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08.05.2017

16:33 Uhr

Investment Live

„Die Welt ist in Unordnung geraten“

VonJessica Schwarzer

Geopolitische Krisen, Brexit-Verhandlungen und Wahlen, aber die Börsen klettern auf Rekordhochs – für Investoren kann das verwirrend sein. Beim Anlegerforum „Investment Live“ rieten Experten zu Realismus – und Mut.

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden Deutsche Bank, Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart, Oliver Plein, Leiter Produktspezialisten Aktien bei der Deutsche Asset Management, und Börsenexperte Markus Koch.

Expertenrunde

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden Deutsche Bank, Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart, Oliver Plein, Leiter Produktspezialisten Aktien bei der Deutsche Asset Management, und Börsenexperte Markus Koch.

DüsseldorfDie anstehenden Brexit-Verhandlungen, Wahlen in mehreren Ländern des Kontinents, die Krise in Italien und nicht zuletzt die Politik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump – politische Entscheidungen werden die globalen Wirtschaftsentwicklungen auch in den kommenden Monaten maßgeblich beeinflussen. Und natürlich dürften sie auch für einige Verunsicherung an den Märkten sorgen.

Was bedeutet das für die Privatanleger? Sind aktuell die Chancen oder die Risiken größer? Wie stellen sie sich am besten auf? Antworten auf diese und andere Fragen gab es beim Finanzmarktforum „Investment Live“, der gemeinsamen Anlegerinitiative von Deutscher Bank und Handelsblatt. Mehr als 500 Interessierte kamen ins The Westin Hotel Leipzig, und sie hatten viele Fragen.

Wer angesichts der weltpolitischen Gemengelage glaubte, dass die Anleger eher ängstlich und pessimistisch sind, irrte. Auf die Frage von Moderator und Börsenexperte Markus Koch, ob sie glaubten, dass 2017 für sie ein gutes Anlagejahr wird, antworteten immerhin knapp 77 Prozent der Gäste mit Ja. „Wir haben anscheinend viele Optimisten im Publikum“, freute sich Koch. Doch die Risiken im Markt blendeten sie keinesfalls aus.

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen – und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt – wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. „Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können“, meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 „größten Kapitalvernichter“ zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, „die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten“, wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. „Die untere Hälfte nur ein Prozent“, erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. „Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre“, so die Ministerin.

„Die Welt ist in Unordnung geraten“, sagte Gabor Steingart. Der Handelsblatt-Herausgeber hatte die Zuschauer vor die Wahl gestellt: Er könne in seiner Rede ein „Wir-schaffen-das-Szenario“ liefern oder die Variante „Schonungslos“. Das Publikum wählte Letzteres. „Digitalisierung, Europäisierung, Globalisierung, Islamisierung und Militarisierung – wir teilen das Schicksal, in einer Zeit zu leben, die uns überfordern kann“, sagte Steingart. Dieses Szenario solle aber nicht mutlos machen, man müsse sich realistisch dem Zeitgeschehen stellen – auch als Anleger.

Allen geopolitischen Krisen und Verwerfungen zum Trotz klettert der Deutsche Aktienindex von Rekord zu Rekord. Der Grund: Die deutsche Wirtschaft habe sich weitgehend von den Krisenherden in Nahost und anderswo entkoppelt, und das sei ein positives Signal für Anleger. „Wir haben es mit einer Wirtschaft zu tun, die gelernt hat, regionale Ungleichgewichte auszubalancieren“, so Steingart. Es lohne nicht, zu verzagen. Das wäre für Siemens-Chef Joe Kaeser oder Daimler-Chef Dieter Zetsche keine Strategie. Sie würden die Risiken und Chancen austarieren, Krisenregionen notfalls verlassen und an anderer Stelle investieren.

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