Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.11.2011

11:16 Uhr

Interview

„Die Markteinschätzungen waren total daneben“

VonChristian Schnell, Robert Landgraf

Analysten haben keinen guten Ruf: Entweder stehen sie Firmenchefs zu nah oder sie sind zu weit weg und verpassen damit die Trends. Ein Gespräch mit den Vermögensverwaltern Holger Benke, Matthias Born und Thomas Brehmer.

Holger Benke, Thomas Brehmer und Matthias Born (von links) beim Gespräch mit dem Handelsblatt. Bert Bostelmann für Handelsblatt

Holger Benke, Thomas Brehmer und Matthias Born (von links) beim Gespräch mit dem Handelsblatt.

Handelsblatt: Kann man den Prognosen von Analysten noch trauen oder sind sie nur noch für den Papierkorb geeignet? Dieses Gefühl kommt jetzt in der Krise auf.

Holger Benke: Das ist mir zu allgemein. Es ist immer die Frage, für welche Bereiche die Analysen und Prognosen erstellt werden. Wird etwa versucht, gesamtwirtschaftliche Vorhersagen in konkrete Börsenprognosen umzusetzen, dann kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen: Das gelingt meist nicht. Hier gibt es zu viele Einflussfaktoren, die nicht zu beherrschen sind. Aktienkurse steigen nun einmal, wenn gekauft wird, und sie fallen, wenn die Anleger verkaufen. Die Gründe dafür können vielfältig sein, oft unabhängig von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Thomas Brehmer: Wir haben sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht und gehen kritisch mit Analysen um. Die Markteinschätzungen, ob zum Dax, zu Gold oder dem Euro-/Dollar-Verhältnis waren regelmäßig total daneben. Alle großen Namen aus der Bankenszene sahen den Dax im Juli über 7 000 Punkten und Gold unter 1 600 Dollar. Dabei war jedem die Eurokrise bewusst. Häufig herrscht zu hoher Optimismus. Hinzu kommen häufig und verständlicherweise Interessenkonflikte.

Herr Born, Sie verwalten mit dem Concentra einen der ältesten deutschen Fonds. Wie gehen Analystenempfehlungen in die Auswahl geeigneter Aktien ein?

Matthias Born: In meinen Fonds kommen nur Aktien, die ich mir selbst angeschaut habe. Analystenmeinungen sind ein wichtiger Teil im Puzzle, auf dem die Investmententscheidung beruht, aber oft sind sie zu nah an den Aussagen der Unternehmenslenker. Drehen die Frühindikatoren, behalten sie noch zu lange deren Meinung bei. Das war beispielsweise im Januar 2009 in der Auto- oder Chemiebranche so, als wie so oft in der Historie die letzten Bullen viel zu spät zu Bären wurden. Gerade stehen wir vor der gleichen Frage. Beim Einbeziehen von Analysen kommt es deswegen vor allem auf deren Autor an. Gute Analysten erkennt man an jahrelanger Erfahrung. Dann weiß man auch, wer seine Branche gut kennt und langfristig richtig gelegen hat. Der Erfolg in der Vergangenheit ist ein wichtiger Indikator für die Zukunft. Die Erfolgreichen bleiben in der Regel auch erfolgreich. Bei Dax-Unternehmen trifft das auf ein halbes bis ein knappes Dutzend zu. Gewöhnlich sind das die Unternehmen mit einem soliden Geschäftsmodell, die sich durch Wettbewerbsvorteile in ihrer Branche abheben können. Der Rest hat seine Phasen mit Höhen und Tiefen. Letztlich geht es immer nur um die einfache Frage: Gibt es ein Gewinnwachstum und zeigt sich das in einem Kurswachstum?

Welchen Stellenwert haben in Ihrer täglichen Arbeit die Analystenrankings von Instituten wie Starmine?

Born: Ich schaue sie mir nicht genau an, obwohl eine gewisse Relevanz durchaus da ist. Wir verfügen aber über eigene Analysten im Haus und da ist mir vor allem die Branchenkenntnis wichtig. Vorteilhaft ist, dass immer mehr Analysten direkt aus ihrer Branche kommen, die sie bewerten. Das verbessert deren Arbeit und bringt für ihre Kunden einen größeren Wert.

Benke: Die Erfahrung zeigt, dass die Gewinner von heute oft die Verlierer von morgen sind. Aus den allgemein bekannten Daten zusätzliche Informationen über die Blue Chips herauszusaugen, das funktioniert einfach nicht auf Dauer.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

gesindel

21.11.2011, 13:04 Uhr

Ich erinnere mich an zwei Analysen der Deutschen Bank vor etwas 10 Monaten: Heidelberger Druck und Lloyds Bank. Wer der Empfehlung gefolgt ist, der sitzt auf gewaltigen Verlusten. Dieses Analysten-Gesindel taugt doch keinen Schuß Pulver, die gehören alle zur Rechenschaft gezogen.

holyowly

21.11.2011, 16:53 Uhr

Analysten sollten vor allen Dingen von Psychologie eine Ahnung haben, denn die Zeiten in denen Fakten den Kurs einer Aktie bestimmen sind doch wohl schon lange vorbei. Sieht man doch, dass die ganze Rechnerei nichts bringt.
Da hebt Irgendwer oder -was den Finger und macht 'DU DUUUU' und schon rennen die Börsenhühner durcheinander.

Wenn die Analysten jetzt verstehen würden WARUM die Hühner durcheinander laufen, dann wären wir schon mal einen Schritt weiter. Optimal wäre es natürlich, wenn man rein aus Stimmungen, Meinungen und Gefühlen schon vorher wüsste, wer da bald 'DU DUU' macht und wie die Börse drauf reagiert.

So was nennt sich dann Bauchgefühl oder Intuition. Aber ich denke, ihr Bauchgefühl haben die meisten da schon verloren, dabei wird nur wirklich gut, wer so etwas noch hat.

anonymus_007

21.11.2011, 22:53 Uhr

Alles Zufall,
man empfehle am Jahresanfang 100 Aktien. Am Jahresende erwähnt man nur die, die gut gelaufen sind. Die restlichen vergisst man.
Und schon ist man der Held!
Habe mal folgendes Experiment (mehrfach) durchgeführt: Zeitung mit den Aktienkursen an die Wand geklebt. Aus 3m Abstand zehn Wurfpfeile darauf
geworfen. Die durchschnittliche Performance der getroffenen Aktien (Fond) über ein Jahr verfolgt.
Ergebnis: in 80% lag ich damit besser als der Index!!
Probiert es mal.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×