Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.03.2006

13:24 Uhr

Binnennachfrage

Die Niederlande finden den Weg aus der wirtschaftlichen Talsohle

VonRuth Reichstein

Mit der niederländischen Wirtschaft geht es bergauf. Das geht aus dem jährlichen Konjunkturbericht hervor, den das niederländische „Institut für wirtschaftspolitische Analysen“ (CPB) jetzt in Den Haag vorgestellt hat. „Wir haben die Talsohle durchschritten. Jetzt warten wieder einige gute Jahre auf uns“, sagt CPB-Ökonom Johan Verbruggen.

HB DEN HAAG. Das gilt für das Wirtschaftswachstum genauso wie für den Arbeitsmarkt. Erste Vorboten sind die sich seit vergangenen Herbst verbessernden Vertrauensindikatoren sowohl in der Wirtschaft als auch bei den Verbrauchern. Sie sind im März auf neue Höchststände seit vier bzw. fünf Jahren gestiegen.

Die Prognosen sprechen für sich: Die niederländische Wirtschaft wird nach Ansicht des CPB in diesem Jahr um 2,75 Prozent, im kommenden Jahr sogar um drei Prozent wachsen. Die EU-Kommission prognostiziert bislang dagegen nur zwei und 2,4 Prozent Wachstum. Nach der CPB-Vorhersage lägen die Niederlande ab 2006 deutlich über dem EU-Durchschnitt von 2,25 Prozent und würden das höchste Wachstum seit dem Boomjahr 2000 erreichen. Noch im ersten Quartal 2005 gehörten die Niederlande mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,1 Prozent zu den Schlusslichtern der Euro-Zone.

Parallel zum Wachstum erwartet das Den Haager Institut einen Rückgang der Arbeitslosigkeit von derzeit 6,7 auf fünf Prozent im kommenden Jahr. In den vergangenen drei Jahren waren kontinuierlich Jobs verloren gegangen. Verbruggen spricht deshalb von einem „Umschwung“.

Dafür gibt es viele Gründe, meinen die CPB-Experten. Am wichtigsten für die Exportnation Niederlande sei die Erholung der Weltwirtschaft. 2005 führten die holländischen Unternehmen Waren im Wert von 218 Mrd. Euro aus. Das entspricht knapp der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. Zum ersten Mal seit sechs Jahren wächst der Export wieder – bis Ende 2007 soll er sogar doppelt so hoch sein wie jetzt. Dabei handelt es sich vor allem um chemische und landwirtschaftliche Produkte. Mehr als die Hälfte des Exports betreffen aber Waren, die zuvor über die Häfen von Amsterdam und Rotterdam ins Land eingeführt worden sind und lediglich von niederländischen Logistik-Unternehmen weiter transportiert werden.

„Der Export ist der Hauptfaktor für unser Wirtschaftswachstum, aber zum ersten Mal seit langem geht es auch mit dem inländischen Konsum wieder aufwärts“, sagt Verbruggen. Nach der jüngsten Umfrage nimmt die Bereitschaft der privaten Haushalte zu, die Konsumausgaben zu steigern. Zudem wird der Staat spendabler, weil die Defizitquote endlich wieder die Kriterien des europäischen Stabilitätspaktes erfüllt. In den vergangenen Jahren hatte die Den Haager Regierung einerseits weniger Geld ausgegeben, andererseits aber auch die Steuern erhöht. „Das ist jetzt vorbei“, meint Verbruggen. Gleichzeitig machen die Unternehmen mehr Gewinn und steigern ihre Produktivität. Das dürfte sich positiv bei den Investitionen niederschlagen – das CPB rechnet mit acht Prozent Plus in diesem Jahr.

Unterstützt wird die Entwicklung durch weiterhin moderate Lohnabschlüsse. Seit den 80er-Jahren werden sie im Einvernehmen mit Unternehmern, Gewerkschaften und der Regierung festgelegt (Poldermodell). Dabei gilt der Grundsatz: Arbeitsplatzerhalt gegen geringe Lohnforderungen. Daran haben sich die Sozialpartner auch in den vergangenen Jahren – trotz Schwierigkeiten – gehalten. 2005 stiegen die Löhne gerade mal um 0,8 Prozent, weniger stark als die Inflation und so gering wie seit den 80er-Jahren nicht mehr. „Damit können die Niederlande ihre Wettbewerbsposition im Export weiter verbessern“, sagt Ökonom Verbruggen. In diesem Jahr sollen die Löhne um 1,5 Prozent steigen.

Premierminister Jan Peter Balkenende kann sich über diese Entwicklung nur freuen. Denn die Wähler werden ihn bei den Parlamentswahlen im kommenden Frühjahr vor allem nach der wirtschaftlichen Situation im Land beurteilen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×