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08.09.2011

14:39 Uhr

Kommentar

Europas Notenbanker unter Druck

Die EZB bleibt stur, aber der Druck steigt: Sie ist die einzige Notenbank, die dank ihrer - oft als voreilig krisitierten - Zinserhöhungen überhaupt einen Zinssenkungsspielraum hat.

Euro-Skulptur vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). dpa

Euro-Skulptur vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB).

Vor den Sommerferien schien die Sache noch klar: Die Europäische Zentralbank hatte sich als erste der großen Zentralbanken auf Zinserhöhungskurs begeben und wirkte entschlossen, den Weg bis zu einem konjunkturneutralen Zinsniveau weiterzugehen. Vorsichtig und Schritt für Schritt natürlich.

Dieser Kurs war schon damals nicht unumstritten: Viele Ökonomen warnten, dass es angesichts der Nachwehen der Finanz- und Wirtschaftskrise besser wäre, die Zinsen länger niedrig zu halten. Nun hat sich die Lage dramatisch geändert.

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Nach den Börsenturbulenzen des Sommers rechnet niemand mehr mit weiteren Zinserhöhungen. Die Diskussion dreht sich nun darum, wann die Rezessionsgefahr so groß erscheinen wird, dass die EZB den Leitzinssatz wieder von 1,5 auf 1,0 Prozent herunterschleust. Noch jedenfalls ist das nicht der Fall: Heute hat der Zentralbankrat die Zinsen unverändert gelassen.
Der Druck auf die EZB wird aber noch steigen: Sie ist die einzige Notenbank, die dank ihrer - oft als voreilig krisitierten - Zinserhöhungen überhaupt einen Zinssenkungsspielraum hat. Die Kollegen in den USA, Japan und Großbritannien können nur durch unkonventionelle Geldpolitik die Wirtschaft anzuschieben versuchen, also etwa indem sie noch mehr Anleihen kaufen.

Von

dpa

Kommentare (3)

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steuding

08.09.2011, 15:15 Uhr

welche logik! schilda haette seine freude. wie gut ,dass die ezb gravierende fehler macht, da dies ihren handlungsspielraum erhoeht. herrlich!

Markus

08.09.2011, 16:55 Uhr

Naja, der Kommentar des Redakteurs wirkt aber auch eher mehr daneben gegriffen, als sachlich beleuchtet.

Die EZB Geldpolitik ist absolut angemessen und richtig. Im Gegensatz zu anderen Notenbanken, insbesondere die in Amerika scheinen im EZB-Rat richtige Ökonomen zu sitzen, welche sachgerechte Entscheidungen treffen.

In den USA und offensichtlich auch in der Wirtschaftsredaktion beim Handelsblatt, glaubt man immer noch mit exzessiver Geldmengenausweitung lässt sich Wirtschaftswachstum erzeugen.

Pendler

08.09.2011, 18:58 Uhr

ach Markus,

in den USA treten gerade die jungen Helden von der Teaparty an. Und die Hoffnung kehrt zurück.

In Dt. sitzen immer noch die senilen, alten Sesselp....


Die USA bereitet das Comeback vor
udn die Eu den Rausschmiss von Dolce-Vita

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