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20.06.2017

15:48 Uhr

Investment live

„Nicht alle können dem Silicon Valley folgen“

VonJessica Schwarzer

Allen geopolitischen Turbulenzen zum Trotz dürfen Anleger den Blick auf das Wesentliche nicht verlieren, raten Experten. Und sie sollten auf neue Technologien und die Digitalisierung setzen.

In Düsseldorf diskutierten Ulrich Stephan, Gabor Steingart, Oliver Plein und Moderator Markus Koch (v.l.) über Geldanlage-Chancen

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In Düsseldorf diskutierten Ulrich Stephan, Gabor Steingart, Oliver Plein und Moderator Markus Koch (v.l.) über Geldanlage-Chancen

DüsseldorfDie Angst vor einer neuen „Tech-Blase“ sorgte jüngst für einen Kursrutsch bei den Aktien der Technologie-Schwergewichte Amazon, Apple, Alphabet, Facebook und Tesla. Ausgelöst hatte den Ausverkauf eine Analystenstudie. Die Experten warnten vor den Risiken im Sektor und verglichen die aktuelle Situation mit den Jahren 1999 und 2000, also kurz bevor die große Internetblase platzte und einen Börsencrash auslöste. Es war eine von vielen immer lauter werdenden Warnungen vor dem nächsten Absturz. Doch trotz aller Unkenrufe, geopolitischen Krisen und der langsam fortschreitenden Zinswende in den USA notieren viele Weltbörsen auf Rekordhochs. Aber wie lange noch? Und lohnt der Einstieg? Wenn ja, wo und in welche Branchen?

Antworten auf diese Fragen gibt es bei „Investment Live“. Die Anlegerinitiative der Deutschen Bank und des Handelsblatts ist zu Gast in den Düsseldorfer Rheinterrassen. Den Fragen der Investoren stellen sich Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, Oliver Plein, Leiter Produktspezialisten Aktien bei der Deutschen Asset Management, und Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Durch den Abend führt der Börsenexperte Markus Koch, der von der New Yorker Wall Street eingeflogen ist.

Natürlich ist dort wie hierzulande die Politik von US-Präsident Donald Trump das große Thema. Doch die Botschaft an diesem Abend ist, dass es nicht nur eine Welt vor Trump gibt, sondern auch eine Welt nach Trump geben wird. Statt sich vom täglichen politischen Getöse an den Märkten verrückt machen zu lassen, sollten Anleger ihren Blick besser in die Zukunft wenden. Trends, die die nächsten Jahre bestimmen – das ist das Thema an diesem Abend, das die mehr als 800 Gäste per Ted auswählen. Genauer: „Geldanlage 4.0 – neue Geschäftsmodelle – neue Anlagechancen? Was sind die Zukunftsmodelle für das Portfolio?“

Die Welt ist im Wandel. Innovation, Disruption, Digitalisierung – die technologischen Umwälzungen in der Wirtschaft sind enorm. Experten sprechen gar von der vierten technologischen Revolution. Doch es ist für Anleger nicht einfach, diese Chancen auch zu ergreifen. Das Problem: „Digitalisierung ist keine Branche. Digitalisierung betrifft aber jede Branche“, sagt Stephan. „Digitalisierung ist ein Riesen-Schlagwort, Anleger tun sich schwer zu identifizieren, welche Unternehmen davon profitieren“, ergänzt Plein. Automatisierung, Robotic, Cloud-Computing – es gebe viele Zukunftsthemen.

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Gabor Steingart: „Das ist ein Puls der Erneuerung, das gibt Hoffnung“

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Die Digitalisierung wird alle Lebensbereiche und Branchen durchdringen. „Es werden Dinge passieren, von denen wir noch nicht mal die kühnste Vorstellung haben“, so Stephan. Die Post werde in nicht ferner Zukunft von Drohnen gebracht, und Luftshuttles würden Taxis ersetzen. „Im Fokus der Öffentlichkeit sind eher die großen amerikanischen Unternehmen, aber auch im deutschen Mittelstand gibt es sehr viele Innovationen beispielsweise in den Bereichen Automatisierung und Robotic.“ Von enormer Bedeutung ist dabei das Thema Cyber-Security, wo es ebenfalls eine ganze Reihe von Unternehmen gibt, in die Anleger investieren können. „Mit der ganzen Euphorie um Automatisierung, Robotik oder Cloud gehört Sicherheit meines Erachtens zwingend dazu.“

Hohe Verluste

Schon heute würden die Mittelständler ganz andere Dienstleistungen anbieten als vor zehn oder 20 Jahren, ergänzt Steingart. Deutschland habe mit gut 30 Prozent einen hohen Industrieanteil, in den USA und Großbritannien liegt er nur bei 20 Prozent. Natürlich würden auch die Unternehmen sich wandeln und erfolgreich auf neue Technologien setzen. Viele Konzerne hätten „ein tiefes Verständnis“ von Digitalisierung. „Jedes Land muss seinen eigenen Weg finden“, sagt er. „Es können nicht alle dem Silicon Valley folgen.“ Viele der bekannten Tech-Giganten machen auch nach wie vor keine Gewinne. Tesla wird zwar als Elektroauto-Pionier gefeiert, macht aber hohe Verluste. Im vergangenen Jahr waren es fast 675 Millionen Dollar. Auch der Kurzmitteilungsdienst Twitter erwirtschaftete im vergangenen Jahr etwa 457 Millionen Dollar Verlust.

„Wir reden immer über Apple, Google, Facebook und Co., wir reden über Freizeitaktivitäten, die aber keinerlei Einfluss auf die Produktivkraft haben“, sagt Stephan. „Wenn sich die Digitalisierung in betrieblichen Prozessen festsetzt, wird das anders ein.“ Ob das zwangsläufig zu Massenarbeitslosigkeit führen muss, wie oft befürchtet wird, bezweifelt Stephan. „Ich glaube, das wird von Branche zu Branche unterschiedlich sein“, sagt er. Maschinen könnten Menschen nicht ersetzen, aber wo Mensch und Maschine aufeinander treffen, steige oft die Produktivität und auch die Qualität.

Roboter sind in der Industrie schon heute nicht mehr wegzudenken. Sie werden immer besser, übernehmen immer mehr Aufgaben. Investoren haben diesen Trend erkannt. „Die Robotic-Aktien sind sehr stark gestiegen, sind teilweise mit dem 50-Fachen ihres erwarteten Gewinns bewertet“, sagt Plein. Angesichts solch hoher Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) und eines doch recht engen Marktes rät er zur Vorsicht. Analysten sehen aber noch viel Potenzial. Studien zufolge soll der Markt für Robotik bis 2025 um jährlich zehn bis 15 Prozent wachsen.

Die Experten der Investmentbank Merrill Lynch schätzen, dass bis zum Jahr 2025 etwa 45 Prozent der Arbeiten in der Industrie von Robotern ausgeführt werden. Trotzdem: „Nur auf Robotic oder nur auf Automatisierung zu setzen ist für Anleger zu riskant“, warnt Plein. „Investieren Sie lieber breiter.“ Anleger können auf die Zukunftsthemen nämlich längst nicht mehr nur mit Einzelaktien setzen, die ein enormes Risiko bedeuten würden. Mittlerweile gibt es diverse aktiv gemanagte Fonds und auch ein paar Indexfonds.

Die klare Botschaft: Langfristig sollten Anleger die Zukunftstechnologien nicht außer Acht lassen. Sie könnten hohe Renditen bringen, auch wenn Investoren zwischenzeitlich sicher Rückschläge aushalten müssen. Und die wird es an der Börse immer geben. Langfristig fallen aber auch politische Krisen und durch sie ausgelöste Kursrücksetzer oder gar Crashs kaum noch oder sogar gar nicht mehr ins Gewicht. Das zeigt auch das Rendite-Dreieck des Deutschen Aktieninstituts, das Plein mitgebracht hat. „Auf Jahressicht können Aktienmärkte ziemlich schwanken, aber je länger Sie Aktien halten, desto risikoärmer sind sie“, sagt der Experte.

In jüngster Vergangenheit mussten Dax-Anleger Verluste von bis zu 40 Prozent auf Jahressicht ertragen, konnten sich aber auch über Jahresgewinne von bis zu 40 Prozent freuen. Langfristig ist die Rendite blendend: Von 2002 bis 2016 hat der Dax durchschnittlich pro Jahr 13 Prozent zugelegt. Das ist die Perspektive, die Privatanleger haben sollten.

Kurzfristig sind die Gäste in der Düsseldorfer Rheinterrasse übrigens sehr optimistisch. Auf die Frage von Moderator Koch, ob 2017 ein gutes Anlegerjahr für sie wird, antworten 83 Prozent mit Ja.

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