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28.10.2013

06:20 Uhr

Mietmarkt München

Suche Zimmer, nehme alles

VonTimo Steppat

Wohnen im Plattenbau, Hausen ohne Heizung, mit drei stinkenden Katzen oder nur gegen handwerklichen Zusatzdienst: Wer in München ein Zimmer sucht, muss Abstriche machen – oder ganz verzichten. Am Ende hilft nur eines.

In München ist der Wohnungsmarkt so angespannt wie in kaum einer anderen deutschen Stadt. Wer hier auf Zimmersuche ist, muss kämpfen. dpa

In München ist der Wohnungsmarkt so angespannt wie in kaum einer anderen deutschen Stadt. Wer hier auf Zimmersuche ist, muss kämpfen.

MünchenAlle haben sich gut vorbereitet. Aus den Taschen ragen Bewerbungsmappen hervor, in denen sich jeder einzelne im besten Licht präsentiert. Ein paar Blätter mit Passfoto versehen sind das meist, zusammengeheftet mit einer Tackernadel oder in einem Ordner gebündelt, bereit zum Abwerfen. Nein, keiner hier wartet auf ein Bewerbungsgespräch, es geht nicht um den neuen gut bezahlten Job. Sie alle wollen diese Wohnung.

Rund 30 Leute drängen sich an einem Samstagmorgen auf 28 Quadratmetern, manche stehen noch im Hausflur und versuchen über die Köpfe der anderen hinweg einen Blick zu erhaschen. Wo ist der Makler? Am Äußeren lässt sich das nicht erkennen, keiner sticht besonders hervor. Anzugträger mittleren Alters haben sich versammelt, eine alleinerziehende Mutter, Studenten, Arbeitslose und frisch Geschiedene. Sie bilden für den Zeitraum von wenigen Wochen, manchmal auch Monaten, eine Art Schicksalsgemeinschaft und sind einander zugleich die ärgsten Gegner. Willkommen in der Stadt der Wohnungssuchenden, willkommen in München!

Mir wird schnell klar, dass ich auch diesmal Pech haben werde. Ich dränge mich aber trotzdem in die Wohnung und versuche dem Makler noch eine Frage zu stellen. Eigentlich interessiert mich nicht, ob es sich um Nachtspeicher- oder Gasetagenheizung handelt. Ich würde die Wohnung wahrscheinlich auch nehmen, wenn sie bloß einen Kohleofen hätte. Aber das Fragen, so mein Kalkül, soll mich von den 29 anderen Bewerbern abheben, es soll Interesse signalisieren. „Joa, wissen'S, des woas i o ned“, sagt der Immobilienmann. Und ist der Mietpreis inklusive Heizkosten, will ein anderer wissen. „Muss i moa schaun.“

Es spielt auch keine Rolle, ob er über Quadratmeterzahl, Bodenbelag oder Verglasung Bescheid weiß – in weniger als einer halben Stunde wird er den idealen Mieter gefunden haben und ihm für die Vermittlung zwei Kaltmieten plus Mehrwertsteuer berechnen. In diesem Fall sind das 1118 Euro.

So überzeugen Sie den Makler

1. Die Anzeige genau lesen

Wenn Sie Makler oder Vermieter kontaktieren, sollten Sie die Beschreibung der Wohnung gut kennen. „Viele Mietinteressenten haben die Anzeige gar nicht richtig gelesen“, beklagt der Münchner Makler Eckhardt Mauß, „das vermittelt direkt einen negativen ersten Eindruck.“ Wenn Sie also Interesse an der Wohnung signalisieren wollen, sollten Sie über die wichtigsten Eckdaten informiert sein. Damit punkten Sie allemal!

2. Den Makler prüfen

Der Mietmarkt ist angespannt, das Angebot relativ knapp. Da haben schlechte Makler und Scharlatane leichtes Spiel. Stephan Kippes, Professor für Immobilienwesen, empfiehlt deshalb, Makler im Vorfeld zu überprüfen. „Zwei Kriterien sind, ob derjenige über eine entsprechende Ausbildung verfügt und Mitglied im Maklerverband IVD ist“, sagt Kippes. Bei grobem Fehlverhalten können Geschädigte auch im Nachhinein den Ombudsmann des Verbands kontaktieren und haben die Möglichkeit auf Schadensersatz. Informieren Sie sich daher vorher, wer Ihnen da zum neuen Wohnungsglück verhelfen will.

3. Höflich, pünktlich, bemüht

„Umgangsformen sind für mich entscheidend“, berichtet Thomas Buss, der als Makler im Raum Frankfurt tätig ist. Wer zur Besichtigung eine Viertelstunde zu spät kommt, hat automatisch schlechtere Karten. Im Auftreten sollte man höflich sein und nicht zu kumpelhaft erscheinen. „Ich will mit dem Bewerber ja kein Bier trinken gehen, sondern muss in ihm einen vernünftigen Mieter sehen“, meint der Frankfurter Makler. Bleiben Sie lieber beim Sie und duzen Sie den Makler nur, wenn er es Ihnen anbietet.

4. Bewerbungsmappe vorbereiten

„Eine Bewerbungsmappe zur Besichtigung mitzubringen ist inzwischen Standard“, sagt Professor Stephan Kippes. In eine solche Mappe gehören: Schufa-Auskunft sowie Gehaltsnachweise. „Damit zeigen Sie als Mietinteressent, dass Sie direkt in die heiße Phase der Vertragsunterzeichnung vorstoßen wollen“, sagt Immobilien-Experte Kippes. Legen Sie also von vornherein die Karten auf dem Tisch, das schafft Vertrauen und überzeugt den Makler.

5. Begeisterung zeigen

Makler Eckhard Mauß kennt zwei Gruppen von Interessenten: Die einen möchten die Wohnung, die anderen wollen sie unbedingt haben. Wer von der Wohnung begeistert ist, sollte das aus Sicht des Münchner Maklers durchaus zeigen – es wirke sich positiv aus. Wenn Sie also schon gedanklich das Billy-Regal ins Wohnzimmer gestellt haben und den neuen Esstisch in der Küche sehen, dann teilen Sie dies auch offen mit: Ja, hier kann ich mir vorstellen zu wohnen!

6. Fragen stellen

„Das signalisiert tiefer gehendes Interesse an einer Immobilie“, sagt Professor Kippes. Nicht nur Fragen zur Wohnung selbst machen sich gut, sich nach Nachbarn und Umfeld zur erkundigen soll sich positiv auswirken. Außerdem wollen Sie ja auch tatsächlich wissen, wie hoch die Kriminalität im Stadtviertel ist und ob die Fenster im Winter gut isoliert sind. Keine falschen Scham, wer Neugierde zeigt und kluge Fragen stellt, kann beim Vermieter punkten. Doch aufgepasst: Wer zu kritisch und alle hinterfragt, kann auch schnell als Miesepeter rüberkommen, warnt Makler Mauß.

7. Sich von der Konkurrenz abheben

Oft sind es viele, die sich um eine Wohnung bemühen. Eine Möglichkeit sich von der Konkurrenz abzuheben, ist ein kurzes Bewerbungsschreiben. „Selbst wenn Sie den Makler überzeugt haben, gilt das noch lange nicht für den Vermieter“, sagt Eckhard Mauß. Neben der regulären Bewerbungsmappe kann man darin sein besonderes Interesse begründen. „Fotos vom Bewerber oder seiner Familie machen sich über dem Anschreiben sehr gut“, sagt Mauß. Der Vermieter kann sich auf diese Weise einen besseren Eindruck verschaffen. Ein nette Familien-Foto vom letzten Weihnachtsfest oder ein sympathischer Urlaubs-Schnappschuss zeigt, wer bald im Haus wohnen könnte – und gesellige Nachbarn sind immer gern gesehen.

Mir steht ein Bewerbungsmarathon bevor: In vier Tagen muss ich eine Unterkunft in München finden. Klappt das nicht, bin ich in drei Wochen, wenn ich hierherziehe, obdachlos. Freunde und Bekannte haben mir mitleidsvoll auf die Schulter geklopft und viel Glück gewünscht. Selbst wer nie in der bayerischen Landeshauptstadt war, kennt den Mythos von skrupellosen Maklern, horrenden Mieten und einem hart umkämpften Wohnmarkt. München ist schon lange die Stadt mit den höchsten Mieten bundesweit, doch ähnlich wie in Frankfurt, Köln oder Hamburg hat sich der Trend in den zurückliegenden Jahren noch deutlich verstärkt.

Kommentare (40)

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28.10.2013, 08:07 Uhr

In München stehen jede Menge Gewerbegebäude leer, Grundstücke werden nur noch für Luxusimmobilien verwendet, Leerstehende städtische Wohnungen etc. Das ist München. Dafür bewibt sich die Stadt um eine Fußballmeisterschaft und die Olympiade. Kinder werden in schimmligen Schulgebäuden unterrichtet, die Straßen sind marode, verdreckt und immer verstopft, der ÖPNV marode und immer verspätet. Das ist München. Die Stadt München hat sich nicht um den Erwerb der Sozailwohnungen der GbW beworben, hat der Patricia AG den Vortritt gelassen. Der Oberbürgermeister dieser Stadt, Herr Ude, ist Vortandsvorsitzender der GeWofAG und unternimmt nichts, um diesen unsäglichen Misstand zu beheben. Wozu auch? Passt nicht zur Schickimicki, Bussibussi Kultur.

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28.10.2013, 08:13 Uhr

Ich war von Hrn. Ude lange Zeit angetan. Aber tatsächlich hat in München die SPD ihre eigenen propagierten sozialen Ziele verfehlt und diese Missstände mitverursacht.

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28.10.2013, 08:22 Uhr

Man, zieht aufs Land, auch Firmen können auf dem Land gute Gebäude beziehen. Kann mir doch keiner weismachen das nicht ein erklecklicher Teil von den Firmen auf dem Land keine guten Arbeitsbedingungen vorfinden würde.
Dieser Hype in den Städten Hasenkolonien aufzuziehen ist mir schon immer suspekt.

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