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31.01.2012

10:09 Uhr

Interview mit Jim O'Neill

„Deutschland kann die Weltwirtschaft stabilisieren“

VonRalf Drescher

Goldman-Sachs-Starökonom Jim O'Neill sieht in Europa Anzeichen für Hoffnung. Im Interview erklärt er Deutschlands Rolle in der Krise und warum der Fiskalpakt der Euro-Staaten eine noch aktivere Rolle der EZB erfordert.

Jim O'Neill: „Vielleicht kann Deutschland der stabilisierende Faktor sein.“

Jim O'Neill: „Vielleicht kann Deutschland der stabilisierende Faktor sein.“

Jim O'Neill ist Chef der Fondsgesellschaft Goldman Sachs Asset Management. Einen Namen hat er sich als Chefvolkswirt von Goldman Sachs gemacht, als er frühzeitig die wachsende Bedeutung großer Schwellenländer hervorhob. Im Jahr 2001 verwendete er in einer Studie erstmals das Akronym "Bric" für Brasilien, Russland, Indien und China. Seine Grundthese ist, dass diese Staaten mit großer Bevölkerung die besten Aussichten für überproportionales Wachstum haben. Das Handelsblatt sprach mit ihm über die europäische Schuldenkrise und über die künftige Rolle Europas in der Welt.

Herr O’Neill, Europas Politiker ringen um eine Lösung der Schuldenkrise. Wie groß ist die Chance, dass sie diese bald finden?

Die aktuelle Krise ist in vielerlei Hinsicht die außergewöhnlichste Krise, die ich in 31 Jahren in der Finanzwelt erlebt habe. Das Ganze ist ein hochkomplexes Thema, da es so viele Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik gibt. Wohin es geht, ist sehr schwer zu sagen. Ich denke aber, wir bewegen und vorsichtig in Richtung eines besseren Ergebnisses, als es viele Leute für möglich halten.

Die meisten Experten sehen Europa vor einer tiefen Rezession.

Wir gehen in unseren Prognosen auch von einer Rezession aus. Aber vielleicht sehen wir das alles zu negativ. Die interessanteste Entwicklung in diesem Jahr sind für mich bisher die Konjunkturdaten aus Deutschland. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass Europa bereits in einer tiefen Rezession steckt und Deutschland ebenfalls in einen Abschwung hineinläuft. Die jüngsten Daten sprechen eine ganz andere Sprache und das ist sehr positiv, immerhin steht Deutschland für ein Drittel der Wirtschaftskraft der Euro-Zone. Was ich sagen will: Die Angst, dass Europa die Welt in den Abgrund zieht, erscheint mir im Moment unbegründet. Womöglich ist die Situation eher vergleichbar mit der Asien-Krise 1997.

Inwiefern?

Damals haben sich die Leute gesorgt, dass die Probleme in Thailand, Indonesien und Südkorea die anderen asiatischen Staaten und die Welt als Ganzes herunterziehen würden. Doch es kam anders. China ist gut durch die Krise gekommen und das hat die Weltwirtschaft stabilisiert. Vielleicht kann diesmal Deutschland der stabilisierende Faktor sein.

Eine entscheidende Rolle spielt Deutschland auf jeden Fall in der Euro-Krise. Wie bewerten Sie das Auftreten von Frau Merkel im Kreis der Euro-Staaten?

Frau Merkel ist sehr vorsichtig. Ich habe eigentlich immer gesagt, sie ist viel zu vorsichtig. Wenn ich jetzt zurückblicke, war das aber sehr richtig. Wenn man aus der Distanz guckt, bekommt Deutschland jetzt womöglich das, was es immer wollte: eine engere Fiskal- und politische Union.

Gibt es denn eine Alternative zu einer Fiskalunion?

Ich denke nicht. Der Fiskalpakt ist der nächste große Schritt für die Euro-Staaten. Allerdings ist nun die EZB gefordert. Wenn die Staaten zum Sparen verpflichtet werden, um irgendwelche neuen Zielvorgaben zu erfüllen, drückt das auf das Wachstum. Hier sollte die EZB gegensteuern. Sie muss mindestens so großzügig sein wie im Moment, womöglich die Finanzierungsbedingungen sogar noch weiter erleichtern. Geht sie diesen Weg, werden die Märkte mit spürbarer Erleichterung reagieren.

Ist die Erholung, die wir im Moment sehen, schon ein Vorgeschmack darauf?

Der Dreijahres-Tender, mit dem die EZB den Banken langfristig Liquidität zur Verfügung stellt, war ein wichtiger Meilenstein. Er ist der Hauptgrund dafür, dass sich die Märkte weltweit beruhigt haben. Dieses indirekte „Quantitative Easing“ war ein kluger Zug der EZB.

Kommentare (13)

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alex

31.01.2012, 10:34 Uhr

der baltic dry signalisiert für china einen aufprall, keine landung. quantitativ easing war so ein toller erfolg weil dadurch gelang die börsen zunehmend von der realwirtschaft abzukoppeln, kraft durch blase wieder. am ssec kann man sehen wies ungefähr ausgeschaut hätte ohne QE. der bdi kam durch quantitative easing auch nicht auf die beine, die finanzindustrie braucht halt kein schüttgut. jetzt meint dieser typ uns QE als erfolgsrezept ans herz zu legen, die finanzindustrie völlig losgelöst von der realwirtschaft mit steuer- und zentralbankgeld boomen zu lassen. hab schon bessere ideen gehört als die interessen des parasiten über das des wirtstiers zu stellen.

Charly

31.01.2012, 10:46 Uhr

Die Täter fordern, dass die Opfer mehr für ihre Rettung tun !
Wann wird den Goldman-Verbrechern endlich der Kopf vom Hals getrennt?

Samuel

31.01.2012, 10:52 Uhr

Dieses "Privileg" hat die USA für sich schon aboniert. Das QE erzeugt weltweite Blasen in Immobilien und Equities die wie Seifenblase zerplatzen dürften.

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