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22.02.2012

15:08 Uhr

Beispiel Estland

Kann Lohnflexibilität eine Abwertung ersetzen?

VonNorbert Häring

Estland hat sein zehn Jahren einen festen Wechselkurs zum Euro. Die Folge: Löhne und Preise schwanken stark. Doch die Wertschöpfung ist doppelt so hoch wie in Griechenland.

Die estnische Hauptstadt Tallin. Innerhalb von zwei Jahren stieg die Arbeitslosenquote auf fünfzehn Prozent, um dann wieder auf sieben Prozent zu sinken. dapd

Die estnische Hauptstadt Tallin. Innerhalb von zwei Jahren stieg die Arbeitslosenquote auf fünfzehn Prozent, um dann wieder auf sieben Prozent zu sinken.

Das estnische Beispiel ist tatsächlich lehrreich. Nicht erst seit dem Beitritt zum Euro-Raum 2011, sondern schon seit 10 Jahren hat Estland einen festen Wechselkurs zum Euro. Preise, Löhne und Beschäftigung sind sehr flexibel und schwanken mit der Nachfrage in den Hauptabnehmerregionen Euro-Raum und Skandinavien. Das Geschäftsmodell Estlands liegt darin, mit niedrigen Löhnen und Steuern industrielle Fertigung anzuziehen. Entsprechend ist der Industrieanteil an der Wertschöpfung so hoch wie in Deutschland und mehr als doppelt so hoch wie in Griechenland.

Der estnische Mindestlohn von 278 Euro wird in der EU nur von Rumänien, Litauen und Bulgarien unterboten. Um mit Estland und anderen mittelosteuropäischen Ländern als Produktionsstandort für ausgelagerte industrielle Fertigung zu konkurrieren, müsste Griechenland sein Einkommensniveau noch beträchtlich senken. Während Griechenlands Wirtschaft seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise beständig schrumpft, hat Estlands Bevölkerung eine wirtschaftliche Achterbahnfahrt hinter und vielleicht auch vor sich.

Die überhitzte Wirtschaft, die einen hohen Einfuhrüberschuss aufwies, kam im Winter 2008/2009 fast zum Stillstand. Die Importe halbierten sich innerhalb von drei Monaten beinahe. Das Bruttoinlandsprodukt lag im dritten Quartal 2009 um fast 20 Prozent unter dem Vorjahreswert, die Arbeitslosenquote verfünffachte sich auf knapp 15 Prozent. Dann ging es wieder aufwärts. Die Wirtschaftsleistung liegt zwar noch weit unter dem aufgeblähten Niveau von 2008, aber mit einem hohen Wachstum im Jahr 2011 steckt die Wirtschaft, anders als Griechenland, eindeutig nicht in einer Abwärtsspirale.

Sie profitiert von der guten Wirtschaftsentwicklung in Deutschland und in den nordischen Ländern. Die Arbeitslosigkeit sank auf etwas über sieben Prozent, mit zuletzt wieder steigender Tendenz. Nun droht allerdings eine neuerliche Rezession. Im vierten Quartal sank die Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent.

Eine Kehrseite der Niedriglohnstrategie, die auch Griechenland unfreiwillig immer mehr zu spüren bekommt, ist die massive Abwanderung, vor allem der qualifizierteren Kräfte. Seit Beginn der 1990er-Jahre ist die Bevölkerung Estlands von 1,57 Millionen auf 1,34 Millionen gesunken, ein Rückgang von 15 Prozent.

Resümee: Für ein Land auf dem Einkommensniveau eines Entwicklungslandes war die estnische Strategie hart aber erfolgversprechend. Wenn Griechenland auf diese Strategie umschwenken muss, ist das ein tiefer Abstieg.

Kommentare (1)

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Tallinn

23.02.2012, 08:42 Uhr

In der Bild-Unterschrift sollte es richtig Tallinn - mit nn - heißen. Tallin hieß die Stadt in der Sowjetzeit.
HDH

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