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18.06.2015

06:34 Uhr

Kommentar zum Zins-Entscheid der FED

US-Notenbank auf Entenjagd

VonAstrid Dörner

Fed-Chefin Janet Yellen spricht Klartext. Sie will die Zinsen anheben. Das ist gut so. Doch sie darf damit nicht zu lange warten. Denn die Maßnahme wirkt nicht sofort, sie kommt mit Verzögerung in der Wirtschaft an.

Yellen spricht Klartext

Endlich? Yellen stellt Zinswende in Aussicht

Yellen spricht Klartext: Endlich? Yellen stellt Zinswende in Aussicht

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Notenbanker sind bekanntlich verschwiegen, drücken sich vage aus und wollen sich bloß nicht zu früh auf eine Richtung festnageln lassen. Janet Yellen, die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, hat am Mittwoch jedoch Klartext gesprochen. So klar, wie sich Geldpolitiker im Rahmen ihrer Möglichkeiten nur ausdrücken können. „Eine Anhebung in diesem Jahr ist möglich“, sagte Yellen. Und das ist gut so. Sollte sich die US-Wirtschaft wie erwartet entwickeln, dann ist es höchste Zeit, die Phase der Nullzinsen zu beenden, die nun schon seit fast sieben Jahren anhält.

Natürlich – das kann zu Turbulenzen führen. Aber Yellen gibt den Investoren mit ihren klaren Worten genügend Zeit, um sich entsprechend vorzubereiten. Schon seit Anfang des Jahres steht schließlich eine Anhebung er Zinsen im Raum. Es wäre falsch, jetzt leichtsinnig zu werden und darauf zu setzen, dass sie den Schritt auf das nächste Jahr verschieben wird.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Das Risiko ist nicht nur, zu früh zu handeln. Auch zu spät zu kommen, birgt Risiken – das Entstehen von Blasen, zum Beispiel, oder eine Inflationsspirale, in der sich Preise und Löhne gegenseitig hochschaukeln. Und je länger die Fed wartet, desto schärfer wird sie irgendwann die Zügel wieder anziehen müssen – was noch mehr Turbulenzen an den Märkten zur Folge haben wird.

Hinzu kommt: Die Maßnahmen der Notenbanken wirken nicht sofort, sie kommen mit Verzögerung in der Wirtschaft an. „Es ist wie bei der Entenjagd“, hat der ehemalige Präsident der regionalen Notenbank aus Dallas, Richard Fisher, stets gesagt. Man muss vorausschauend Zielen und die Flugkurve der Ente antizipieren. Yellen scheint die geldpolitische Entenjagd zu beherrschen. Zwar sei die US-Wirtschaft im Moment noch nicht bereit für die Wende, sagte sie am Mittwoch. Doch sie hat klar zu verstehen gegeben, dass sie die Flugkurve im Auge und den Finger am Abzug hat.

Kommentare (3)

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Herr Werner Wilhelm

18.06.2015, 07:32 Uhr

Die Niedrigzinsen in den entwickelten Industrieländern sind keine vorübergehende Episode, sondern es wird sogar noch schlimmer kommen.

Yellen weiß das. Alles was sie sagen möchte ist: Nutzt jetzt noch die niedrigen Zinsen für Konsum und Investitionen. Kurzfristig bringt das was.

Herr Oliver Klima

18.06.2015, 08:19 Uhr

Die letzten Enten werden heute auf der Jagd erschossen, weil wir die Kuh nicht von Eis kriegen. Irgendwie sind die politischen Statements momentan etwas blumig.

Ich bezweifle stark, dass die FED die Zinsen auf absehbare Zeit überhaupt anheben könnte. Und ich gehe davon aus, dass es eine sehr niedrige Schmerzgrenze gibt, wie hoch die Zinsen überhaupt steigen können.

Bei den Staatsschulden, die die USA so vor sich herschiebt, wird eine Refinanzierung derselben zu höheren Zinsen kaum umsetzbar sein. Und die USA kann die Zinsen nicht anheben, wenn der Rest der Notenbanken das nicht ebenfalls tut.

Es ist eingetreten, wovor viele gewarnt haben, nämlich der Produktion einer Geldmenge, die der Markt nicht in Wirtschaftskraft umwandeln kann. Damit bleiben die Zinsen der FED niedrig und wir dürfen in den nächsten Jahren einer hoffentlich steuerbaren Inflation ins Auge sehen.

Insofern wünsche ich unseren Politikern und Notenbankern ein freundliches Halali und

Petri Heil!

Herr KarEL BrightShooster

18.06.2015, 08:20 Uhr

wenn Banker 'Klartext' reden ist vorsicht geboten. die Warnung die Zinsen anheben zu wollen ist die Ilusion dass die FED den Markt noch regeln könnte - dem aber ist seit langem nicht mehr so - wie die EZB läuft sie den Erosionen hinterher und ist sogar ein Teil des Problems.
/K

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