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16.01.2003

08:57 Uhr

2003 ist für den Wirtschaftswissenschaftler das Jahr des Abschieds

Horst Siebert: Vom Umweltaktivisten zum Markt-Liberalen

VonPetra Schwarz

Es ist 10.00 Uhr morgens und Professor Dr. Dr. h. c. Horst Siebert kommt gerade aus einer Vorlesung. Sein Haar ist wie mit dem Lineal gescheitelt, der Oberlippenbart sauber gestutzt, die Fliege sitzt perfekt – nur die alte, abgewetzte hellbraune Ledertasche passt nicht so ganz zum Erscheinungsbild des Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Oder doch?

KIEL. Siebert ist heute bekannt als langjähriges Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und als Deutschlands prominenter Fürsprecher für mehr Wettbewerb und weniger Sozialstaat. Aber in den 70er-Jahren war er ein früher Umweltaktivist. Als er 1969 an der Universität in Mannheim den Lehrstuhl für Außenwirtschaft antritt, ist die Luft dort so sichtbar verschmutzt, „dass man sich für Umweltfragen interessieren musste“, erinnert er sich. Schon 1972, weit vor der Gründung der Grünen, habe er sein erstes Umweltbuch publiziert, erzählt Siebert stolz. Titel: „Das produzierte Chaos.“ Ein Sponti war Siebert aber nie – auch wenn er sich der internationalen Umweltschutzorganisation „Resources for the Future“ anschloss. Letztlich wurde er aber lieber Publizist, als den Weg des Aktivisten zu gehen und veröffentlichte eine Reihe weiterer umweltökonomischer Bücher. „Economics of the Environment“, 1985 in der fünften Auflage erschienen, ist mittlerweile ein Standardwerk.

Diese grün angehauchte Vita mag einige seiner Kritiker überraschen. Nicht wenige sehen in Siebert nur den knallharten liberalen Marktwirtschaftler, der den gut ausgebildeten, flexiblen und gesunden Arbeitnehmer zur Norm erklärt und soziale Fragen ausblendet.

In der Tat: In seinem jüngsten Buch, „Der Kobra-Effekt“, geißelt Siebert wieder einmal den ausufernden Sozialstaat. Der Titel spielt auf eine wahre Begebenheit an: Um einer Schlangenplage in Indien Herr zu werden, setzt der Gouverneur eine Prämie auf abgelieferte Kobra-Köpfe aus. Als Folge züchteten die Inder Kobras, um die Prämie zu kassieren. Damit illustriert Siebert die Konsequenzen falscher Anreize – für ihn eine Parabel auf das Grunddilemma der deutschen Wirtschaftspolitik in den vergangenen drei Jahrzehnten. „Die Deutschen suchen immer wieder Zuflucht beim Staat“, kritisiert Siebert. „Der Wunsch nach individueller Freiheit, nach etwas ganz Neuem, Innovativen ist nicht stark ausgeprägt, stattdessen der Wunsch des Beharrens, auch des Gemütlichen, des Vertrauten,“ sagt Siebert.

Der Volkswirt hat seinen Ruf als kalter Liberaler nicht zuletzt durch seine Medienpräsenz und seine langjährige Mitgliedschaft im Sachverständigenrat erworben. Seit 1990 ist der Mann ohne Parteibuch einer der Fünf Weisen. Und nun heißt es in diesem Jahr Abschied nehmen: Sieberts Amtszeit im Rat endet, und Ende März macht der dann 65-Jährige auch am IfW Platz für seinen Nachfolger.

Das fällt ihm nach dann fast 14 Jahren Präsidentschaft nicht leicht. Schon heute betont Siebert, dass er den Kontakt zum Institut nicht ganz verlieren werde, das er so hervorragend positionierte. Der Wissenschaftsrat gab dem Kieler Forscher bei der letzten Überprüfung im Jahr 1998 bessere Noten als den übrigen fünf deutschen Forschungsinstituten: „Herausragende Kompetenz genießt das Institut bei der Analyse außenwirtschaftlicher Phänomene“, heißt es im Gutachten und weiter: „Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeiten sind sehr positiv zu bewerten.“ Am IfW forschen 171 Mitarbeiter, der Etat belief sich 2002 auf rund 8,2 Millionen Euro – davon waren etwa 1,7 Mrd. Euro Drittmittel. Mit der umfangreichen Bibliothek steigt die Mitarbeiterzahl auf 277 und der Etat auf 17,5 Millionen Euro. Dem Institut wurde nahe gelegt, mehr Drittmittel einzuwerben.

Und ein weiterer kleiner Wermutstropfen bleibt: Die Doktoranden sollten intensiver betreut und die Promotionsdauer verkürzt werden, mahnte der Wissenschaftsrat. Nur einmal im Jahr nehme sich Siebert Zeit für seine Doktoranden, kritisiert einer hinter vorgehaltener Hand. Die nächste Überprüfung steht den Kielern 2004 bevor.

Wenn Siebert in den Ruhestand geht, tritt er als Zeitzeuge des Wandels in der ökonomischen Theorie von der Bühne. Siebert hat als regional forschender Wissenschaftler angefangen und später seinen Schwerpunkt in der Außenwirtschaft gefunden. Sein Buch zur Außenwirtschaft ist zum Klassiker für VWL-Studenten avanciert. „Die Ökonomie damals war völlig anders als das, was wir heute machen“, blickt Siebert, der selbst bekennender Ordnungstheoretiker ist, zurück. Er hat noch Vorlesungen bei Alfred Müller-Armack in Köln gehört, einem der geistigen Väter der sozialen Marktwirtschaft. Mittlerweile habe die empirische Forschung eine viel größere Bedeutung bekommen.

Noch ist unklar, wer Sieberts Erbe antritt. Der Mannheimer Ökonom Martin Hellwig hat den Ruf abgelehnt, nun wartet man auf den Bonner Geldtheoretiker Jürgen von Haugen. Siebert selbst hat eine Reihe internationaler Angebote, unter anderem, die Jelle Zijlstra Professur am Netherland Institute for Advanced Studies im Jahr 2004 anzutreten.

Fest steht, dass Siebert bald mehr Zeit für sein Lieblingshobby bleibt – das Wandern in Südtirol oder am Bodensee. Siebert privat, das ist ein Mensch, der den Karneval im Rheinland vermisst und der sich freut, dass seine Frau eine Self- made-Künstlerin ist, die ihm den Weg in die „normale“ Welt jenseits der Zahlen offen hält. In seinem mit Stuck verzierten Büro im alten Trakt des IfW thronen die Keramiken der Gattin auf Simsen über Sieberts Schreibtisch. An den Wänden hängen einige ihrer abstrakten Gemälde – auf selbst geschöpftem Papier, sagt der Professor.

Vielleicht wird er im Ruhestand auch wieder von der Schreibwut gepackt. Als ihm Ende der 70er-Jahre in Senatssitzungen langweilig war, hat er das Buch „Nationalökonomologie“ unter dem Pseudonym Orestes V. Trebeis geschrieben. Auf knapp 300 Seiten zeigt Siebert in Beiträgen wie „Die Ökonomie des Zähneputzens“ oder „Anmerkungen zu den Opportunitätskosten des Heiratens“, dass sich Wirtschaft mit Humor erklären lässt. Mit etwas Phantasie erkennt man in Orestes – eigentlich eine Figur aus der griechischen Mythologie – noch den Horst und in Trebeis den verkehrten Siebert.

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