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28.01.2014

11:45 Uhr

Kampf gegen Kapitalflucht

Türkei bringt die Bazooka in Stellung

VonJan Mallien, Jörg Hackhausen

Die türkische Notenbank will alle Instrumente nutzen, um den Verfall der Lira zu stoppen. Auch Indien ergreift Maßnahmen. Die Schwellenländer stehen massiv unter Druck – nicht zuletzt wegen der US-Geldpolitik.

Die türkische Lira notiert gegenüber dem Dollar auf einem historischen Tief. Das setzt die Notenbank massiv unter Druck. Reuters

Die türkische Lira notiert gegenüber dem Dollar auf einem historischen Tief. Das setzt die Notenbank massiv unter Druck.

DüsseldorfDie türkische Zentralbank nährt Spekulationen über eine unmittelbar bevorstehende Zinserhöhung. Die Mitglieder der Notenbank kommen im Laufe des Tages zu einer Krisensitzung zusammen, deren Ergebnisse am Abend veröffentlicht werden sollen. Man werde alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente effektiv einsetzen, sagte Gouverneur Erdem Basci in Ankara. Falls erforderlich, werde der Zentralbankrat nicht zögern, die Geldpolitik zu straffen. In der Wortwahl erinnert das an EZB-Chef Mario Draghi, der einst eine geldpolitische „Bazooka“ ankündigte, um den Euro zu retten.

Während Draghi damit Zinssenkungen und Anleihekäufe meinte, geht es für die türkische Zentralbank um das Gegenteil: Experten rechnen mit einer „aggressiven“ Zinsanhebung. Dies wäre der verzweifelte Versuch, sich gegen die Kapitalflucht zu stemmen. In den vergangenen drei Monaten ist die türkische Lira gegenüber dem US-Dollar um fast 20 Prozent eingebrochen – auf den tiefsten Stand aller Zeiten.

Die Türkei ist nicht das einzige Schwellenland, dass sich mit diesem Problem herumschlägt. Auch die indische Zentralbank hat überraschend ihren Leitzins von 7,75 auf 8,0 Prozent angehoben – und begründete dies mit kräftig steigenden Preisen. „Der Markt hat definitiv die Schwellenländer im Blick, besonders die schwachen“, sagt Jeffrey Halley, Devisenhändler bei Saxo Capital Markets in Singapur. Besonders hart erwischt es Staaten mit hohen Handelsbilanzdefiziten, die auf den Zustrom von Kapital aus dem Ausland angewiesen sind. Investoren haben bereits ein Schlagwort für die am meisten gefährdeten Staaten erfunden: Indien, Indonesien, die Türkei, Brasilien und Südafrika werden als die „Fragilen Fünf“ bezeichnet.

Euro gegen den Rest der Welt - Währungsbilanz 2013

Chinesischer Yuan

Euro/Yuan +0,8 Prozent

Britisches Pfund

Euro/Pfund +2 Prozent

Schweizer Franken

Euro/Franken +2,5 Prozent

US-Dollar

Euro/US-Dollar +3,7 Prozent

Russischer Rubel

Euro/Rubel +13,2 Prozent

Kanadischer Dollar

Euro/Kan. Dollar +13,3 Prozent

Norwegische Krone

Euro/Nor. Krone +14,7 Prozent

Australischer Dollar

Euro/Aus-Dollar +22,2 Prozent

Japanischer Yen

Euro/Yen +24,1 Prozent

Türkische Lira

Euro/Türk. Lira +26,6 Prozent

Südafrikanischer Rand

Euro/Rand +28,8 Prozent

Auch wenn jedes Land mit ganz eigenen Widrigkeiten zu kämpfen hat, so haben sie ein gemeinsames Problem: Nachdem jahrelang Milliarden über Milliarden in die aufstrebenden Volkswirtschaften geflossen sind, kehren sich nun die Kapitalströme um. Im schlimmsten Fall könnten die Zuflüsse in die Schwellenländer innerhalb weniger Monate um 50 bis 80 Prozent einbrechen, schätzt die Weltbank in einem aktuellen Report. „Rund ein Viertel der Schwellenländer könnten kurzfristig von den globalen Kapitalströmen abgeschnitten werden.“ Für die Weltbank ist dies zwar nicht das wahrscheinlichste Szenario. Sie sieht dies jedoch als Risiko.

In den vergangenen Jahren haben Investoren viel Kapital in den sogenannten Emerging Markets angelegt, wo die Zinsen deutlich höher lagen als im Westen. Nach Schätzungen sind seit 2009 rund vier Billionen Dollar in die Schwellenländer geströmt.

Befeuert wurde dies durch die lockere Geldpolitik in den westlichen Ländern. Die Notenbanken in den USA und Europa senkten die Zinsen bis zur Unkenntlichkeit – und pumpten schwindelerregende Summen in die Wirtschaft. Allein die Federal Reserve (Fed) spendierte mehr als drei Billionen Dollar für den Ankauf von Staatsanleihen und Immobilienpapieren. Doch nun will die Fed einen neuen geldpolitischen Kurs einschlagen.

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

28.01.2014, 12:28 Uhr

Hier helfen nur massive Zinserhöhungen. Sie verringern den schuldenfinazierten Konsum und bremsen die wenig produktive Baubranche. Hohe Zinsen fördern den Innovationsdruck und leiten Kapital in die rentableren Investitionen. Sie "vernichten" wenig produktive Arbeitsplätze und drosseln den allgemeinen Lohnanstieg. Die Inflation geht zurück, das Vertrauen in die Währungsstabilität nimmt zu, was zu fallenden Zinsen in den längeren Laufzeiten führt. Das begünstigt wieder längerfristige Investitionen und führt im besten Fall zu einem neuen höherwertigen Wirtschaftswachstum. Leider sieht es so aus, als würde gerade in der Türkei ein Großteil der politischen Strukturen über Korruption aus dem Baubereich bezahlt. Das dämpft natürlich die Bereitschaft zu Maßnahmen, die der Baubranche schaden würden...

Account gelöscht!

28.01.2014, 13:51 Uhr

Offensichtlich bereitet sich die Türkei auf den Beitritt in die EU vor.
Schulden, Korruption und ein unbegrenztes Selbstbewusstsein, wenn es darum geht, Forderungen zu stellen.
Passt schon.

Hongkong

28.01.2014, 15:40 Uhr

Aber bitte! Lasst sie ziehen. Diese Kapitalabflüsse sind ganz im Interesse der Emerging-Markets, da es sich dabei ausschließlich um Fiat-Kapital handelt. Hier dachten doch tatsächlich einige Schlauköpfe sie könnten die Börsen der Schwellenländer billig aufkaufen und sich so Rohstoffe und Wachstumsperspektiven unter den Nagel reißen. Langfristig sind die BRICs + Türkei + Argentinien ohnehin besser darn ohne die Fiat-Währungen Dollar/Euro/Yen/Pfund auszukommen und auf einen Goldstandard zu setzen. Wer argentinisches Rindfleisch, russisches Erdgas oder indische Computerkomponenten haben will, soll künftig Waggonladungen an Gold aufbieten. Wie, Ihr habt keines mehr? dann friert Euch den A**ch ab!

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