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26.06.2015

05:56 Uhr

Investment-Experte Jeremy Grantham

„Heute zählen nur die Profite“

VonFrank Wiebe

Er glaubt nicht an eine „Valley“-Revolution, er lästert über die Fed: Jeremy Grantham. Die Legende des Investments warnt vor Blasen in manipulierten Märkten und spricht über die große Korrektur. Und den Weg dahin.

Jeremy Grantham: Seiner Meinung nach sind US-Aktien durch die laxe Geldpolitik der Fed rund ein Drittel zu teuer. Fairfax Media/Getty Images

Ein Mann des Kapitalismus

Jeremy Grantham: Seiner Meinung nach sind US-Aktien durch die laxe Geldpolitik der Fed rund ein Drittel zu teuer.

ChicagoDer 76-Jährige, der schon häufiger rechtzeitig vor Blasen gewarnt hat, ist eine Legende unter den US-Investoren: Jeremy Grantham. Jetzt warnt er wieder – und man spürt seine unterdrückte Wut darüber, dass vor allem in den USA der Kapitalismus nicht mehr so funktioniert, wie er es aus besseren Zeiten gewohnt ist. „Anleihen sind stärker überbewertet als je zuvor in der Geschichte.“ US-Aktien sind nach Berechnung der Fondsgesellschaft GMO, die Grantham gegründet hat, allein durch die laxe Geldpolitik der US-Notenbank (Fed) rund ein Drittel zu teuer.

Die Fed sorgt dafür, dass die Gewinne der Unternehmen aufgeblasen werden und zusätzlich die Bewertungen der Aktien in Relation zu den Gewinnen. „Alle drei, Greenspan, Bernanke und Yellen, haben sich damit gebrüstet, dass sie die Aktienmärkte unterstützt haben. Und damit haben sie zugegeben, dass sie die Kurse manipulieren“, schimpft der alte Mann über Fed-Chefin Janet Yellen und ihre beiden Vorgänger.

Die Aktien im S&P 500, dem wichtigsten US-Aktienindex, sind heute mit dem 21fachen der Gewinne bewertet, im historischen Mittel war es nur das 16-fache. Grantham zufolge stürzen Märkte nach einer Blase fast immer auf das Niveau ab, das sie vor deren Entstehen hatten.

Was den Märkten jetzt fehlt zur großen Korrektur, ist nur noch ein Auslöser. Die anstehende Zinserhöhung der Fed wird dazu nicht ausreichen, sagt Grantham. Aber er rät zur Vorsicht, wenn die US-Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr näher rücken. Oder wenn private Investoren stärker in den Aktienmarkt einsteigen und wild spekulieren, wie es für Endphasen eines Bullenmarktes typisch ist. Auf längere Sicht kommt es auf seine Sicht darauf an, ob die Fed weiter bei ihrer lockeren Geldpolitik seit Greenspan bleibt oder zu dem alten, härteren Regime der Jahrzehnte zuvor zurückkehrt.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Im ersten Fall werden die Kurse hoch und Renditen niedrig bleiben, im zweiten Fall ist nach einer Korrektur wieder mehr Rendite möglich. „Wenn Sie jung sind, sollten sie auf einen Schwenk der Geldpolitik hoffen, wenn sie älter sind, auf die Fortdauer der heutigen Politik“, ruft er seinen Zuhörern bei einer Konferenz der Research-Firma Morningstar in Chicago zu.

Aus seiner Sicht verzerren nicht nur die Geldpolitiker die Märkte. Hinzu kommt die „Aktienoptionen-Kultur“. Grantham kritisiert: „Heute bestehen die Gehälter zu 80 Prozent aus Aktienoptionen, früher zu 20 Prozent. Mit diesem Optionen ist es für Manager viel lohnender und risikoloser, in den Rückkauf von Aktien statt in neue Fabriken zu investieren.“

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