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15.01.2016

06:50 Uhr

IW-Chef Hüther im Interview

„China hat kein Konjunkturproblem“

VonOliver Stock

In China ist die erste Phase der Modernisierung zu Ende, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. Das Land brauche nun vor allem mehr Freiheit.

An den chinesischen Aktienmärkten geht es seit Beginn des Jahres bergab. ap

Börseneinbruch in China

An den chinesischen Aktienmärkten geht es seit Beginn des Jahres bergab.

Michael Hüther ist wie immer sofort im Thema:  China und dessen wirtschaftliche Entwicklung treibt den Ökonomen und Historiker zur Höchstform. Und im Gespräch beweist der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln seine Stärke: Ihm geht es nicht um Zahlen, sondern um Hintergründe. Hüther ist einer, der analysiert und daraus eine These ableitet – ein im besten Sinne streitbarer Wissenschaftler.

Crash an Chinas Börse - Herr Hüther, was für ein Problem kommt da auf uns zu? 
China hat kein Konjunkturproblem, sondern in China ist schlicht die erste Phase der Modernisierung zu Ende. Sie bestand darin, die Industrie und die Infrastruktur aufzubauen. Das kann ich auch mit einer Planwirtschaft. Aber irgendwann ist so ein Modell mit zentralistischen Investitionsplänen ausgereizt.

Und dann? 
Dann ist die Frage, wie bekomme ich Freiheitsspielräume für Investitionen und Finanzmärkte. Finanzmärkte sind anarchisch. Und die Marktwirtschaft ist es eigentlich auch. Das passt aber nicht zum politischen System in China.

Das heißt: Wir haben ein politisches Problem . . .
Ja, ein ordnungspolitisches Problem jedenfalls. Bei allen Steuerungszielen, die sich China setzt, ist das Problem, dass sie zentral umgesetzt werden sollen. Unsere Erfahrung in Deutschland zeigt jedoch, wie wichtig Dezentralität ist. Die damit verbundenen Freiräume zu geben – das kann China aber offenbar noch nicht ertragen.

Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln PR

Michael Hüther

Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Sie glauben der chinesische Turbo-Kapitalismus, den manche Deutsche immer so bewundert haben, hat sich überlebt?
Das ist sowieso eine merkwürdige Bewunderung und ein fatales Lob. Denn im Grunde genommen stellt es ja unser Wirtschafts- und Lebensmodell in Frage. Mir hat das nie eingeleuchtet. Es ist der fragwürdige Vorzug eines nicht-demokratischen Modells, auf zeitraubende Diskurse verzichten zu können. Aber will das wirklich jemand?

Die Schwärzesten Tage des Dax: 2008-2015

06. Oktober 2008

Für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate muss binnen einer Woche ein zweites Rettungspaket geschnürt werden. Der Dax verliert sieben Prozent.

08. Oktober 2008

Im Sog der Finanzkrise stürzt der Nikkei -Index um über neun Prozent ab. Der Dax verliert bis zu neun Prozent. Nach einer konzertierten Zinssenkungsrunde der großen Notenbanken erholen sich die Kurse nur leicht. Der Dax schließt mit einem Minus von sechs Prozent.

10. Oktober 2008

Rezessionsängste angesichts der Finanzkrise drücken den Nikkei-Index um zehn Prozent. Der Dax verliert ebenfalls sieben Prozent.

24. Oktober 2008

Ein erneuter Absturz der Tokioter Börse drückt den Dax in der Spitze um über elf Prozent.

8. August 2011

Nachdem die USA bei der Ratingagentur Standard & Poor's ihre Bestnote als Kreditnehmer verlieren, brechen die Kurse ein: Der Dax verliert rund fünf Prozent.

5. September 2011

Die Furcht der Anleger vor einer weltweiten Rezession und einer Ausweitung der Schuldenkrise in der Euro-Zone drückt den Dax um 5,3 Prozent ins Minus.

1. November 2011

Der Dax verliert rund fünf Prozent. Auslöser ist die überraschende Ankündigung einer Volksabstimmung in Griechenland über ein Rettungspaket.

29. Juni 2015

Das Scheitern der Gespräche zur Lösung der Schuldenkrise in Griechenland und die überraschende Ansetzung einer Volksabstimmung über die Forderungen der Gläubiger drückt den Dax gleich im frühen Handel um 4,6 Prozent auf 10.964,24 Punkte.

24. August 2015

Die Furcht vor einem deutlichen Konjunktureinbruch in China drückt den Dax erstmals seit Mitte Januar wieder unter die Marke 10.000 Punkten. Der Leitindex fällt um bis zu 3,6 Prozent auf 9760 Zähler.

Sind die Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent in China endgültig Schnee von gestern?
Jeder Aufholprozess verlangsamt sich irgendwann. Und die Stabilisierung auf fünf Prozent ist schon eine Herausforderung. Es setzt voraus, dass China eine Innovationskultur entwickelt, dass das Land Anarchie im marktwirtschaftlichen Sinne zulässt und dass man die Finanzmärkte voranbringt. Was wir doch gerade erleben, ist der permanente staatliche Eingriff in die chinesischen Finanzmärkte, die eine Finanzkultur und ein Risikobewusstsein nicht ausgebildet haben.

Teilen die deutschen Unternehmen Ihre Analyse?
Ich sehe bei deutschen Unternehmen oft sehr viel Optimismus. Die glauben, da seien so viele Menschen, die einfach integriert werden müssen. Das ist etwas naiv. Gute Unternehmensstrategien sind die, die sagen, ich bin natürlich in dem Markt engagiert. Aber wenn es dort kracht, schmeißt es mich nicht um.

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