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30.07.2012

12:05 Uhr

Arbeitsagentur

Nachfrage nach Mitarbeitern geht weiter zurück

Deutsche Unternehmen sind im Moment vorsichtiger bei Neueinstellungen. Im Juli gab es so wenig offene Stellen wie seit einem Jahr nicht mehr. Dabei sind 2011 mehr als 600.000 zusätzliche Jobs entstanden.

Die Liste mit offenen Stellenangeboten wurde im Juli kürzer. dpa

Die Liste mit offenen Stellenangeboten wurde im Juli kürzer.

Nürnberg/WiesbadenDie Zahl der offenen Stellen in Deutschland ist im Juli weiter zurückgegangen und auf den niedrigsten Stand seit gut einem Jahr gesunken. „Angesichts moderater Konjunkturerwartungen zeigen sich die Unternehmen vorsichtiger, was weitere Neueinstellungen angeht“, teilte die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Montag in Nürnberg mit. „Insgesamt liegt die Kräftenachfrage aber nach wie vor auf hohem Niveau.“

Der von der BA veröffentlichte Stellenindex BA-X war im Juli um zwei Zähler auf 162 Punkte zurückgegangen - zum Jahreswechsel hatte er noch bei 179 gelegen. Doch im Vergleich zum Juli 2011 ergebe der erneute Rückgang nur ein Minus von vier Punkten, betonte die Bundesbehörde.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

„Zum hohen Kräftebedarf trägt weiterhin das Beschäftigungsplus der letzten Jahre bei, das mit mehr offenen Stellen einhergeht“, erläuterte die BA. Außerdem gelänge es den Betrieben nicht immer, freie Stellen schnell wieder zu besetzen - das schlage sich ebenso in der Statistik nieder wie der Fakt, dass immer mehr Unternehmen bei ihrer Suche die Arbeitsagenturen einschalteten. Wie viele Erwerbslose es in Deutschland aktuell gibt, wird die BA am Dienstag (31.7.) bekanntgeben.

Großen Bedarf an Arbeitskräften hat derzeit die Zeitarbeit, auf die gut jede dritte gemeldete Arbeitsstelle zurückgeht. „Auch im Groß- und Einzelhandel, in der Bauinstallation, in der Gastronomie oder im Gesundheits- und Sozialwesen werden zahlreiche neue Mitarbeiter gesucht“, schilderte die BA. Allerdings gehe die Nachfrage nach neuen Kollegen in vielen Branchen zurück oder unterschreite sogar schon das Vorjahresniveau.

Dank des Booms auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind im vergangenen Jahr 610.000 zusätzliche reguläre Jobs entstanden. Ihre Zahl stieg damit 2011 deutlich schneller als die der „atypischen“ Beschäftigungsverhältnisse, die nur um 80.000 zulegten, wie das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden berichtete.

Dennoch erreichte die Zahl der „atypisch“ Beschäftigten mit 7,92 Millionen Menschen einen neuen Rekordwert. Ihr Anteil an sämtlichen Erwerbstätigen betrug 22,1 Prozent. Vor allem Frauen (5,6 Millionen) arbeiten in Teilzeit, befristet oder in Leiharbeitsjobs.

Die regulären Jobs sind allerdings nicht unbedingt Vollzeitstellen. 23,67 Millionen Menschen und damit 66 Prozent aller Erwerbstätigen hatten laut Statistik einen unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen Job mit mindestens 21 Wochenstunden und waren nicht an ein anderes Unternehmen ausgeliehen. Ihre Zahl erreichte noch nicht wieder den Wert von 2001, als 23,74 Millionen reguläre Jobs gezählt worden waren. Auszubildende sind dabei nicht berücksichtigt.

Nach den rot-grünen Arbeitsmarktreformen der „Agenda 2010“ war die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse bis 2005 zunächst kontinuierlich gesunken. Seit 2006 beobachten die Statistiker im Schnitt wieder einen Anstieg, der 2011 besonders kräftig ausgefallen sei. Der Anteil der Norm-Jobber von rund zwei Dritteln aller Erwerbstätigen ist seit Jahren relativ stabil. 11,7 Prozent aller Erwerbstätigen waren 2011 Selbstständige oder mithelfende Familienangehörige.

Von

dpa

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