Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.08.2011

15:32 Uhr

Arbeitsmarkt

Finanzkrise gefährdet das deutsche Jobwunder

Die Kurs-Talfahrt an den Börsen könnte sich schon bald im Alltag bemerkbar machen. Was bedeutet die Krise für die deutsche Konjunktur, steigen jetzt die Preise? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Containerschiffe im Hamburger Hafen: Der Aufschwung ist in Gefahr. Quelle: dpa

Containerschiffe im Hamburger Hafen: Der Aufschwung ist in Gefahr.

Berlin/HamburgDie deutsche Industrie boomt, werden wir überhaupt etwas von einer Krise spüren?

„Es geht Deutschland sicher besser als der Weltwirtschaft“, sagt der Forschungsdirektor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Michael Bräuninger. Aber: „Für die USA besteht die Gefahr einer Rezession. Das würde auch Deutschland belasten.“ Denn wenn die USA weniger Konsumgüter in Schwellenländern bestellten, würde auch die Nachfrage nach deutschen Maschinen oder Produktionsanlagen dort wegfallen. Außerdem sind die USA als Exportland sehr wichtig für deutsche Autokonzerne.

Wie wirkt sich die Krise am deutschen Arbeitsmarkt aus?

Die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen Jahren kräftig gefallen, im Juli waren 2,9 Millionen Menschen ohne Job, fast 250.000 weniger als ein Jahr zuvor. Doch die gute Entwicklung - die Bundesagentur für Arbeit rechnet für 2012 mit nur noch 2,7 Millionen Jobsuchern - gerät in Gefahr: „Die Entwicklung am Arbeitsmarkt wird nicht so positiv verlaufen, wie wir es bisher erwarten“, sagt der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide.

Wie steuert die Europäische Zentralbank durch die Schuldenkrise?

Warum muss die EZB nun auch Staatsanleihen aus Spanien und Italien kaufen?

Aus Sicht von Beobachtern bleibt der EZB derzeit kaum etwas anderes übrig. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen der beiden großen Euro-Staaten waren zuletzt deutlich gestiegen. Für Italien und Spanien, die ohnehin schon unter einer hohen Schuldenlast ächzen, wurde es dadurch immer teurer, sich zu refinanzieren. „Die Notenbank greift als Feuerlöscher ein, so lange es andere nicht tun können“, sagt Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. „Sie greift immer dann ein, wenn die Gefahr einer Kettenreaktion groß ist.“ Zwar soll künftig der europäische Rettungsfonds EFSF Anleihen von Krisenstaaten kaufen können. Dem Beschluss des Euro-Gipfels vom 21. Juli müssen aber noch die nationalen Parlamente zustimmen und das dürfte noch eine Weile dauern.

Wie reagieren die Märkte?

Am Montag sanken die Renditen zehnjähriger italienischer und spanischer Anleihen kräftig. Dadurch wird die Refinanzierung für Rom und Madrid wieder günstiger. Zuletzt waren die Renditen für zehnjährige Anleihen über die von Experten als kritisch angesehene Marke von sechs Prozent geklettert.

Warum wird die Übernahme von Staatsschulden als Tabubruch der EZB gesehen?

Ihre Unabhängigkeit von der Politik ist ein herausragendes Merkmal der europäischen Notenbank. Wenn die Währungshüter nun Geld drucken, um damit Staatsanleihen zu kaufen, verwischen sie diese eigentlich klare Trennung von Haushalts- und Geldpolitik. Es könne der Eindruck entstehen, die Notenbank reagiere auf Zuruf der Politik, sagte der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt der „Welt am Sonntag“. Denn die EZB finanziert im Endeffekt die Staatsschulden derjenigen, die mit ihrer allzu laxen Haushaltspolitik gegen den Stabilitätspakt verstoßen haben. Das könnte sich negativ auf die Disziplin der Haushaltspolitiker auswirken - auch in weiteren Ländern, befürchten Ökonomen. Die EZB weist das zurück. Sie wolle mit dem Programm nur die Wirkung ihrer Geldpolitik sicherstellen.

Was passiert wenn die EZB auf den Ramschpapieren sitzenbleibt?

Sollte tatsächlich einer der 17-Eurostaaten seine Schulden nicht mehr bedienen können, müssen die Gläubiger - also auch die Notenbanken - auf ihr Geld ganz oder teilweise verzichten. Die EZB müsste die Ramschanleihen als Verlust verbuchen und mit ihren Gewinnen verrechnen. Unter dem Strich könnte dann ein Minus stehen. Verluste und Gewinne der EZB entfallen nach einem bestimmten Schlüssel auf die nationalen Notenbanken. Die Bundesbank erhält wegen der Größe der deutschen Volkswirtschaft den größten Anteil der Gewinne aber auch möglicher Verluste. Für das Bundesfinanzministerium würde dies weniger Geld bedeuten, da die Bundesbank ihren Gewinn an Berlin überweist. „Kommt es ganz schlimm, könnten die Zentralbanken im Notfall aber auch einen Teil ihres Goldes verkaufen“, sagt Schubert.

Woher kommt das Geld für die Anleihekäufe ?

Die Währungshüter können unbegrenzt Geld drucken - auch, um Anleihen zu kaufen. Dadurch kann allerdings das Inflationsrisiko steigen.

Seit wann kauft die Notenbank Staatsanleihen?

Die Notenbank hat am 10. Mai 2010 beschlossen, auf unbestimmte Zeit und in nicht genannter Höhe Staatsanleihen zu kaufen. Damit reagierte sie mit einer historischen Kehrtwende auf die schwere Euro-Krise, die Griechenland damals erstmals an den Rand der Staatspleite gebracht hatte. Zuvor hatte sich die EZB immer strikt gegen einen solchen Schritt gewehrt. Dass die Notenbank indirekt die Schulden klammer Staaten finanzieren könnte, hatte bis dahin als Tabubruch gegolten. Zuletzt standen Bonds im Wert von mehr als 70 Milliarden Euro in den Büchern der EZB - aus Griechenland, Portugal und Irland.

Ist meine Lebensversicherung jetzt in Gefahr, wenn Aktienkurse fallen und Staatsanleihen, wie am Freitag in den USA passiert, unsicherer werden?

Nein. Die deutschen Lebensversicherer haben laut Verband GDV nur 3,2 Prozent ihrer Anlagen in Aktien angelegt. Der überwiegende Teil steht in Pfandbriefen, Anleihen oder Immobilien. Die leichte Herabstufung der USA durch eine Ratingagentur auf die nur noch zweitbeste Stufe setzt die Branche laut GDV-Sprecherin Daniela Röben nicht unter Druck: „Wir sehen darin keine Konsequenzen für die Kapitalanlagetätigkeit.“ Röben erinnert daran, dass die Versicherer ihre Anlagen in aller Regel sehr langfristig halten. Kurskapriolen an Aktienbörsen oder auch bei Staatsanleihen vermindern deshalb nicht unmittelbar die Summe, die am
Ende an die Versicherten geht. Die laufenden Überschüsse der Branche liegen zurzeit bei 4,1 Prozent. Garantiert ist ein Zins von 2,25 Prozent, ab Januar noch von 1,75 Prozent.

Wie werden sich die Preise für Alltagsprodukte entwickeln?

Obwohl die Notenbanken zuletzt viel frisches Geld in Umlauf gebracht haben, droht laut Expertenansicht keine schwere Inflation. „Die Geldpolitik wird weiter expansiv bleiben wird, es droht aber trotzdem keine drastische Preiserhöhung“, sagt HWWI-Ökonom Bräuninger. Wegen der Abschwächung der Konjunktur werden sich nach seiner Einschätzung höhere Preise nur noch schwer durchsetzen lassen.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Kalle

08.08.2011, 16:39 Uhr

Welches Jobwunder? Das hat es nie gegeben, denn hochqualifizierte sind ausgewandert und Zeitarbeiter in Leichtlohngruppen eingestellt worden. Jetzt kann die Wahrheit raus, da ein Schuldiger gefunden ist, die Finanzkrise!

MIRO

08.08.2011, 21:12 Uhr

Kann mich "Kalle " nur anschließen.Es ist an der Zeit mit
solchen dummen Sprüchen vom " Jobwunder - Turboaufschwung-
und anderen schwachsinnigen Formulierungenmaufzuhören.Wir Bürger sind es leid dauernd mit Sprüchen konfrontiert zu werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×