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04.11.2014

14:16 Uhr

Arte-Film

Zweifel am „heiligen Wachstum“

VonChristian Bartels

An unendliches Wachstum glauben nur Verrückte – und Wirtschaftswissenschaftler: Dieser These geht der Arte-Dokumentarfilm „Wachstum, was nun?“ nach und sucht Antworten zwischen Bhutan und dem bayerischen Chiemgau.

Ein Container-Terminal im Hafen von Hamburg: Der Arte-Film „Wachstum, was nun?“ kritisiert die Wachstumswut der Weltwirtschaft. dpa

Ein Container-Terminal im Hafen von Hamburg: Der Arte-Film „Wachstum, was nun?“ kritisiert die Wachstumswut der Weltwirtschaft.

BerlinDer deutsche Titel „Wachstum, was nun?“ (Dienstag, 4.11., 20.15 Uhr auf Arte) klingt etwas langweilig. Fast so, als bekäme der Bundeswirtschaftsminister im Hauptstadtstudio mal wieder Gelegenheit zu erläutern, wie er aktuell die Wirtschaft ankurbeln möchte. Im französischen Original heißt der Film „Sacrée Croissance!“ – „Heiliges Wachstum“ also, und macht mit Thesen, über die sich streiten lässt, ein großes Fass auf. Ist das so oft geforderte Wachstum noch sinnvoll?

Nein, findet die französische Regisseurin Marie-Monique Robin, bekannt vor allem durch ihren Dokumentarfilm „Monsanto, mit Gift und Genen“ (2008). Gewohnten Politiker-Aussagen stellt sie Thesen von wachstums-kritischen Ökonomen wie etwa Dennis Meadows entgegen. Der US-Amerikaner glaubt, dass die Zeiten von Wohlstandssteigerungen wie in den 1980-er und 1990-er Jahren „endgültig vorbei" seien. Der französische Ökonom Jean Gadrey referiert das Bonmot, dass an unendliches Wachstum in einer endlichen Welt bloß Verrückte und Wirtschaftswissenschaftler glauben würden.

Vor allem stellt Robin dann Beispiele für nicht an herrschenden Wachstumszielen orientierte Nahrungsmittel- und Energieerzeugung und Währungssysteme vor, und zwar jeweils in einem Staat der nördlichen und der südlichen Halbkugel: Im kanadischen Toronto erläutert der einst an der Wall Street für Hedge Fonds tätige freshcityfarms.com-Gründer sein Konzept urbaner Landwirtschaft. Im argentinischen Rosario hat sie gefilmt, in Dänemark und Nepal Formen nicht profitorientierter Energieerzeugung.

Diese Sequenzen erfordern Geduld. So zeigt Robin auch genossenschaftliche Versammlungen von Biogemüse-Stadtfarmern ausführlich. Während sympathische aber erwartbare Sätze fallen, überlegen Zuschauer unwillkürlich: Wie sinnvoll ist das Streben nach Unabhängigkeit von Importen? Sorgt nicht allein der Bevölkerungszuwachs in den Schwellenländern für Wachstum?

Doch die Stärke von Robins Film ist, dass er mit langem Atem große Bögen schlägt und tatsächlich weite Teile der Welt umspannt. Zur Hälfte des gut 90-minütigen Films kommt erstmals eine deutsche Stimme zu Wort. Auf einer Konferenz in Kathmandu fordert Olav Homeyer einen Technologie- und Geldtransfer in weniger entwickelte Länder, damit Europa und Nordafrika schon ab 2030 vollständig mit erneuerbarer Energie versorgt werden könnten. Dringend nötig sei das, da sonst unser Planet „ziemlich unbewohnbar“ würde.

Rob Hopkins plädiert dafür, „eine neue Ökonomie zu schaffen, die neben der alten existiert und diese irgendwann ersetzt“. Allein der Finanzmarkt erfordere permanentes Wachstum, sagen mehrere der Experten. Daher zeigt der Film in der zweiten Hälfte lokale, vom Finanzmarkt unabhängige Währungssysteme. Das Beispiel der Südhalbkugel ist ein brasilianisches. Während eine Laienspielgruppe ein eher schlichtes „Sozialdrama“ aufführt, um ihr Publikum zu überzeugen, lieber in der eigenen Umgebung einzukaufen als in der nächsten Stadt, teilt Regisseurin Robin den Bildschirm per Splitscreen und zeigt im anderen Fenster ihre Experten. Um den Absatz um jeden Preis zu steigern, seien die Werbung und die Verbraucherkredite entwickelt worden, sitzt Gadrey etwa zu.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

04.11.2014, 14:56 Uhr

Ist schon klar...weniger Wachstum mit mehr Schulden...Sozialistische Denke, wie diese im Buch steht.
Leistung darf sich nicht mehr lohnen damit sich jeder verschulden darf und vom Wohlstand und Fortschritt träumt. Genauso wie es die Genossen in der DDR gemacht haben.

Herr Michael Rensler

04.11.2014, 15:59 Uhr

1% Wirtschaftswachstum ohne Neuverschuldung sind heute leider nicht mehr wert als 1% Wachstum mit neuen Schulden.
Wenn wir uns nicht ganz dumm anstellen, dann hat in Zukunft jeder zu essen und arbeiten geht man nur noch zur Selbstverwirklichung.
Das klingt etwas sozialistisch, aber wie lange musste ich vor 500 Jahren für ein Brot arbeiten und wie lange heute? Die grundlegenden Dinge die wir zum Überleben brauchen haben sich tausende Jahre nicht geändert. Der reine Kapitalismus wird wohl nur noch für wenige interessant. Wonach wollen wir als nächstes Streben, wenn nicht nach Besitz?

Account gelöscht!

04.11.2014, 18:02 Uhr

@Michael Rensler
Der Strom und die Marktwirtschaft hat zu unseren Wohlstand beigetragen. Der Strom ersetzt die Arbeitskraft und gibt den Menschen mehr Freizeit. Nur wird gerade in EU-Deutschland mit der Energiewende per EEG Subventionsgesetz die Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt und der Strompreis zu Gunsten einiger EE-Abzocker immer weiter in die Höhe getrieben. Nicht nur der Strompreis geht durch das perfide und asoziale EEG in die Höhe, sondern die Stromversorgungssicherheit nimmt von Jahr zu Jahr ab in dem das EEG wirkt. Mangel und Armut werden die Folgen dieser Ethik-Merkel-Energiewende sein!

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