Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.06.2012

09:57 Uhr

Jim Rogers im Interview

„Ich wette gegen Aktien. Überall auf der Welt!“

VonAstrid Dörner

Der bekannte Investor ist davon überzeugt, dass die Schuldenkrise in Europa eskaliert. Aber nicht nur dort. Auch den USA drohen Ungemach, sagt Rogers. Deutschen Investoren rät er zu einer radikalen Anlagestrategie.

Jim Rogers ist Hedgefondsmanager. Reuters

Jim Rogers ist Hedgefondsmanager.

New YorkHerr Rogers, wie bewerten Sie die Situation in Griechenland?
Also wenn Sie mich fragen, ändert das Wahlergebnis nicht viel. 40 Prozent der Wähler haben für die Gewinner-Partei gestimmt, aber 60 Prozent waren dagegen. Das löst doch das Problem nicht! Es wird das passieren, was in der Vergangenheit immer passiert ist: An den Märkten wird die Stimmung für kurze Zeit gut, bis die Erkenntnis eintritt, dass die Kuh noch lange nicht vom Eis ist. Dann geht es wieder bergab, und wir sind wieder da, wo wir aufgehört haben.

Die Bundesregierung hat angedeutet, dass der Sparzwang für Griechenland nun etwas gelockert werden könnte. Sorgt das nicht für etwas Stabilität?

Klar könnten die Griechen eine Verschnaufpause bekommen. Aber dann werden die Spanier auch sagen, dass sie weniger strenge Sparziele wollen. Natürlich können wir alle unsere Vorgaben ein bisschen lockern. Aber das führt nur zu mehr Inflation und mehr Währungsinstabilität auf der ganzen Welt.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Das bis zu 100 Milliarden Euro teure Rettungspaket für Spanien haben Sie scharf kritisiert.

Das Paket war eine sehr schlechte Idee. Frau Merkel will ja im nächsten Jahr eine Wahl gewinnen. Also wird sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um sicherzustellen, dass Europa bis zur Wahl nicht auseinanderfällt. Danach wird es ihr nicht mehr so wichtig sein.

Also ich weiß nicht.

Sie halten offensichtlich mehr von Politikern als ich. Ich habe noch nie einen Politiker mit reinem Herzen getroffen - das gilt auch für Angela Merkel, so smart und aufregend wie sie ist.

Wie würden Sie Frau Merkels Führungsstil in der Eurokrise bewerten?

Niemand in Europa hat richtig gehandelt, außer vielleicht Island und Estland. Also würde ich die Leistung aller Politiker als schlecht bewerten.

Was müsste denn aus Ihrer Sicht getan werden?

Man muss die schwachen Länder, die ganz offensichtlich pleite sind, auch pleitegehen lassen. Griechenland ist ganz klar pleite. Das zu bestreiten ist absurd. Also lasst Griechenland pleitegehen. Dann würden Banken und Anleihebesitzer zwar eine Menge Geld verlieren. Aber darf ich Sie mal fragen: Warum sollten hart arbeitende deutsche Steuerzahler Geld bezahlen, damit die Griechen am Strand sitzen und Wein trinken und die Banker ihre Lamborghinis behalten können? Das ist absurd.

Kommentare (65)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

PRAWDA

20.06.2012, 10:10 Uhr

Rogers sagt über Merkel: "Also wird sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um sicherzustellen, dass Europa bis zur Wahl nicht auseinanderfällt. Danach wird es ihr nicht mehr so wichtig sein."

Wenn das so ist, wenn die Merkel dann den Laden absaufen läßt, dann würde ich sie SOFORT wählen. Kehrtwendungen hat die Dame schon öfters vorgelegt. Vertrauenssichernd ist das allerdings nicht, denn sie könnte auch den völlig falschen Weg Richtung EUSSR einschlagen. Hier denkt Rogers in den Kategorien amerikanischer Präsidenten, die Wahlen gewinnen wollen. Die Deutschen sind aber willensfanatisch und berauscht von "politischen GROSSProjekten" - ein Westerwelle hofft ja schon, Politkommissar in der EUSSR zu werden! Die deutschen Politiker schaffen es immer wieder, spätestens alle 80 Jahre eine totale, vollständige Katastrophe über das deutsche Volk hereinbrechen zu lassen. Und die deutsche Bevölkerung macht immer fahrlässig mit - und hat später natürlich nichts davon gewußt. Die Presse natürlich auch nicht!

Weg mit dem Euro. Nieder mit dieser EU!

Account gelöscht!

20.06.2012, 10:18 Uhr

Dirk Müller in einem Artikel mit Jim Rogers zu zitieren, ist übel, wirklich übel.

Wenn es so weiter geht ist der HB Link und die Zeitung ein no-go für mich und vielen anderen

Account gelöscht!

20.06.2012, 10:18 Uhr

Wir haben ein Ausgabenproblem. Wir geben unglaublich viel Geld für Kriege aus, für Panzer und für Sozialleistungen. Was wir machen müssen, ist, sowohl die Ausgaben zu senken als auch die Steuern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×