Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.10.2011

12:45 Uhr

Interview zum Aktienmarkt

„Die Rally könnte bald auslaufen“

VonIngo Narat

Euphorisch haben Anleger auf die Ergebnisse des Euro-Gipfels reagiert, doch für eine Entwarnung ist es zu früh, sagt Johannes Müller, Chefvolkswirt der DWS. Im Interview erklärt er, warum die Krise nicht vorbei ist.

DWS-Chefvolkswirt Johannes Müller: "Kein Grund, groß ins Risiko zu gehen." PR

DWS-Chefvolkswirt Johannes Müller: "Kein Grund, groß ins Risiko zu gehen."

Herr Müller, die Märkte feiern die Beschlüsse des Euro-Gipfels. Haben wir die Euro-Krise bereits bewältigt?

Nein, es war nur ein Schritt zur Bewältigung, wenn auch ein wichtiger und der bisher mutigste. Ich hätte mir aber zumindest die Andeutung einer strategischen Lösung gewünscht, die zeigt, wie man die Währungsunion brandsicher macht. Genau das wollen auch die Investoren wissen. Im Ausland gibt es oft ein Missverständnis: Dort glauben die Investoren, die Politiker in der Euro-Zone kommen nicht zusammen, weil sie das Interesse am Projekt Europa verloren haben – was nicht stimmt. Aber für einen Investor beispielsweise in Asien ist das natürlich fatal. Der wird dann vielleicht gar nicht investieren.

Waren die starken Kursgewinne die Trendwende nach den vorherigen Verlusten?
Wir sehen die Indexgewinne als Erleichterungsrally, so nennen wir das im Finanzjargon. Anders gesagt: Die meisten Anleger waren vorher zurückhaltend oder sogar negativ eingestellt, hatten keine großen Erwartungen an den Gipfel. Aber dann kam es doch anders. Doch diese Rally könnte bald auslaufen. Es beginnen jetzt die Diskussionen um die Details der Beschlüsse. Außerdem drängen jetzt wieder die wirtschaftlichen Fragen nach vorne. Und für die Konjunktur sieht es teilweise nicht gut aus. Die Schwankungen an den Aktienmärkten werden hoch bleiben.

Besonders kräftig gestiegen sind die Bankaktien. Was empfehlen Sie hier?

Man denkt jetzt über Hilfsprogramme nach, die die langfristige Refinanzierung der Institute sichern sollen. Solche nationalen Programme gab es bereits 2008. Aber aus Anlegersicht würden wir jetzt Bankanleihen vorziehen. Solche Papiere rentieren jetzt im Schnitt mit zwei bis vier Prozentpunkten Renditeaufschlag.

Und Ihre Meinung zu Staatsanleihen?
Auch hier gibt es keinen Grund, jetzt groß ins Risiko zu gehen. Wir haben zwar eine positive Meinung zu Anleihen aus Irland, Spanien und Italien. Aber wir würden hier nur kurze Laufzeiten wählen. Die als erstklassig geltenden Papiere wie Bundesanleihen sind nicht besonders attraktiv. Hier sind die Renditen so niedrig, weil den Anlegern die Sicherheit so wichtig war. Aber Renditen von knapp über zwei Prozent für Zehnjährige sind nicht üppig, verglichen zum Beispiel mit der aktuellen Inflationsrate von 2,8 Prozent. Wenn wir die Euro-Krise nicht hätten, würde die Rendite bei 3,5 bis vier Prozent liegen. Bei Anleihen favorisieren wir Unternehmensanleihen. Hier gibt es attraktive Renditen, und die Politik wird einem Konjunkturabschwung, der Unternehmen gefährden könnte, entgegenwirken.

Wie geht es weiter mit dem Euro?
Auch da haben wir eine kurzfristige Rally gesehen. Viel weiter wird das kaum gehen, weil die Krise eben noch nicht gelöst ist.

Ein Wort zu den Kreditausfallversicherungen, den CDS. Rechnen Sie hier mit Änderungen im Markt?
Es gibt Diskussionen, ob diese Instrumente überhaupt sinnvoll sind oder nicht. Auf jeden Fall haben wir gesehen: Das Instrument hat seine Grenzen.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

pajeu

28.10.2011, 13:56 Uhr

"Das CDS System hat seine Grenzen", haha. herrlich formuliert. In den US bei Bloomberg im TV sagt man dazu: "Europa hat dem CDS Markt den Bauch aufgeschlitzt." vgl.

www.creditwritedowns.com/2011/10/europe-has-just-eviscerated-the-sovereign-cds-market.html

das trifft es wohl besser. Denn rechtlich kann jeder Inhaber einer Kreditausfallversicherung auf griechische Staatsanleihen nun klagen, egal was europaeische Fuehrer hier dazu sagen: 50% Forderungsverlust ist ein Ausfall.

Das bedeutet fuer die Attraktivitaet der europaeischen Anleihen, dass die Zinsen steigen werden oder nicht gekauft wird. Denn die Ausfallwahrscheinlichkeit wird eingepreist.

Genau das wird eintreten, was alle verhindern wollen: steigende zinsen, ausfallende staaten, kreditengpaesse, und hoehere inflation..

die frage ist nur, wer kracht zuerst: china mit seiner immoblase und den leeren neuegebauten staedten fuer millionen, oder europa oder america.

Den Handelsblattredakteuren sei noch die Frage ins Stammbuch geschrieben: Gab es wirklich einen Schuldenschnitt von 50% fuer Griechenland? ja? dann muessten auch die EZB, der IWF und die griechischen Banken 50% der Anleihen abschreiben.. Koennen sie aber doch gar nicht.. Nur die Privatbanken also, dann kommt man auf 17% Schuldenschnitt. Ist das eine nachhaltige Besserung der Lage?

mag jeder selbst beantworten


aktiverdemokrat

28.10.2011, 13:58 Uhr

Wieso sollte der Euro gerettet sein? Auf dem Gipfel wurden an einige Schalter gedreht, aber es wurde weder der Ein- bzw. Ausschalter gefunden.

Account gelöscht!

28.10.2011, 21:41 Uhr

Na wenn die Krise eins gezeigt hat dann doch dass Bankaktien sich immer lohnen! Eine Bank kann offensichtlich beliebig Risiken eingehen ohne auch nur die geringste Sorge pleite zu gehen. Diese Denke scheint sich auch auf die dort angestellten Experten übertragen zu haben ...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×