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27.12.2013

10:54 Uhr

Ausblick für 2014

Deutsche Wirtschaft erwartet Rekord beim Export

Die deutsche Wirtschaft rechnet für 2014 mit einem kräftigen Plus bei den Ausfuhren. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. Sie warnen vor den Folgen von hoher Verschuldung und Niedrigzinspolitik.

Aufwärtstrend

Blendende Aussichten für die Konjunktur 2014

Aufwärtstrend: Blendende Aussichten für die Konjunktur 2014

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Berlin/KielDie deutsche Wirtschaft rechnet im kommenden Jahr mit einem neuen Exportrekord. Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung (Freitagsausgabe) erwartet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) für 2014 einen Exportumsatz von 1,45 Billionen Euro. Dies wäre ein Plus von mehr als vier Prozent im Vergleich zu 2013. "Das sichert Jobs in Deutschland", sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben dem Blatt. Nach seinen Angaben arbeitet "jeder Dritte mittlerweile für den Export".

Die Entwicklung könnte der Debatte um den deutschen Exportüberschuss neue Nahrung geben. Vor kurzem hat das US-Finanzministerium in einem Bericht scharfe Kritik am deutschen Wirtschaftsmodel und der hohen Exportabhängigkeit geübt. Der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, hält diese Diskussion für unredlich. Ein Systemfehler besteht aus seiner Sicht darin, dass sich Länder mit hohen Schulden kurz- und mittelfristig einen unerschwinglichen Lebensstandard erlauben können. „Und dann will man das Problem lösen, indem Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit drosseln soll, damit sich andere erholen können.“

Deutschlands Exportüberschüsse

Seit wann erzielt Deutschland Exportüberschüsse?

Seit 1952. Nur in den ersten Nachkriegsjahren wurde mehr importiert als exportiert. 1950 gab es ein Handelsdefizit von umgerechnet 1,54 Milliarden Euro, das aber schon 1951 auf 76 Millionen Euro schrumpfte. Seither gibt es Überschüsse.

Mit welchen Ländern erzielt Deutschland Überschüsse?

Mit den meisten. Den größten Überschuss erzielt Deutschland im Handel mit Frankreich. Dorthin wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 39,7 Milliarden Euro mehr exportiert als von dort eingeführt. Auf Rang zwei folgen die USA mit (36,3 Milliarden Euro) und Großbritannien (28,6 Milliarden Euro). Das größte Defizit macht Deutschland im Handel mit dem ölreichen Norwegen (-17,7 Milliarden Euro), gefolgt von den Niederlanden (-15,6 Milliarden) und China (-10,7 Milliarden.)

Wie hoch ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss?

In den ersten acht Monaten 2013 wurden Waren im Wert von 726 Milliarden Euro ausgeführt, aber nur im Wert von 599 Milliarden Euro importiert. Das ergibt einen Exportüberschuss von 127 Milliarden Euro. In die Leistungsbilanz fließen zudem der Austausch von Dienstleistungen mit dem Ausland ein, aber beispielsweise auch Entwicklungshilfe und Vermögenseinkommen. Von Januar bis August summierte sich der Leitungsbilanzüberschuss damit auf rund 115 Milliarden Euro.

Welche Länder haben einen höheren Exportüberschuss?

Derzeit kein anderes, nicht einmal Exportweltmeister China. 2012 lag der deutsche Überschuss mit umgerechnet 238 Milliarden US-Dollar sowohl über dem von China (193 Mrd) als auch dem des ölreichen Saudi-Arabien (165 Mrd). Mit der Erholung der Weltkonjunktur dürfte sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in diesem Jahr auf die 200-Milliarden-Euro-Marke zubewegen, prognostiziert das Münchner Ifo-Institut. Das wäre ein Rekord.

Warum werden die Überschüsse kritisiert?

Die USA, aber auch der Internationale Währungsfonds zählen sie zu den großen Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft, die für die globale Finanz- und die Schuldenkrise in Europa mitverantwortlich sind. Denn Ländern mit Exportüberschüssen stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Die EU-Kommission stuft einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Mahnverfahren, an dessen Ende ein Bußgeld stehen könnte. Im ersten Halbjahr lag der deutsche Überschuss bei 7,2 Prozent.

Was kann dagegen getan werden?

Der IWF und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern seit längerem von Deutschland, mehr für die Binnennachfrage zu tun, um die Unwucht zu beheben. Höhere Importe schmelzen nicht nur den deutschen Überschuss, sondern erhöhen die Exporte anderer Länder – die damit ihre Defizite verringern können. Ein Schlüssel dazu können stärkere Lohnerhöhungen sein. „Das stimuliert die Binnennachfrage, wodurch mehr importiert und der Außenhandel wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht wird“, sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn. Steigen die Löhne hierzulande, werden deutsche Produkte teurer – womit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit etwa der Euro-Länder steigen würde und dort den Export ankurbeln könnte.

Was sagt die Wirtschaft?

Sie argumentiert ganz anders. Der deutsche Erfolg helfe den Krisenländern. Ihr Argument: Deutsche Exporte bestehen zu rund 40 Prozent aus zuvor importieren Vorprodukten, sagt etwa der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Somit profitiere auch das Ausland. Zudem steigen die deutschen Importe wegen des anziehenden Konsums bereits: Die führenden Wirtschaftsinstitute erwarten sowohl für dieses als auch das kommende Jahr ein höheres Importtempo.

Wird Deutschland immer Überschüsse erzielen?

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bezweifelt das. Ab 2028 erwartet es keine Exportüberschüsse mehr in Deutschland. Wenige Jahre später sollen Leistungsbilanzdefizite folgen. „Die Ursache dieser Entwicklung ist der demografische Wandel, die Schrumpfung und Alterung der deutschen Bevölkerung“, heißt es in der Studie. Weil es in wenigen Jahren schon weniger Erwerbstätige geben werde, könne auch weniger exportiert werden. Gleichzeitig müsse der Konsum der Älteren durch höhere Importe gedeckt werden.

Das sei nicht plausibel, sagte Snower zu Kritik am deutschen Exportüberschuss. „Besser wäre, den Systemfehler anzugehen und transparente Insolvenzkriterien für Länder einzuführen: „Ein Land, das bei Einhaltung seiner Fiskalregel pro Kopf nicht wächst, ist meines Erachtens insolvent.“ Ihm könnte die EZB kein Geld borgen; es müsste seine Finanz- und Realwirtschaft restrukturieren.

Der Ökonom sieht 2014 große Risiken für die internationale Konjunktur. „Das liegt zum einen daran, dass die Geldpolitik extrem expansiv ist“, sagte Snower der Deutschen Presse-Agentur. „Und wir haben die Möglichkeit einer weiteren Finanzkrise nicht gebannt, weil wir die Anreize bei den systemrelevanten Finanzinstitutionen nicht geändert haben.“ Diese könnten weiter in guten Zeiten Gewinne einstreichen und sich in schlechten darauf verlassen, dass der Steuerzahler sie rettet. Wegen der hohen Verschuldung könne das System zusammenbrechen.

„Zudem haben wir das Problem der finanziellen Monokultur“, sagte Snower. Viele Finanzinstitutionen machten mehr oder weniger dasselbe. „Die Fragilität des Systems hat nicht nur damit zu tun, dass Unternehmen too big to fail sind. Es gibt auch Unternehmen, die too common to fail sind.“ Wenn jeder dasselbe mache, könne es einen Einbruch geben, wenn die Geschäfte nicht nachhaltig genug aufgestellt sind, erläuterte der IfW-Präsident.

Kommentare (4)

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john

27.12.2013, 13:08 Uhr

na, dass ist ja toll. Wo wir doch nur noch an target 2 544 Mrd aussenstände haben, lohnt sich das doch weiterhin.

popper

27.12.2013, 13:25 Uhr

Das Prinzip Münchhausen dient als Amüsement, aber nicht zur Realitätsbeschreibung dessen, was mit Deutschland und seinen Arbeitnehmern, Rentnern und Sozialtransferempfängern tatsächlich passiert. Die Deutschen werden von ihren Eliten und deren Mietmäulern besoffen gemacht, um ja nicht das Kind beim Namen nennen zu müssen. Die Exportüberschüsse der letzten 10 Jahre sind kein gesamtwirtschaftlicher Erfolg, sondern eine Fata Morgana der Unternehmerverbände und des Mainstreams. Dass trotz bzw. wegen dieser Exportüberschüsse und dadurch erheblicher Handelsbilanzungleichgewichte Europa zum Armenhaus der entwickelten Volkswirtschaften heruntergewirtschaftet wird, lassen unsere einäugigen Betriebswirtschaftler nicht gelten. Herr Wansleben ist völlig unfähig oder will bewusst die makroökonomischen Zusammenhänge nicht kennen. Denn aus der "Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung" (VGR) ist klar ersichtlich, dass wir die Schulden des Auslandes missbrauchen, um "den Deutschen" vorzugaukeln, wir täten das Richtige. Im eigenen Land dagegen steigen Armut und prekäre Beschäftigung. Deutsche Politiker und Unternehmerverbände glauben Wettbewerbsfähigkeit sei ein absoluter Begriff dessen Erreichbarkeit nicht eine Frage ausgeglichener Handelsbilanzen, sondern für alle gleichermaßen durch Kostenreduktion auf der Angebotsseite erreichbar. Dass dieses schon aus logischen Gründen nicht möglich ist zeigt ein Blick auf die saldenmechanische Seite drer Makroökonomie. Diese besagt aus logisch-mathematischen Gründen, dass in einer Volkswirtschaft die Gewinne des einen immer die Verluste des anderen sind. Und die bessere Wettbewerbsfähigkeit des einen immer die schlechteren Wettbewerbsfähigkeit des anderen. Das ist kein ökonomisches Modell aus dem man das ableitet, sondern buchungstechnische Logik. Da muss man nicht für Friedman und gegen Keynes oder umgekehrt sein. Allein diese einfachen Zusammenhänge der VWL begreifen unsere Wirtschaftsführer und Verbandsschranzen nicht. Armes Deutschland.

Account gelöscht!

27.12.2013, 13:31 Uhr

"Ohne die Niedrigzinspolitik wird Europa nicht aus der aktuelle 30 MILLIONEN EU-ARBEITSLOSE heraus kommen."

Falsch, MIT diesem Zinssystem wird niemand mehr aus diese Falle rauskommen.
Das liegt im System, irgendwann machts wusch, und das "Vertrauen" ist dahin. Das ist seit Jahrtausenden so, und wird sich auch nicht ändern.
Auch in Systemen, in denen es keine Zinsen gibt, ist irgendwann Essig mit automatischer Vermehrung.
Wird Zeit das die tollen "Starökonomen" und "Top-Ökonomen" sich auch der Globalisierung stellen, denn es ist ein globales, sich selbst immer wieder an die Grenze führendes, System.
Nur die Grenzen sind noch nicht wirklich bekannt. Schlauer und intelligenter wäre es tatsächlich diese zu definieren, bevor es zu Völkerwanderungen kommt, die kein Mensch, keine Regierung und keine Überwachung mehr kontrollieren kann.
Aber selbst dazu ist dieses System zu blöd. Es definiert sich über Geld, statt über den Menschen, die Völker, die Staaten und dem friedlichen Zusammenleben.
Wäre es anders rum, gäbe es keine eingestürzten Fabriken, keine verhunderten Arbeiter und auch keine unnötigen Wanderungen mit Tod und Verelendung zum Geld.
So einem System vertrauen 7 Millarden Menschen?
Die Erde "hat" wirklich "homo sapiens". Der größte und gefährlichste Virus für diesen Planeten.

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