Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.12.2011

11:49 Uhr

Interview Stefan Homburg

„Staaten sind die gefährlicheren Schuldner“

VonIngo Narat

Der hälftige Schuldenschnitt für Griechenland hat die Anleger verunsichert, sagt Stefan Homburg. Im Interview erklärt der Finanzprofessor, warum Staaten mehr noch als Private unsichere Schuldner sind.

Finanzprofessor Stefan Homburg BostelMANN / BILDFOLIO für Handelsblatt

Finanzprofessor Stefan Homburg

FrankfurtHerr Homburg, welche Vermutungen über den Fortgang der Schuldenkrise lässt der Rückblick in die Geschichte zu?

Stefan Homburg: Ein Schlüsselerlebnis für mich war der 10. Mai des vergangenen Jahres. An diesem Tag startete die EZB ihre Aufkäufe von Staatsanleihen aus der Eurozone. Das war ein Vertrags- und Dammbruch, der stark an 1914 und 1933 erinnerte. In diesen Jahren wurde die Unabhängigkeit der Reichsbank jeweils eingeschränkt, Stichwort geräuschlose Kriegsfinanzierung. Von der Monetisierung der Staatsschuld bis zum Zusammenbruch der Währung vergehen allerdings erfahrungsgemäß einige Jahre, in den letzten Fällen in Deutschland jeweils rund ein Jahrzehnt. Gemessen daran bleibt also noch Zeit.

Wie sieht es mit den verteilungspolitischen Folgen aus?

Um die verteilungspolitischen Folgen einer Währungsreform abzuschätzen, können wir ebenfalls auf die damalige Zeit zurückblicken. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man Inflationsgewinne Privater, durch die etwa der Stahlmagnat Hugo Stinnes zu seinem Reichtum gekommen war, vermeiden. Anleihen waren 1923 wertlos verfallen, Sachwerte hingegen nicht. Ohne Korrektur hätte es 1948 erneut große Gewinner und große Verlierer gegeben. Deshalb wurden private Gewinne durch eine Hypotheken- und eine Kreditgewinnabgabe abgeschöpft: Wer seiner Bank 100000 Reichsmark geschuldet hatte, schuldete ihr jetzt 10000 Deutsche Mark und dem Staat weitere 90000 Deutsche Mark, die über Jahrzehnte abzustottern waren. Darüber hinaus wurden Sachwertbesitzer, also Eigner von schuldenfreien Immobilien oder Aktien, durch eine Vermögensabgabe von fünfzig Prozent belastet. Die Erträge dieser Enteignungen, die derzeit politisch schon wieder im Gespräch sind, flossen in den sogenannten Lastenausgleich.

Inflation: Wenn sich Geld in Luft auflöst

Inflation

Wenn sich Geld in Luft auflöst

Die Angst der Deutschen vor Inflation sitzt tief. Sie fürchten, dass das Ersparte durch Geldentwertung aufgefressen wird. Woher kommt diese Angst? Und wie berechtigt ist sie?

Sollten wir vom Ansatz „Schulden bekämpfen durch noch mehr Schulden“ abgehen?

Durch das Verschieben von Schulden löst man kein Problem. Das gilt für Staaten ebenso wie für Banken oder Privatleute. Bei der Hypo Real Estate etwa wurden die Problembestände in eine Bad Bank aussortiert. Irische Bankschulden wurden zum Staat verschoben. Und derzeit werden Staatsschulden in die Rettungsschirme verschoben. Aber: Die Schulden verschwinden ja nicht, sie sind weiterhin existent, und die Situation wird immer bedenklicher. Insofern haben mich die Beschlüsse des EU-Gipfels Anfang November, den Rettungsschirm aufzustocken und außerdem noch zu hebeln, schockiert. Seltsam, dass der Dax stieg und die Kommentatoren des Lobes voll waren.

Gibt es eine Alternative zum Weg in die Haftungs- und Transferunion?

Die EU-Verträge verbieten eindeutig sowohl die gegenseitige Haftung als auch gegenseitigen Beistand in Krisen. Theoretisch müssten sich die Staats- und Regierungschefs also nur an geltendes Recht halten. Zum Sündenfall kam es am 9. Mai vergangenen Jahres, als umfangreiche Beistandszahlungen beschlossen wurden und die EZB griechische Staatsanleihen zu kaufen begann. Dann folgten irische, portugiesische, später spanische und sogar italienische Papiere. Die Kapitalmärkte trauen dem Hütchenspiel nicht. Das erkennt man an den Anleihen, die der Rettungsschirm EFSF seit Januar zu begeben versucht. Obwohl die Anleihen von den Eurostaaten garantiert werden, müssen sie zwei Prozentpunkte mehr Rendite liefern als vergleichbare Bundesanleihen, damit die Investoren sie kaufen.

Woran liegt das?

Der Grund liegt in einem Tabubruch, nämlich dem rund hälftigen Schuldenschnitt für Griechenland. Während seit Ende des Zweiten Weltkriegs westeuropäische Staatsanleihen niemals notleidend wurden und deshalb als bombensicher galten, hat diese gemeinschaftliche Raubaktion der europäischen Staats- und Regierungschefs die Investoren verunsichert. Die Anleger zweifeln nun nicht nur die Bonität anderer Staaten wie Italien an, sondern sie fragen sich darüber hinaus, was eigentlich „Garantien“ solcher Staaten wert sind, deren Regierungen vor Enteignungen nicht zurückschrecken. Die Anleger fragen sich etwa, ob ein Staat wie Deutschland im Ernstfall tatsächlich mit Hunderten Milliarden in die Bresche springen würde oder sich nicht vielmehr auf die Position zurückzöge, weitere Schuldenschnitte seien alternativlos. Insofern sind die Rettungsschirme Potemkinsche Dörfer.

Kommentare (28)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Ausfall-ist-Glaeubigerrisiko

18.12.2011, 12:09 Uhr

Selbst milliardenschwere Forderungsausfälle sind im marktwirtschaftlichen Alltag primär eine Angelegenheit zwischen Gläubiger+Schuldner.
So meldete der Wirtschaftsdienstleister Creditreform für 2009 und 2010 in
Deutschland uneinbringliche Insolvenzschäden von 114,3 Mrd. €.
Niemand kam angesichts des 3-stelligen Milliardenausfalls auf die wirre Idee, den Staat für diese Schulden eintreten zu lassen, "um den Euro zu retten".
(Selbst GM ging mit 178 Mrd USD an Verbindlichkeiten in die Insolvenz, ohne Währungsdiskussionen auszulösen).
Das Ausfallvolumen von 114,3 Mrd.€ allein in Deutschland werden die meisten
Leser hier nicht einmal wahrgenommen haben,gerade weil Verbindlichkeiten
in das Binnenverhältnis von Schuldner+Gläubiger gehören.
Warum also wird Griechenland, dessen Einwohnerzahl die der Sozialkostgänger in Deutschland nicht wesentlich übersteigt, derart hochgespielt ?
Der Grund liegt in der Natur der Gläubiger:
Zu schwach kapitalisiert, um die eigenen Investmentrisiken zu tragen, wälzen die Akteure dort über ihren politischen Arm die Schäden auf die Allgemeinheit ab.
Dabei ist die Risikobefreiung von Gläubigern der sicherste Weg in fehlgepreiste Krediteskalation.
Rettungsschirme füttern parasitäre Strukturen ohne Sinn.

Realo

18.12.2011, 12:14 Uhr

Prof. Homburger weist auf etwas sehr Wichtiges hin: Niemand wird aus den Zeiten, die vor uns liegen, ohne Schaden herauskommen, auch nicht die Goldbesitzer oder die Immobilienbesitzer. Die Goldfans behaupten zwar immer, sie könnten ihren Goldbesitz einfach verleugnen, das funktioniert aber dann nicht, wenn man sein Gold auch irgendwann einmal wieder verkaufen will oder muss. Oder will man es mit ins Grab nehmen? Zu den Zwangshypotheken bei Immobilien ist alles gesagt, ebenso zum Auswanderungstipp.

Wichtig auch die Targetproblematik. Prof. Sinn hat auch schon mehrfach darauf hingewiesen, dass wir auf einem hunderte Milliarden schweren Forderungshaufen sitzen. Viele Ökonomen haben ihn ja für verrückt erklärt, deshalb finde ich es gut, dass Prof. Homburger ihm zur Seite springt.

Ergo: We are doomed, wie Marc Faber immer so schön sagt. Es gibt eben einige Urgesteine (wie z.B. Faber), die schon seit Jahrzehnten auf das völlige Versagen der Ökonomen, der Politiker und Bankster hinweisen. An diese Leute sollte man sich gerade jetzt in der Krise halten.

We-are-99-Prozent

18.12.2011, 12:17 Uhr

Also das weiß man schon seit ewigen Jahren, es um so kaputter ist, je mehr Staat ins Spiel kommt.

Man sehe sich nur mal den Leistungsgrad der Beamten oder vom öffentlichen Dienst an. Je Mehr Staat, je mehr Mist. Egal, ob es die Whrmacht ist, oder die DB, die Post. Der Staat ist ein Übel und wie mal ein großer Staatsmann selbst sagte:

"Staaten sind Monster"

Und alle Parteien, die weg vom Staat wollen, wie z.b. die FDP sind Engel, die mehr Staat wollen, wie SPD, die Linken und Grünen sind Handlanger dieser Monster. Auch wenne s zetiweise mal anders aussehen mag, der Staast, wie auch die katholische Kirche sind Monster, denen man extrem auf die Finger schauen sollte und sie brutal in ihre Schranken zurückweisen muss.

Aber auch hier liegt es an jedem von uns.
Auch wenn wir nicht wirklich unsere Staatschefs wählen dürfen, den generellen Trend können wir schon mitbestimmen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×