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13.08.2015

04:04 Uhr

Kommentar

Die Gefahr aus Fernost

VonFrank Wiebe

Die Abwertung der chinesischen Währung beeinflusst voraussichtlich auch die amerikanische Geldpolitik. US-Finanzexperten zeigen sich zwar derzeit gelassen. Die Erfahrung lehrt aber, die Situation kann sich noch ändern.

Chinesischen Notenbanker haben die eigene Währung an zwei Tagen um insgesamt knapp drei Prozent abgewertet. Das könnte auch Folgen für die amerikanische Geldpolitik haben. AFP

Chinesische Währung Yuan

Chinesischen Notenbanker haben die eigene Währung an zwei Tagen um insgesamt knapp drei Prozent abgewertet. Das könnte auch Folgen für die amerikanische Geldpolitik haben.

New YorkAuf den ersten Blick sollte der Schritt der chinesischen Notenbanker, die eigene Währung an zwei Tagen um insgesamt knapp drei Prozent abzuwerten, keine Auswirkungen auf die Politik ihrer amerikanischen Kollegen haben. Aber nur auf den ersten Blick.

Die Erfahrung lehrt, dass die Situation auf den zweiten Blick ganz anders aussehen dürfte. Wenn sich die Auswirkungen der Abwertung deutlicher in Amerika bemerkbar machen, kann die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) dies nicht ignorieren. Selbst wenn sie im September die Zinsen zum ersten Mal seit neun Jahren erhöht, wie viele Experten erwarten, dürfte sich der Sog aus China auf den weiteren Verlauf der Geldpolitik auswirken.

Frank Wiebe

Frank Wiebe ist Handelsblatt-Korrespondent in New York.

Noch zeigen sich die Amerikaner gelassen. Bill Dudley etwa, der Chef der Fed New York, bekundete am Mittwoch Verständnis für die Entscheidung der Chinesen. „Offenbar ist die Volkswirtschaft Chinas schwächer, als die Behörden dort erwartet haben“, sagte er laut der Nachrichtenagentur Reuters. „Daher ist es wahrscheinlich nicht unangemessen, die Währung dieser Schwäche anzupassen.“ Er wies auch darauf hin, dass der chinesische Yuan wegen seiner Bindung an den US-Dollar zusammen mit diesem gegenüber anderen Währungen zuletzt deutlich zugelegt hatte.

Michael Feroli von JP Morgan, einer der bekanntesten Fed-Experten der USA, argumentiert ähnlich. Nach seiner Darstellung ist der rechnerische Effekt der Abwertung in China auf das Wachstum in den USA nur minimal. Daher sollte sich die Fed nicht davon beeinflussen lassen, glaubt er.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Aber als die Europäer im vergangenen Winter ihre weiche Geldpolitik gestartet und den Euro damit deutlich geschwächt haben, waren die Reaktionen sehr ähnlich. Der Grundtenor der Experten und Geldpolitiker lautete: Amerika ist stark, der Schritt der Europäer war überfällig und ist gut für die Weltwirtschaft, also sollten wir uns deswegen keine Sorgen machen. Ähnlich waren auch die ersten Reaktionen auf den Fall des Ölpreises: Er wurde sogar als positiv für die US-Konjunktur angesehen. In den folgenden Monaten mehrten sich dann aber die Stimmen, die vor den Auswirkungen eines starken Dollar warnten. Sogar Janet Yellen, die Chefin der Fed, sprach erstaunlich offen darüber.

Offiziell ist es gerade nicht die Aufgabe von Notenbankern, die Wechselkurse zu beeinflussen, deswegen reden sie in der Regel nicht gerne darüber, obwohl sie in Wirklichkeit praktisch immer ein Auge darauf haben. Aber die Amerikaner haben sehr schnell gemerkt, dass die Stärke der eigenen Währung und der Preissturz des Öls die Inflation auf praktisch null bremst und zugleich Spuren in den Unternehmensgewinnen hinterlassen. Beides ist für die Fed von Bedeutung.

Der Dollar ist seit rund einem Jahr um etwa 15 Prozent gegenüber anderen Währungen gestiegen. Das lag auch an der Stärke der US-Wirtschaft und an der bevorstehenden Zinserhöhung der Fed. Aber der Effekt wurde durch die bewusste Schwächung des Euros noch verstärkt.

Die Verlierer der Weltwirtschaft

Großbritannien

2014: 2,435 ; 2030: 3,586 ; 2050: 5,744 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Zwar wird Großbritannien auch 2030 noch im Ranking der Top-Volkswirtschaften mit Platz zehn in der Top Ten sein. Doch 2050 sieht das anders aus: Rang elf.

Italien

2014: 2,066 ; 2030: 2,591 ; 2050: 3,617 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Italien wird in 35 Jahren auf Rang 18 zurückfallen. Die Prognose zeigt deutlich, dass Europa im weltweiten Vergleich weiter an wirtschaftlichem Gewicht verliert.

Frankreich

2014: 2,587; 2030: 3,418; 2050: 5,207 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Frankreich kommt schafft es bereits 2030 auf Rang elf und rutscht bis 2050 auf Platz 13.

Russland

2014: 3,559 ; 2030: 4,854 ; 2050: 7,575 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Russland wird bis 2050 auf Platz acht verdrängt.

Deutschland

2014: 3,621 ; 2030: 4,590 ; 2050: 6,338 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Drei europäische Staaten gehören derzeit zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt: Deutschland, Frankreich und Großbritannien. 2050 wird nur noch die Bundesrepublik in den Top Ten der wirtschaftlich leistungsfähigsten Staaten vertreten sein. Deutschland wird bereits 2030 auf Rang acht zurückfallen.

Japan

2014: 4,788 ; 2030: 6,006 ; 2050: 7,914 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Während Japan auch 2030 den vierten Platz verteidigt, wird das Land bis 2050 drei Ränge abrutschen und auf Rang sieben landen.

USA

2014: 17,416 ; 2030: 25,451 ; 2050: 41,384 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Auch wenn die USA 2020 den zweiten Platz noch verteidigen können, werden sie 2050 von Indien auf Platz drei verdrängt. Dann wird drittstärkste Volkswirtschaft USA fast zweieinhalbmal so groß sein wie Indonesien (2050: Rang vier).

Der Ölpreis hat sich, anders als erwartet, negativ auf die Konjunktur ausgewirkt. Die Öl-Industrie geriet unter Druck. Und die US-Verbraucher nutzten die niedrigen Benzinpreise weniger als erwartet, um andere Waren zu kaufen. Beides zusammen, starker Dollar und schwaches Öl, waren wahrscheinlich auch Gründe dafür, die zunächst schon für Juni erwartete Zinserhöhung der Fed zu verschieben.

Gemessen an dieser Erfahrung spricht viel dafür, dass mit Blick auf China die Gelassenheit bald ebenfalls abnimmt. China ist für US-Unternehmen, etwa Apple, ein wichtiger Markt. Außerdem läuft die Abwertung dort dem Bemühen entgegen, Arbeitsplätze wieder nach Amerika zu holen. Die Abwertung verstärkt den Eindruck, dass die Wirtschaft in China, dem langjährigen Wachstumsmotor der Welt, doch sehr deutlich schwächelt. Das alles zusammen dürfte eben doch Rückwirkungen auf die US-Wirtschaft haben.

Die Fed wird allein wegen des China-Effekts ihre Zinserhöhung nicht verschieben. Sollte im September die Entscheidung aber auf Messers Schneide stehen, könnten die Wellen der Unruhe aus China den Ausschlag für eine Verschiebung geben. Außerdem lautet die Frage der Kapitalmärkte eine Minute nach der ersten Zinserhöhung ja: Wann kommt die nächste? Und auf diese Entscheidung kann die Gefahr aus Fernost durchaus einwirken.

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