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06.10.2011

15:56 Uhr

Jean-Claude Trichet

Der „deutsche Franzose“ verspielte den harten Kern

VonDirk Heilmann

Als „Mister Euro" war er gestartet, doch zum Schluss wurde er von den stabilitätsbewussten Deutschen als Pragmatiker vorgeführt. Aufstieg und Fall eines ehrgeizigen Geldpolitikers.

Jean-Claude Trichet erläutert eine Entscheidung des EZB-Rats. dapd

Jean-Claude Trichet erläutert eine Entscheidung des EZB-Rats.

BerlinSo hatte sich „Mr. Euro“ seinen letzten Monat im Amt des Zentralbankpräsidenten sicher nicht vorgestellt. Von Krisensitzung zu Krisensitzung hetzend, machte er zuletzt einen ungewohnt dünnhäutigen Eindruck.

Dafür hatte zuletzt der Rücktritt seines Chefvolkswirts Jürgen Stark gesorgt - der mit diesem spektakulären Schritt öffentlich gemacht hatte, dass die stabilitätsorientierten Deutschen den Kurs der von Trichet geführten Mehrheit nicht mehr mittragen.

Schlimmer konnte es für den Ruf der EZB, die doch penibel nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank geformt worden war, nicht kommen. Und das traf auch Trichet ganz persönlich.
Doch der wahre Bruch in Trichets Amtszeit hat sich schon früher ereignet: im Mai 2010, als er gegen die Stimmen der deutschen Vertreter im Zentralbankrat das Aufkaufprogramm für Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten durchsetzte. Damit war, wie es Ex-Bundesbankchef Helmut Schlesinger treffend formulierte, „der Rubikon überschritten“, die Trennung zwischen Geld- und Fiskalpolitik verwischt. 
Seither zerfällt die Ära Trichet in zwei Phasen: In die Phase des „Mr. Euro“, des von einem Wegbegleiter so getauften „deutschen Franzosen“, der den Euro so stabil hielt wie es vorher nicht einmal die D-Mark gewesen war. Und in die Phase des politischen EZB-Chefs, des Krisenmanagers, der eherne Grundsätze über Bord warf und sich über die Deutschen hinwegsetzte, weil er die Existenz der Gemeinschaftswährung gefährdet sah.

Was wird die Nachwelt sagen: welcher von beiden ist der wahre Trichet? Um das zu beurteilen, ist ein Blick auf die Wurzeln des Mannes erforderlich.

Wie steuert die EZB durch die Schuldenkrise?

Warum muss die EZB nun auch Staatsanleihen aus Spanien und Italien kaufen?

Aus Sicht von Beobachtern bleibt der EZB derzeit kaum etwas anderes übrig. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen der beiden großen Euro-Staaten waren zuletzt deutlich gestiegen. Für Italien und Spanien, die ohnehin schon unter einer hohen Schuldenlast ächzen, wurde es dadurch immer teurer, sich zu refinanzieren. „Die Notenbank greift als Feuerlöscher ein, so lange es andere nicht tun können“, sagt Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. „Sie greift immer dann ein, wenn die Gefahr einer Kettenreaktion groß ist.“ Zwar soll künftig der europäische Rettungsfonds EFSF Anleihen von Krisenstaaten kaufen können. Dem Beschluss des Euro-Gipfels vom 21. Juli müssen aber noch die nationalen Parlamente zustimmen und das dürfte noch eine Weile dauern.

Wie reagieren die Märkte?

Am Montag sanken die Renditen zehnjähriger italienischer und spanischer Anleihen kräftig. Dadurch wird die Refinanzierung für Rom und Madrid wieder günstiger. Zuletzt waren die Renditen für zehnjährige Anleihen über die von Experten als kritisch angesehene Marke von sechs Prozent geklettert.

Warum wird die Übernahme von Staatsschulden als Tabubruch der EZB gesehen?

Ihre Unabhängigkeit von der Politik ist ein herausragendes Merkmal der europäischen Notenbank. Wenn die Währungshüter nun Geld drucken, um damit Staatsanleihen zu kaufen, verwischen sie diese eigentlich klare Trennung von Haushalts- und Geldpolitik. Es könne der Eindruck entstehen, die Notenbank reagiere auf Zuruf der Politik, sagte der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt der „Welt am Sonntag“. Denn die EZB finanziert im Endeffekt die Staatsschulden derjenigen, die mit ihrer allzu laxen Haushaltspolitik gegen den Stabilitätspakt verstoßen haben. Das könnte sich negativ auf die Disziplin der Haushaltspolitiker auswirken - auch in weiteren Ländern, befürchten Ökonomen. Die EZB weist das zurück. Sie wolle mit dem Programm nur die Wirkung ihrer Geldpolitik sicherstellen.

Was passiert wenn die EZB auf den Ramschpapieren sitzenbleibt?

Sollte tatsächlich einer der 17-Eurostaaten seine Schulden nicht mehr bedienen können, müssen die Gläubiger - also auch die Notenbanken - auf ihr Geld ganz oder teilweise verzichten. Die EZB müsste die Ramschanleihen als Verlust verbuchen und mit ihren Gewinnen verrechnen. Unter dem Strich könnte dann ein Minus stehen. Verluste und Gewinne der EZB entfallen nach einem bestimmten Schlüssel auf die nationalen Notenbanken. Die Bundesbank erhält wegen der Größe der deutschen Volkswirtschaft den größten Anteil der Gewinne aber auch möglicher Verluste. Für das Bundesfinanzministerium würde dies weniger Geld bedeuten, da die Bundesbank ihren Gewinn an Berlin überweist. „Kommt es ganz schlimm, könnten die Zentralbanken im Notfall aber auch einen Teil ihres Goldes verkaufen“, sagt Schubert.

Woher kommt das Geld für die Anleihekäufe ?

Die Währungshüter können unbegrenzt Geld drucken - auch, um Anleihen zu kaufen. Dadurch kann allerdings das Inflationsrisiko steigen.

Seit wann kauft die Notenbank Staatsanleihen?

Die Notenbank hat am 10. Mai 2010 beschlossen, auf unbestimmte Zeit und in nicht genannter Höhe Staatsanleihen zu kaufen. Damit reagierte sie mit einer historischen Kehrtwende auf die schwere Euro-Krise, die Griechenland damals erstmals an den Rand der Staatspleite gebracht hatte. Zuvor hatte sich die EZB immer strikt gegen einen solchen Schritt gewehrt. Dass die Notenbank indirekt die Schulden klammer Staaten finanzieren könnte, hatte bis dahin als Tabubruch gegolten. Zuletzt standen Bonds im Wert von mehr als 70 Milliarden Euro in den Büchern der EZB - aus Griechenland, Portugal und Irland.


Kommentare (5)

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nobum

06.10.2011, 16:13 Uhr

Der Vollständigkeit halber muß gesagt werden, dass die eigentlich Schuldigen für den existenzsichernden Kauf der Staatsanleihen Staatschefs sind wie z.B. Schröder und Karamanlis etc.. Desweiteren gibt es die Immobilienkrise in Spanien und die Bankenkrise in Irland et.. Die EZB hat hier hervorragendes geleistet.
Zum Schluß ist es wichtig mitzuteilen, dass alle Anleihenkäufe "sterilisiert" werden, d.h. keine Inflation verursachen.

Account gelöscht!

06.10.2011, 16:22 Uhr

Die EZB hat Hervorragendes geleistet? Das ist ja lachhaft. Wahr ist, dass auch die EZB die Fehlkonstruktion Euro nicht retten kann. Sie verzögert nur die Entwicklung zum Bankrott der gesamten Währungsunion. Wenn der deutsche Michel erst einmal merkt, was die Politiker ihm da für eine Währung aufgedrückt haben... das wird spannend.
Anleihekäufe werden "sterilisiert"? Es ist schon lustig, wie Sie auf solche Euphemismen reinfallen. Da hat die EZB aber in Goebbelscher Manier schön erfolgreich getrommelt...

Account gelöscht!

06.10.2011, 16:52 Uhr

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Nee,
mit den vielen Milliarden, die man die Klospülung in den Süden jagt kann man mit Sicherheit keine Inflation erreichen, von dem Geld kann man diesmal keine Porsches und Ferienhäuser kaufen bzw bauen lassen.

Mich interessiert, wie diese Leute dann auf 3% Inflation kommen ?
Aber da einige Michels noch "liquide" sind und Zinsen zahlen können, lässt man sie eben. Mit der Lüge von 3% Inflation. Und Zinsen kriegen, kann er sich schon lange abschminken.


Der Dummichel wird zahlen müssen, so oder so oder so.
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