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08.11.2015

18:50 Uhr

Jens Weidmann

Bundesbankchef warnt vor Gefahren der Geldschwemme

Im Dezember steht die EZB-Entscheidung über weitere Anleihenkäufe an – da fühlt sich Jens Weidmann noch einmal zu einer öffentlichen Warnung genötigt: Der Bundesbankchef fürchtet erhebliche Nebenwirkungen der Geldflut.

Der Bundesbankchef gibt auf euorpäischer Ebene gern den Mahner. Jetzt warnt er vor den Folgen der langen lockeren Geldpolitik. Reuters

Jens Weidmann

Der Bundesbankchef gibt auf euorpäischer Ebene gern den Mahner. Jetzt warnt er vor den Folgen der langen lockeren Geldpolitik.

FrankfurtBundesbank-Präsident Jens Weidmann hat vor zunehmenden Gefahren der großen Geldflut im Euro-Raum gewarnt. Die Wirksamkeit der ultralockeren Geldpolitik nehme mit der Zeit ab, gleichzeitig würden Risiken und Nebenwirkungen wachsen, sagte Weidmann dem „Tagesspiegel“ (Montagausgabe) im Interview. „Hier denke ich zum Beispiel an Übertreibungen auf den Finanzmärkten und an die Probleme für Lebensversicherungen.“ Einer möglichen Ausweitung der Geldflut zur Bekämpfung der nach Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB) gefährlich niedrigen Inflation steht der Bundesbank-Präsident skeptisch gegenüber.

Die EZB will im Dezember über eine Ausweitung ihres bereits auf über eine Billion Euro angelegten Anleihenkaufprogramms entscheiden. Dann werden den Währungshüter neue Inflations- und Konjunkturprognosen ihrer Stäbe vorliegen. EZB-Präsident Mario Draghi hatte mehrfach betont, wenn nötig werde die EZB alle zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um die Inflation zu bekämpfen. Im Oktober waren die Preise in der Euro-Zone stagniert - im September waren sie sogar um 0,1 Prozent gefallen. Die EZB strebt aber mittelfristig knapp unter zwei Prozent Inflation an, was sie als optimal für die Wirtschaft erachtet. Fallen Preise hingegen auf breiter Front, kann das eine Wirtschaft auf Jahre lähmen.

Notenbanken lockern ihre Geldpolitik

Kampf gegen fallende Preise

Der Kampf gegen einen gefährlichen Abwärtssog aus fallenden Preisen und schrumpfenden Investitionen hat in diesem Jahr weltweit bereits 20 Notenbanken auf den Plan gerufen. Es folgt ein Überblick über ihre Schritte 2015.

Australien

3. Februar:
Die australische Zentralbank RBA senkt den Leitzins auf ein Rekordtief. Der Schlüsselzins liegt damit nun bei 2,25 Prozent. Mit dem Schritt wollen die Währungshüter unter anderem die Konjunktur ankurbeln.

China

4. Februar:
Die Zentralbank von China kündigt an, dass die Finanzinstitute künftig nicht mehr so viel Kapital als Mindestreserve bereithalten müssen. Damit will sie für mehr Liquidität im Finanzkreislauf der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft sorgen und die Kreditvergabe anschieben.

Dänemark

5. Februar/29. Januar/22. Januar/19. Januar:
Die dänische Zentralbank setzt vier Mal innerhalb weniger als drei Wochen ihre Leitzinsen herab. Sie interveniert zudem regelmäßig am Devisenmarkt, um die Koppelung der Krone an den Euro zu verteidigen.

EZB

22. Januar:
Die Europäische Zentralbank (EZB) kündigt eines der bislang größten Anleihe-Kaufprogramme aller Zeiten an. Insgesamt wollen die Währungshüter Staatsbonds sowie andere Wertpapiere im Volumen von 1,14 Billionen Euro erwerben. Mit den Käufen soll im März begonnen werden.

Indien

15. Januar:
Die indische Notenbank setzt den Leitzins um 0,25 Punkte auf 7,75 Prozent nach unten und deutet mögliche weitere Senkungen an. Die Wirtschaft des Landes durchläuft derzeit eine Phase schwachen Wachstums.

Indonesien

17. Februar:
Die Zentralbank von Indonesien setzt überraschend die Zinsen um 0,25 Punkte auf 7,5 Prozent herab. Es ist die erste Senkung seit drei Jahren. Volkswirte hatten dies nicht erwartet.

Israel

23. Februar:
Die Bank von Israel kappt ihren Leitzins auf 0,1 von bislang 0,25 Prozent. Es ist die erste Senkung seit sechs Monaten. Hintergrund ist unter anderem der Kampf gegen Deflationsgefahren und die Aufwertung der Landeswährung Schekel.

Russland

30. Januar:
Russlands Notenbank kappt den Schlüsselzins für die Versorgung der Banken mit Geld auf 15 von 17 Prozent. Das ist eine scharfe Kehrtwende, da die Notenbank 2014 die Zinszügel erst kräftig angezogen hatte. Die westlichen Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts und der Ölpreisverfall haben eine Kapitalflucht aus Russland ausgelöst und den Rubel auf Talfahrt geschickt.

Schweden

12. Februar:
Schwedens Zentralbank senkt ihren Leitzins für Wertpapier-Rückkaufgeschäfte mit den Geschäftsbanken - den sogenannten Repo-Satz - auf minus 0,1 Prozent von zuvor null Prozent. Zugleich kündigt sie an, für zehn Milliarden Kronen Staatsanleihen zu kaufen.

Schweiz

15. Januar:
Die Schweizer Notenbank (SNB) vollzieht eine radikale Kehrtwende und schafft den Mindestkurs des Franken zum Euro ab. Die Währungshüter begründen ihre überraschende Entscheidung mit dem immer stärker werdenden Dollar und dem anhaltend fallenden Euro. Gleichzeitig wird der Strafzins auf Einlagen von Banken bei der Notenbank auf 0,75 Prozent von 0,25 Prozent angehoben.

Türkei

24. Februar/20. Januar:
Die Zentralbank der Türkei senkt ihren Schlüsselzins in zwei Schritten um insgesamt 0,75 Punkte auf 7,5 Prozent. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu forderte nach der zweiten Zinslockerung die Notenbank auf, noch größere Schritte einzuleiten, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Doch Bundesbank-Präsident Weidmann sieht in der Mini-Inflation vor allem eine Folge der sehr niedrigen Ölpreise. Insofern sei sie ein vorübergehendes Phänomen. „Hinzu kommt, dass im Euro-Raum die günstiger importierte Energie die Kaufkraft von Unternehmen und Verbrauchern stärkt. Die Firmen können mehr investieren, die Konsumenten mehr kaufen, das stützt bereits die Nachfrage,“ sagte er der Zeitung. Würden Elemente wie die Energiepreise herausrechnet, liege die Inflation bei einem Prozent. „Und mittelfristig steigen die Preise wieder stärker, wie alle derzeit vorliegenden Prognosen zeigen.“

Die Notenbanken dürften nicht zum Gefangenen der Politik werden, warnte Weidmann: „Wir Notenbanker müssen aus der expansiven Geldpolitik aussteigen können, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.“ Dies gelte auch dann, wenn sich die Politik daran störe, weil dadurch die Zinslasten für die Staatsschulden zunehmen. Mit EZB-Chef Draghi stimme er überein, dass zur Bewältigung der Krise vor allem Strukturreformen in den betroffenen Ländern notwendig seien. „Denn es geht ja nicht nur um konjunkturelle Probleme, sondern um Fehlentwicklungen und Übertreibungen, auch im Finanzsektor.“ Hier sei die Politik gefragt.

Von

rtr

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