauszupressen. Es wird an den menschenunwürdigsten Stelle gebaut, wenn es geht, in Ghettoform (welches in der Regel hochtrabend als "Quartier" bezeichnet wird) und den Leuten als alternativlos verkauft. Wird dieser Dreck notgedrungen gekauft (weil die Auswahl eben nicht mehr da ist) ist ein Preispflock gesetzt und von hier an geht es stetig bergauf.
Die weitere Ursache ist, ist die Zinspolitik. Kein Normalbürger hat mehr die Möglichkeit ohne großes Risiko noch Geld anzulegen. Es bleibt : die Immobilie.
Es wird zu Zwangsversteigerungen kommen aber frühestens in fünf Jahren und selbst dann werden diese Objekte wieder nahtlos besetzt.
Eine Blase wird es nicht geben.


Herr Tom Schmidt

05.08.2016, 16:23 Uhr

Die Rache des kleinen (deutschen) Mannes! Vor ein paar Tagen hieß es hier, Draghi beisst sich an den Deutschen die Zähne aus. Auch meine Immobilienkredite sind jetzt alle mit niedrigsten Zinssätzen versehen und ich habe das bis zur vollständigen Rückzahlung festgeschrieben! Somit vernichte ich aus Draghis Sicht jeden Monat mit meiner Rate Geld und senke die Geldmenge! Und... ich freu mich drüber! :-)

Aber ich finde es gut, dass die wahre Preissteigerung in München wenigstens mal publiziert wurde, bisher gab es da immer geschönte Werte. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ja es gibt diese +100%!

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