Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.05.2011

09:06 Uhr

München Lehel

Vom Tagelöhner-Viertel zum In-Quartier

VonReiner Reichel

Früher gemieden, heute beliebt: Im Münchener Stadtteil Lehel möchten viele gerne wohnen. Bei den meisten scheitert dieser Wunsch allerdings am Geldbeutel.

MünchenWir müssen draußen bleiben, lautete im 14. Jahrhundert die Devise im Lehel. Der heutige Münchener Innenstadtteil lag damals vor den Toren der Stadt – und war Auffangbecken für all jene, denen die Münchener Zünfte das Arbeiten verwehrten, und die deshalb auch nicht innerhalb der Stadtmauern wohnen durften. Damals hausten im Lehel, von alten Münchenern auch heute noch „Lächl“ genannt, die Ärmsten der Armen. Und noch im 19. Jahrhundert lebten in dem von Bächen durchzogenen Auenland Tagelöhner und Wäscher.

Heute würde so mancher Münchener gerne im Lehel wohnen – muss aber draußen bleiben, weil das Bankkonto nicht dick genug ist. „Doppelverdiener, keine Kinder“, so beschreibt Gregory Kleemann, Münchener Statthalter der amerikanischen Maklerkette Remax, den typischen Bewohner im Lehel. Inzwischen ist das Quartier zwischen der Isar im Osten und der Max-Joseph-Brücke im Norden dicht bebaut. Im Süden wird es von der Ludwigsbrücke begrenzt, im Westen von den zum Altstadtring gehörenden Thomas-Wimmer, Karl-Scharnagl- und Franz-Josef-Strauß-Ring, und weiter nördlich von der Königinstraße.

Ein Blick auf die in nüchternen Zahlen zusammengefasste Miet- und Preissituation in der einstigen Vorstadt zeigt: Das Einkommen muss sprudeln, wenn man im Lehel wohnen will. So weist die Statistik des Internet-Immobilienmarktplatzes Immobilienscout 24 einen durchschnittlichen Angebotspreis für Altbauwohnungen von 5300 Euro je Quadratmeter aus; für Neubauten sind es stolze 6892 Euro. Wer mietet, zahlt für einen Quadratmeter 18,29 Euro. Nichts für Durchschnittsverdiener.

Liedermacher Konstantin Wecker ist das Viertel fremd geworden

Aber vielleicht für Singles. Denn die Bewohner im Lehel sind nie allein. „Wer im Lehel aus der Haustür auf die Straße tritt, ist sofort im Leben“, sagt Makler Kleemann. Das Quartier und die angrenzende Altstadt ziehen Scharen von Touristen an auf dem Weg in eines der zahlreichen Museen, zum Englischen Garten oder auf die Einkaufsmeile Maximilianstraße. Hier sind die Geschäfte – von Armani bis Louis Vuitton – allerdings so exklusiv wie die Wohnungen.

Einem wie dem Liedermacher Konstantin Wecker, der im Lehel aufwuchs, ist das Viertel fremd geworden. In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb er vor ein paar Tagen: „Für mich als Kind war das Lehel ja früher wie ein Dorf: Runter nach Schwabing war schon fast ein Tagesausflug. Damals war das Viertel noch unglaublich lebendig. Alles, was man zum Leben braucht, bekam man. Und heute? Im Grund ist bloß noch der ’Mariannenhof’ übrig geblieben. Dort habe ich als Kind noch mit dem Maßkrug Bier an der Gassenschänke abgeholt. Im Lehel kam es dann so: Ein Haufen Leute haben sich da Wohnungen gekauft, die gar nicht dort wohnen. Das war für die einfach eine Geldanlage. München ist für viele reiche Menschen halt oft nur eine Geldanlage. Das kann’ wohl nicht sein.“

Mitarbeit: Axel Höpner


Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×