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18.06.2017

11:45 Uhr

Interview mit Anlageexperte Harald Preißler

„Das Störfeuer kommt, aber eben kein Flächenbrand“

VonJessica Schwarzer

Endet die Rally nach dem Sommer? Der Börsenherbst wird zumindest ruppig, davon ist Harald Preißler, Anlagestratege der Fondsgesellschaft Bantleon, überzeugt. Wie Anleger sich jetzt positionieren sollten.

Immer mehr Experten warnen vor einem Crash. dpa

Händler an der Frankfurter Börse

Immer mehr Experten warnen vor einem Crash.

Geopolitische Krisen, Rekordstände an den Finanzmärkten, die Zinspolitik der Notenbanken – Themen, die Börsianer derzeit umtreiben. Harald Preißler hat gerade mit seinem Investmentteam die politische Lage in Italien diskutiert. Noch ein Thema, das die Märkte immer wieder bewegt. Kocht die Schuldenkrise erneut hoch oder wird die Zinswende in den USA den Börsenaufschwung jäh abwürgen? Der Chefvolkswirt und Leiter Anlagemanagement der Fondsgesellschaft Bantleon sieht nicht so schwarz, wie viele Investoren derzeit – und das liegt nicht am Ausblick auf den Zugerberg aus seinem Büro im schweizerischen Ort Zug. Seine Sicht wird derzeit nur von einer Baustelle mit großen Kränen etwas getrübt. Und auch seine Prognose für die kommenden Monate beinhaltet einige Störfaktoren.

Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Bantleon.

Harald Preißler

Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Bantleon.

Immer mehr prominente Marktteilnehmer warnen vor kräftigen Kursrückgängen oder sogar einem Crash. Ist diese Sorge berechtigt?
Nein, diese Begeisterung, mit der viele Crashpropheten jetzt den Untergang voraussagen, ist ein bisschen simpel. Dass so viele Menschen damit rechnen und ihn herbeireden wollen, ist auch der Grund, warum kein Crash kommt.

Das müssen Sie erklären.
Zu viele Investoren sind bereits vorsichtig positioniert, damit fehlen die Verkäufer. Unabhängig davon sind die Märkte in einer gesunden Verfassung: Die Konjunktur brummt, die Unternehmensgewinne steigen, und die politischen Risiken, die sehr lange über den Märkten schwebten, haben sich nicht bewahrheitet. Das Umfeld ist geradezu ideal. Insofern kann ich diesen Cassandra-Rufen relativ wenig abgewinnen.

Aber dauert die Rally im historischen Vergleich nicht schon viel zu lang? Sind die Märkte nicht zu weit gelaufen?
Nur weil der Aufschwung schon acht Jahre auf dem Buckel hat, ist das kein Grund für einen Crash. Es gab auch schon längere Hausse-Phasen. Lang anhaltende, strukturelle Börsenaufschwünge endeten in der Regel erst nach einer längeren Phase mit steigenden Zinsen. Die Zinsen sind der Faktor, der den Märkten das Wasser abgräbt – ganz still und heimlich. Dieser Faktor fehlt momentan komplett. Deswegen kann ich mir zwar Korrekturen vorstellen – und zwar auch relativ bald –, aber einen großen, nachhaltigen Einbruch sehe ich nicht, weil wir von der geldpolitischen Seite noch immer viel zu viel Rückenwind haben.

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen – und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt – wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. „Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können“, meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 „größten Kapitalvernichter“ zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, „die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten“, wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. „Die untere Hälfte nur ein Prozent“, erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. „Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre“, so die Ministerin.

Wie stark könnte eine Korrektur ausfallen?
Der Dax könnte in einem Umfeld etwas nachlassender Konjunkturdaten, die wir für das zweite Halbjahr bei Bantleon seit längerer Zeit prognostizieren, zwischen 15 und 20 Prozent nachgeben. Das wäre durchaus normal. Mehr kann ich mir aber aufgrund des soliden Makrobildes nicht vorstellen.

Es sind nicht alle Märkte, alle Branchen gleich „teuer“. Wo sehen Sie vor allem Überbewertungen? Wo könnte die Korrektur besonders heftig ausfallen?
Ich erwarte eine marktbreite Korrektur, die alle Branchen treffen wird. Wenn die Konjunktur lahmt, schadet das allen Segmenten. Genau das erwarte ich für das zweite Halbjahr.

Wie sieht es bei Technologieaktien aus? In den USA haben die zuletzt recht stark verloren. Ein Favoritenwechsel?
Die Bewegung, die wir dort in den vergangenen zwölf Monaten gesehen haben, war enorm dynamisch – immerhin ein Plus von fast 40 Prozent! Das verführt zu Gewinnmitnahmen, deswegen sind auch mal ein paar schwächere Tage möglich, zumal bei Technologietiteln die Volatilität ohnehin höher ist. Davon sollte man sich aber nicht ins Bockshorn jagen lassen, zumindest solange nicht, wie die US-Wirtschaft auf Wachstumskurs bleibt.

Kommentare (1)

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Frau Edelgard Kah

19.06.2017, 10:53 Uhr

Der Artikel bietet sehr viele gute und vernünftige Überlegungen und Einschätzungen. Eigentlich müßte man Beifall spenden und ich spende ihn auch.

Aber leider gibt es auch ein Manko. Es fehlen die Worte "könnte", "vielleicht" und "möglicherweise". Die Darstellung ist somit apodiktisch und suggeriert, Herr Preißler würde die Zukunft ziemlich genau kennen. Warum sagt Herr Preißler nicht, dass er lediglich seine Visionen präsentiert und dass die Zukunft natürlich niemand kennt?

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