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31.03.2016

16:14 Uhr

Inflation im Euro-Raum

Mario Draghis Probleme mit dem starken Euro

VonJan Mallien

Die Preise in der Euro-Zone sind im März gefallen. Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank ist in weiter Ferne. Jetzt verschärft auch noch der starke Euro-Kurs die Probleme von Notenbankchef Mario Draghi.

Draghi dreht Geldhahn auf

Aggressive Geldpolitik bleibt treibende Kraft

Draghi dreht Geldhahn auf: Aggressive Geldpolitik bleibt treibende Kraft

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FrankfurtMario Draghi hatte sich bereits auf schlechte Nachrichten eingestellt. „Wir rechnen für die nächsten Monate mit niedrigen oder gar negativen Inflationsraten“, hatte er bereits im Januar angekündigt.

Tatsächlich sind die Preise im Euroraum laut den heute vom europäischen Statistikamt Eurostat vorgelegten Zahlen auch im März um 0,1 Prozent gefallen. Negative Teuerungsraten nähren die Sorge vor einer so genannten Deflation, das ist eine verhängnisvolle Spirale aus dauerhaft verfallenden Preisen und schrumpfender Wirtschaft.

Bereits im Februar hatte es ein Minus von 0,2 Prozent gegeben. Vor allem der Verfall der Ölpreise bewirkt, dass die Lebenshaltungskosten zurückgehen. Binnen Jahresfrist sanken die Energiepreise im März um 8,7 Prozent.

Beschlüsse der EZB am 10. März 2016

Niedrigerer Leitzins

Die EZB senkt den Leitzins von 0,05 auf 0,00 Prozent. Der Schritt selbst hat wenig direkte Auswirkungen. Hierbei geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die EZB entschlossen handelt.

Höherer Strafzins

Die EZB senkt den Einlagenzins im Euro-Raum von minus 0,3 auf 0,4 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine noch höhere Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Allerdings belastet dies den labilen Bankensektor. Deshalb war im Vorfeld der Ratssitzung auch über eine Staffelung des Einlagezinses diskutiert worden, ähnlich wie in der Schweiz. Dabei würde der negative Einlagenzins erst dann greifen, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine bestimmte Obergrenze überschreitet.
Draghi hat sich aber gegen ein solches Modfell entschieden. Dies sei in einer Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Banken nur schwer umzusetzen, sagte er.

Mehr Anleihenkäufe

Die EZB weitet das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Dadurch erhöht sich Gesamtvolumen bis März 2017 um 240 Milliarden auf 1,74 Billionen Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht, hatte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding im Vorfeld gesagt.

Dieser Schritt galt aber als durchaus umstritten. Für die Deutsche Bundesbank, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik kritisch sieht, ist diese Pille schwerer zu schlucken, als die Senkung des Einlagenzinses. Draghi sagte jedoch, der EZB-Rat habe die Maßnahmen mit einer „überwältigenden Mehrheit“ beschlossen. Durch das höhere Volumen stößt die EZB bei ihren Käufen schneller an Grenzen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (jetzt minus 0,4 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.

Bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwicklungsbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) weitet sie dieses Limit nun auf 50 Prozent der ausstehenden Anleihen aus.

Firmenanleihen

Um Knappheit zu verhindern, weitet die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen aus. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert. Nun kauft sie außerdem auch von in Euro notierenden Unternehmensanleihen mit gutem Rating (Investment Grade).

Kredite zum Traumtarif

Die EZB weitet ihr Programm aus, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Ab Juni sollen vier spezielle Kreditlinien – im Fachjargon TLTRO II genannt – für die Finanzinstitute mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt werden. Die Kosten orientierten sich am Einlagenzins, den die EZB jetzt auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken können also Geld damit verdienen, sich Geld zu leihen.

Bereits seit 2014 bieten die Währungshüter gezielte Geldspritzen an. Sie sollen Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite an Firmen zu vergeben. Allerdings brauchen viele Banken gar nicht mehr Liquidität. Dies hilft deshalb wohl lediglich einigen angeschlagenen Instituten.

Damit ist das mittelfristige Inflationsziel der EZB einer Preissteigerung von knapp zwei Prozent in  weiter Ferne. Kopfschmerzen dürfte Draghi jetzt auch die jüngste Aufwertung des Euro-Wechselkurses bereiten. Denn ein stärkerer Euro hat zwei derzeit unerwünschte Effekte: Er macht Importe aus dem Ausland in die Euro-Zone billiger – und drückt so die ohnehin schwache Inflation noch weiter. Zum anderen macht er Exporte aus dem Euroraum im Ausland teurer.

Am Donnerstagnachmittag kostet ein Euro 1,1406 Dollar, ein Plus von 0,63 Prozent gegenüber dem Vortag. So stark war die Gemeinschaftswährung zuletzt im Oktober vergangenen Jahres. Zu Jahresbeginn hatte der Euro noch bei 1,08 Dollar notiert.

Halten Sie Draghis Geldpolitik für richtig?

Die Wirkung des erstarkten Euro verteilt sich über die Zeit, weil sich bestimmte Preise nicht sofort anpassen. Wenn Firmen zum Beispiel längerfristige Lieferverträge geschlossen haben, ändert sich erst etwas, wenn die Kontrakte neu geschlossen werden. Zum Teil macht sich heute noch die Aufwertung des Euro bis Mitte 2014 bemerkbar, ebenso wie die scharfe Abwertung Anfang 2015 bis auf 1,06 Dollar.

Dennoch hat der Wechselkurs einen besonders schnellen Einfluss auf die Preisentwicklung. Bei andere Faktoren, wie dem Wirtschaftswachstum, der Kredit- oder Arbeitsmarktentwicklung braucht  es wesentlich länger, bis sich diese auf die Inflation auswirken. Zum Beispiel dauert es relativ lange bis bei zurückgehender Arbeitslosigkeit auch die Löhne stärker steigen.

Best of Mario Draghi

3.11.2011

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es.“

(Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)

26.7.2012

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

(Draghi am 26.7.2012 in London)

3.4.2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

(Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)

26.5.2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

(Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

5.6.2014

„Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen.“

(Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)

4.9.2014

„Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht.“

(Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)

22.1.2015

„Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber.“

(Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: „War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?“)

3.9.2015

„Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist.“

(Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)

9.3.2017

„Unsere Geldpolitik war erfolgreich.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Anstieg der Inflation auf zwei Prozent)

9.3.2017

„Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass das Risiko einer Deflation drängend ist.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Erfolg seiner expansiven Geldpolitik)

„Die Preise der Industriegüter (ohne Energie) legten [im März] langsamer zu als im Vormonat. Damit scheint der wohl hauptsächlich vom lange Zeit schwachen Euro getriebene Aufwärtstrend bei der Teuerungsrate von Industriegütern allmählich zu Ende zu gehen“, schreibt die Commerzbank.

Anfang März hat die EZB mit einem umfassenden Maßnahmenpaket ihre Geldpolitik weiter gelockert. Dazu gehören ein höherer Strafzins für Banken, eine Senkung des Leitzins auf null Prozent, Billigkredite für Banken und  eine Ausweitung der umstrittenen Anleihekäufe auf 1,74 Billionen Euro. All das soll helfen, die Inflation wieder in Richtung zwei Prozent zu bringen. Doch der starke Euro könnte Mario Draghi einen Strich durch die Rechnung machen.

Kommentare (21)

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Herr Tom Schmidt

31.03.2016, 12:33 Uhr

Niedrige Energiepreise in der EU sollten der Wirtschaft in der EU nutzen, zu kolportieren, dass damit ein Deflationsspiralenrisiko verbunden ist, ist eine wirtschaftswissenschaftliche Fehlleistung. Im süden Europas werden die Lebensmittel in kleineren Verpackungen verkauft, weil die Leute von der Hand in den Mund leben! Damit kann es diese Abwärtspirale nicht geben!

Die sinkenden Energiepreise sind ein 1x Effekt, tiefer können sie nicht mehr gehen und damit auch nicht zur Deflation führen!

Herr Josef Schmidt

31.03.2016, 12:35 Uhr

Was für ein Müll schon wieder. Der EUR ist von 1,60 auf 1,10 zum Dollar gefallen und jetzt ist er plötzlich wieder stark weil er von 1,10 auf 1,13 gestiegen ist ?

Da muss der EUR unbedingt versenkt werden weil der Dollarhegemon stark gefährdet ist. Merkel und die Desinformations-Presse leisten hier tolle Arbeit, nur nicht für Europa.

Herr Mike Maier

31.03.2016, 12:41 Uhr

Mario Draghis Probleme mit dem starken Euro - der Euro ist stark?

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