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15.04.2015

18:03 Uhr

Inflationsentwicklung

Alles teurer, oder was!?

VonStefan Kreitewolf, Jens Hagen, Sara Zinnecker

Die Inflation ist zurück: Im März sind die Preise für den typischen Warenkorb der Deutschen leicht gestiegen. Der statistische Wert entspricht allerdings kaum der gefühlten Inflation. Welche Produkte ausscheren.

Wegen sinkender Preise

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Wegen sinkender Preise: Draghis Angst vor der Deflation

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DüsseldorfDer Aufschrei war groß, als das Statistische Bundesamt Ende Januar erstmals seit 2009 eine negative Inflation für Deutschland bekanntgegeben hatte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat lagen die Verbraucherpreise im Januar 2015 überraschend um 0,4 Prozent niedriger.

Mitte April 2015 sind die Deflationsängste bereits Geschichte: Die Verbraucherpreise ziehen auf niedrigem Niveau wieder an. So ist der repräsentative Warenkorb im März 2015 verglichen mit März 2014 um 0,3 Prozent teurer, meldet das Statistische Bundesamt. Das ist der kräftigste Anstieg seit November 2014. Im Februar hatte die Teuerungsrate noch bei 0,1 Prozent gelegen.

Der Anstieg der Inflationsrate im März ist insbesondere auf teurere Mieten und Dienstleistungen zurückzuführen. Verbraucher mussten für Nettokaltmieten, die etwa ein Fünftel der Konsumausgaben der Privathaushalte verzehren, tiefer in die Tasche greifen. Die Mieten stiegen im Vergleich zum März 2014 um 1,3 Prozent.

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Das Inflationsziel der Zentralbank ist zu hoch. Durch die Digitalisierung der Ökonomie und den Preiskampf im Netz werden die Preise künftig weniger steigen. Wachstum gibt es trotzdem. Ein Kommentar.

Für Dienstleistungen geben die Deutschen sieben Prozent ihres Geldes aus. Dazu zählen etwa Friseurbesuche, Ausgaben für Betreuung und Pflege, Versicherungsbeiträge, Gebühren bei Ämtern etc. Die Preise dafür stiegen auf Jahressicht um 1,4 Prozent. Weil gleichzeitig andere Preise sinken, etwa Lebensmittel, Energiepreise und Kraftstoff, ergibt sich im gewichteten Mittel noch eine Teuerung von 0,3 Prozent.

Rein aus dem Bauch heraus dürfte die so sorgsam errechnete „technische“ Inflationszahl der Statistikbehörde für viele dennoch nicht so recht zur Realität passen. Im täglichen Leben nehmen Verbraucher für manche Kaufobjekte deutlich höhere Preisentwicklungen wahr. Umgekehrt mischt sich beim Gedanken an manche Güter auch das Gefühl bei, 0,3 Prozent Inflation könnte zu viel sein. Was Verbraucher fühlen, weicht von der nackten Zahl ab.

So sieht der deutsche Warenkkorb aus

Wohnen

Gewichtung: 31,7 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: 0 Prozent

Verkehr

Gewichtung: 13,5 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: - 1,0 Prozent

Freizeit und Unterhaltung

Gewichtung: 11,5 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: - 0,1 Prozent

Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke

Gewichtung: 10,3 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: + 0,2 Prozent

Möbel und Haushaltsgeräte

Gewichtung: 5 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: + 0,4 Prozent

Bekleidung und Schuhe

Gewichtung: 4,5 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: + 0,6 Prozent

Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen

Gewichtung: 4,5 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: + 2,6 Prozent

Gesundheitspflege

Gewichtung: 4,4 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: + 1,3 Prozent

Alkoholische Getränke und Tabak

Gewichtung: 3,8 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: + 2,3 Prozent

Andere Waren und Dienstleistungen

Gewichtung: 7 Prozent
Veränderung zum Vorjahr: + 1,4 Prozent

Dabei täuscht das Gefühl nicht. Der Grund liegt in der Definition der Inflation, wie sie das Statistische Bundesamt errechnet. Die Crux: Vor allem solche Produkte, die extrem an Wert gewonnen haben, kommen im typischen Warenkorb eines Deutschen gar nicht vor. Man kauft eben nicht jeden Tag eine Penthouse-Wohnung, ein altes Ölgemälde, einen Oldtimer oder Aktien.

Auf der anderen Seite dürften manche vielleicht erwartet haben, dass die anhaltend niedrigen Spritpreise viel stärker ins Gewicht fallen. Tatsächlich macht Sprit 3,8 Prozent und Heizöl 1,1 Prozent des Warenkorbs aus. Auch die Tatsache, dass Kreditzinsen so günstig sind wie nie, taucht im repräsentativen Konsumkorb der Deutschen gar nicht auf.

Wie sich die Preise für die Ausreißer nach oben (Aktien, Immobilien) und nach unten (Kredite und Öl) tatsächlich entwickelt haben, die unsere gefühlte Inflation so sehr beeinflussen, lesen Sie auf den Folgeseiten.

Faktencheck

Was ist gefühlte Inflation?

Faktencheck: Was ist gefühlte Inflation?

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Kommentare (5)

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Herr Peter Noack

16.04.2015, 09:19 Uhr

Trotzt Steigerung der Immobilienpreise um 6,7 Prozent sind die Mieten nur um 1.3 Prozent gestiegen. Dafür musste nun wegen einem Dutzend Groß- oder/und Universitätsstädten mit großem Tamtam eine Mietpreisbremse zum Gesetz erhoben werden. Die Dienstleistungen in Hotels und Gaststätten sowie Friseur und Taxi sind wegen dem Mindestlohn so stark gestiegen, dass der Warenkorb es gar nicht messen kann. Wie war hier die Prognose? Die Deutschen erschrecken vor gefühlter Inflation sogar dann, wenn Deflation vorherrscht. Ist das krankhaft? Wie hoch war denn der Benzinpreis Ostern 2013? Lag er bei 1,65 Euro je Liter? Und heute? Ist es gefühlt viel teurer, weil Benzin im Januar noch billiger war, oder?

Herr Markus Gerle

16.04.2015, 09:22 Uhr

Schöner Beitrag, der bereits zeigt, dass die amtlich ermittelte Inflationsrate für die Tonne ist. Man hätte es noch weiter treiben können. Die Annahme, dass man nur 20% des Konsums für die Kaltmiete aufwendet trifft vermutlich nur auf Gutverdiener zu. Oder es ist eben ein Mittelwert, der Mieten in der Uckermark mit einschließt. Dass insbes. unserer Staat in den letzten Jahren das Wohnen drastisch verteuert hat (insbes. in Ländern und Kommunen, die von angeblich ach so sozialen Roten und Grünen regiert werden), findet anscheinenend auch keinen Eingang in die Berechnung der Inflationsrate. NRW hat z. B. gerade mal wieder die Grunderwerbssteuer um 30% erhöht. Alle mir bekannten Kommunden haben die Grundsteuer um 20% bis zu 150% erhöht. Positiv finde ich einen starken Anstieg der Preise für einige Dienstleistungen und weniger Produkte (Taxi, Wäscherei, Blumen). Dies ist auf die Einführung des Mindestlohns zurück zu führen. Mein Frisör ist nicht teurer geworden, weil der schon vorher die MA vernünftigt entlohnt hat. Der Preisanstiegseffekt dürfte in Ostdeutschland erheblich größer sein, findet sich aber auch nicht in der Inflationsstatistik.
Also, die amtlich berechnete Inflationsrate sagt nun einmal überhaupt nichts aus und sollte in Zukunft gar nicht mehr erstellt werden.

Beo Bachter

16.04.2015, 09:36 Uhr

"Trotzt Steigerung der Immobilienpreise um 6,7 Prozent sind die Mieten nur um 1.3 Prozent gestiegen."

Das sind die gezahlten Mieten aber nicht die Angebotsmieten! Wer eine Wohnung hat und derzeit nicht umziehen muss, kann sich freuen. Wenn ich jetzt umziehen müsste, würde ich mindestens 40% mehr für die gleiche Wohnleistung zahlen! Das ist massiv auch wenn es (noch) nicht jeden real trifft, ist der Freiheitsverlust schon jetzt enorm.

Wann fängt die Europäische Zentral Betrugsbank (EZB) nachdem sie nun ja schon sehr stolz auf ihre Manipulation des Geldzinses ist, damit an auch den Mietzins ins Negative zu drücken? Statt Miete zahlen, würde ich dann was bekommen, wenn ich eine Wohnung bewohne und sie dadurch vor dem Verfall bewahre. Aber daran haben die netten Marios /Mario-netten, die nur Diener des großen Geldes sind, offenbar kein Interesse.

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