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24.01.2010

10:00 Uhr

Stuttgart 21

Durch den Gipsboden in die Hölle

VonAnette Kiefer

In Staufen im Breisgau hebt sich der Boden und zerstört die historische Altstadt. Das Drama begann mit dem Bau einer Bahnstrecke. Das Problem: Weite Teile des baden-württembergischen Bodens bestehen aus so genanntem Gipskeuper, einem Mineralgips der aufquillt wie Hefeteig - und nun auch das Prestigeprojekt Stuttgart 21 bedroht.

STUTTGART. Auf das Milliarden-Stadtentwicklungsprojekt Stuttgart 21 warten möglicherweise unangenehme Überraschungen. Probleme drohen beim Bohren von rund 60 Kilometer Tunnelstrecke durch den schwäbischen Boden. Die Röhren sind nötig, um aus dem oberirdischen Kopfbahnhof einen unterirdischen Durchgangsbahnhof zu machen, so dass über der Erde rund 100 Hektar innerstädtische Neubaufläche entstehen.

Kurz vor Weihnachten entschieden Bahn, Land und Stadt Stuttgart: Das Bahnprojekt Stuttgart 21 wird zwar eine Mrd. Euro teurer als geplant, aber trotzdem gebaut. Ab 15. März sollen die Bagger loslegen.

Doch Experten warnen vor Gipskeuper-Schichten, die in den Böden der Stuttgarter Region vorkommen und die Erdarbeiten möglicherweise erschweren könnten. Denn aus Gipskeuper (Anhydrit) kann Mineralgips entstehen, wenn er mit Wasser in Verbindung kommt. Das Problem: Das Volumen von Gips ist um etwa 60 Prozent größer als das von Gipskeuper - der Boden quillt also auf wie ein Hefeteig. Dadurch können oberirdische Schäden entstehen, wenn sich der Boden langsam, aber unaufhaltsam hebt.

Die Stadt Stuttgart hat bereits einige Erfahrungen mit Gipskeuper hinter sich. Zum Beispiel im Wagenburgtunnel nahe der Innenstadt: Der war bei seiner Eröffnung 1958 mit rund 800 Metern der längste Straßentunnel Deutschlands und ursprünglich als zweiröhriger Tunnel veranschlagt - doch schon beim Bau der Südröhre kam den Arbeitern der Gipskeuper in die Quere, der Boden begann sich zu heben. Schließlich war die Nordröhre wegen der unkontrollierbaren Quellvorgänge nicht fertigzustellen. Pikant: Der Ausgang des Wagenburgtunnels liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Stuttgarter Hauptbahnhof, wo demnächst die Ausschachtungsarbeiten beginnen.

Dass es auch bei den Stuttgart-21-Grabungen zu Problemen mit Gipskeuper kommt, ist nicht auszuschließen. Der Geologe Jakob Sierig, der sich in seiner Doktorarbeit mit Anhydrit und Salzgestein beschäftigt hat, schätzt die Wahrscheinlichkeit sogar auf 80 Prozent. "Wenn solche Tunnel mit einem Durchmesser von 15 Metern gebaut werden, dann geschieht das durch Sprengungen. Und die Gefahr ist groß, dass sich im Umkreis der Sprengung Risse bilden, durch die das Wasser in die Keuperschicht eindringen kann."

Kein Problem, sagt dagegen die Deutsche Bahn. "In Stuttgart gibt es seit Jahrzehnten verlässliche Erfahrungen im Tunnelbau aus dem S-Bahn -, Stadtbahnbau", versichert Wolfgang Drexler, der Sprecher des Bahnprojekts. "Die Bahn hat schon in der Vergangenheit Tunnelbauprojekte im unausgelaugten Gipskeuper erfolgreich gebaut, zum Beispiel den Hasenbergtunnel."

Kommentare (7)

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Denkerist

24.01.2010, 17:00 Uhr

Wenn die bahn die Finger mit im Spiel hat sollte man vorsichtig werden.
Diese Firma ist nicht mal mehr in der Lage ihre Züge halbwegs pünktlich von A nach b zu bringen.
Das einzig zuverlässige bei der bahn sind die Preiserhöhungen.

im Ernst, hier wird unverantwortlich mit dem Eigentum der Anwohner im bereich der bahnhofsbaustelle umgegangen. Vielleicht sollten sich die Anlieger mal in Stauffen umsehen. Dort hatten Geothermiebohrungen zu den Schäden geführt auf denen nun die Anwohner sitztenbleiben.

MS

24.01.2010, 20:27 Uhr

Stuttgart 21 gehört aufgrund der Kosten, die mit Sicherheit mit jedem baufortschritt weiter ansteigen werden, dringend überdacht.

Hier werden für ein Prestigeobjekt Milliarden an EUR verbaut. Vermutlich könnte man die wesentlichen Ziele für den bahnverkehr auch mit einer kleineren und preisgünstigeren bauvariante umsetzen.

Sieht man sich viele Haltestellen und bahnhöfe auf dem Land, auch in größeren Gemeinden/Städten einmal näher an, bestünde doch mitunter erheblicher und ebenso dringender investitionsbedarf.

ich wohne in einer Gemeinde mit einem eigentlich hervorragenden ausgebauten Personennahverkehr auf S-bahn-Niveau.

Viele Haltestellen an der Strecke befinden sich jedoch in einem erbärmlichen Zustand. Teilweise müssen beim Ein- und Ausstieg Höhendifferenzen von 40 cm überbrückt werden. Die Züge können daher weder von behinderten, Gebrechlichen noch Müttern mit Kinderwagen genutzt werden. Wenn man Pech hat sollte man beim Aussteigen bei Regenwetter auch noch Schwimmer sein, da es riesige Wasserpfützen direkt an der bahnsteigkante gibt. Die Gemeinde hat über 3.500 Einwohner.

Die Sanierung wird immer wieder hinausgeschoben und dürfte in Anbetracht der knappen Finanzen auch für die nächsten Jahre illusion bleiben.

Vielleicht in Stuttgart mal eine Nummer kleiner und dafür auch mal etwas mehr im ländlichen bereich investieren!

Tief-Bauer

24.01.2010, 22:54 Uhr

Lasst das doch die Kölner U-bahn-Experten machen... die bekommen das hin!!
ich hoffe, Stuttgart bleiben solche Stümpereien erspart.

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