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13.04.2014

12:54 Uhr

IWF-Tagung

Draghi warnt vor starkem Euro

EZB-Chef Draghi stemmt sich gegen die Aufwertung des Euro. Falls der Wechselkurs weiter zulegt, würde dies die Deflationsgefahr erhöhen – und „eine Anpassung der Geldpolitik nötig machen.“

EZB-Chef Mario Draghi auf der IWF-Tagung in Washington. dpa

EZB-Chef Mario Draghi auf der IWF-Tagung in Washington.

WashingtonEZB-Präsident Mario Draghi hat seine Entschlossenheit zur Abwehr von Deflationsgefahren bekräftigt und für den Fall eines weiteren Euro-Anstiegs eine erneute Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. "Die Stärkung der Wechselkursrate würde eine weitere Anpassung der Geldpolitik nötig machen", sagte Draghi am Samstag bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington. Er betonte, dass der Euro-Kurs für die Geldpolitik eine zunehmend wichtigere Rolle spiele und Auslöser für ein Handeln der Europäischen Zentralbank sein könne. Es ist das bislang klarste Signal, dass die EZB wegen der niedrigen Inflation auch zu unkonventionellen Mitteln wie Wertpapierkäufen in großem Stil bereit ist.

Erst kürzlich hatte der IWF seine Forderung nach einer weiteren geldpolitischen Lockerung der EZB bekräftigt. Dabei verwies er auf die ungewöhnlich niedrige Teuerung im Euro-Raum, die ihn Deflationsgefahren befürchten lässt. "Der IWF hat der EZB zu mehr geldpolitischer Lockerung geraten und das ist auch gut so", sagte Brasiliens Finanzminister Guido Mantega. Dagegen ließ Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erneut Skepsis gegenüber einer zu lockeren Geldpolitik erkennen.

Niedrige Inflation: Wie reagiert die EZB?

Was spricht für ein Eingreifen der EZB?

Die Inflation im Euro-Raum lag im Mai bei 0,5 Prozent – und damit weit entfernt von der Zielmarke der EZB von nahe zwei Prozent. Die Entwicklung erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen niedrig zu halten oder noch unter das Rekordtief von 0,25 Prozent zu senken. EZB-Präsident Mario Draghi hatte betont, die Notenbank werde sich notfalls entschieden gegen einen Preisverfall stemmen.

Warum sind sinkende Preise schlecht?

Für Verbraucher sind sinkende Preise zunächst erfreulich, schließlich bekommt man mehr für sein Geld. Die Gefahr ist, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt, wenn die Preise auf breiter Front fallen. Ökonomen nennen das Deflation. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen hinauszögern - in der Erwartung, dass es in den nächsten Monaten noch günstiger für sie wird. Das könnte die ohnehin noch fragile Erholung der Konjunktur in Europa abwürgen.

Wie real ist die Deflations-Gefahr?

„Eine handfeste Deflation ist in der Eurozone eine sehr weit entfernte Gefahr“, meint Berenberg-Volkswirt Christian Schulz. Das betont auch regelmäßig das EZB-Spitzenpersonal. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte Mitte März erklärt, er halte die Risiken von Preis- und Lohnrückgängen auf breiter Front im Euroraum für sehr begrenzt.

Was kann die EZB tun?

Bei den Zinsen hat die EZB den Boden fast erreicht. Mit einem Leitzins von 0,25 Prozent ist Zentralbankgeld für die Banken im Euroraum bereits extrem günstig. Ob eine weitere Zinssenkung die Geldinstitute dazu bewegen würde, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln, ist umstritten. Denkbar wäre, dass die EZB den Zins für Geld, das Geschäftsbanken bei der Notenbank parken, unter Null senkt. Theoretisch möglich wäre auch, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen aufkauft.

Bringen noch niedrigere Zinsen überhaupt etwas?

Theoretisch animiert das billige Geld Unternehmen zum Investieren und Verbraucher zum Konsumieren - beides kurbelt die Konjunktur an und erhöht so den Preisauftrieb. Doch gerade in den kriselnden Eurostaaten in Südeuropa blieb die Kreditvergabe zuletzt schwach. Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) kann die EZB mit noch billigerem Geld dagegen so gut wie nichts ausrichten.

Draghi trat wie auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann Befürchtungen entgegen, Europa steuere auf eine die Wirtschaft bremsende Deflation zu. "Unsere Projektionen zeigen, dass unsere Inflationsraten nicht mehr weiter sinken und schrittweise in Richtung zwei Prozent bis Ende 2016 steigen dürften", sagte Draghi. "Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Menschen Kaufentscheidungen aufschieben, weil sie niedrigere Preise erwarten", sagte Draghi. Für die derzeit niedrige Inflation von im März nur noch 0,5 Prozent sind nach den Worten des EZB-Chefs in erster Linie sinkende Energiepreise, die Anpassungen in den Euro-Krisenländern, aber auch der Kursanstieg des Euro verantwortlich. Letzterer verbilligt die Importe und dämpft damit zusätzlich den Preisauftrieb. Über die letzen zwölf Monate war der Euro um fast fünfeinhalb Prozent gestiegen und notierte Ende der Woche bei knapp 1,39 Dollar.

Die Finanzmärkte weltweit beobachten derzeit mit Spannung alle Signale zum EZB-Kurs. Anfang des Monats beließ die Notenbank zwar den Leitzins unverändert bei dem Rekordtief von 0,25 Prozent, öffnete aber die Tür für eine mögliche weitere Lockerung auch mit unkonventionellen Mitteln. Dazu könnten etwa umfangreiche Wertpapierkäufe zählen, mit denen die Geldmenge aufgebläht werden könnte.

Wirtschaftlich geht es in der Euro-Zone nach Draghis Worten aufwärts. "Der Aufschwung geht weiter, er ist moderat." Positiv sei auch, dass er weniger ungleichmäßig unter den Euro-Ländern ausfalle als in der jüngsten Vergangenheit. Getragen werde die Erholung zudem stärker von der Binnennachfrage, gestützt werde sie von einer sehr förderlichen Geldpolitik. Allerdings bleibe die Arbeitslosigkeit inakzeptabel hoch, auch wenn sie sich zu stabilisieren scheine.

Von

rtr

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