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17.06.2014

10:24 Uhr

BIP-Neuberechnung

Sex, Koks und Waffen machen uns reicher

VonAndrea Wörle

Von September an wird das Bruttoinlandsprodukt europaweit neu berechnet. Auch illegale Aktivitäten wie Drogenhandel und Prostitution fließen dann mit ein. Das könnte auch die Schuldenquote der EU-Staaten beeinflussen.

Geld aus dem Rotlichtmilieu: Auch Einnahmen aus der Prostitution drücken künftig die Schuldenquoten. Getty Images

Geld aus dem Rotlichtmilieu: Auch Einnahmen aus der Prostitution drücken künftig die Schuldenquoten.

DüsseldorfDie Welt ist dieselbe, doch mit größeren Zahlen sieht sie gleich viel schöner aus. Von September 2014 an muss eine neue europäische Richtlinie, genauer das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG) 2010, umgesetzt werden.

Konkret werden Konzepte und Methoden, anhand derer die verschiedenen Wirtschaftsgrößen errechnet werden, aktualisiert. Bald zählen deshalb auch die Einnahmen aus Sex, Drogen und Schmuggelgeschäften zur nationalen Wertschöpfung. Manche EU-Staaten erhoffen sich dadurch erhebliche Steigerungen ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Während es bei den meisten Wirtschaftssektoren genügend Datenmaterial gibt, werden andere – wie eben die illegalen Aktivitäten – schlichtweg geschätzt. Für die Erfassung der geschmuggelten Zigaretten wird sprichwörtlich im Müll gewühlt: Der Deutsche Zigarettenverband sammelt monatlich mehr als 12.000 Zigarettenschachteln aus dem Abfall ein und analysiert ihre Steuerzeichen. Damit will der Verband herausfinden, wie viele Zigaretten in Deutschland geraucht werden, ohne dass sie hier versteuert wurden. Die Bundesstatistiker bedienen sich dieser Studie.

Der nationale Drogenkonsum und damit einhergehend die Produktion von Marihuana, Heroin, Kokain und anderer chemischer Suchtstoffe wird mithilfe des Epidemiologischen Suchtsurveys geschätzt. Diese Konsum-Mengen werden dann mit den handelsüblichen Straßenpreisen, welche das Bundeskriminalamt sammelt, hochgerechnet.

Prostitution darf seit 2002 in Deutschland zwar legal ausgeübt werden. Da sie in fast allen anderen EU-Staaten jedoch verboten ist, gehört das angeblich „älteste Gewerbe der Welt“ dennoch zu den illegalen Aktivitäten. Um herauszufinden, wie viel Geld tatsächlich mit käuflichem Sex verdient wird, bedienen sich die Statistiker anderer Schätzungen. So geht die Gewerkschaft Verdi etwa davon aus, dass in Deutschland rund 400.000 Prostituierte (darunter 20.000 Männer) gut 14,5 Milliarden Euro erwirtschaften.

Kommentare (27)

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17.06.2014, 10:46 Uhr

Was bei der Berechnung der Inflation und der Arbeitslostenquote schon lange gilt, kann doch auch für die Berechnung des BIP nicht verkehrt sein.
Wenn einem eine Zahl nicht passt, vielleicht weil sie die eigene Leistung der Regierung schmälert, ziehen wir einfach neue Kriterien ein und verschieben das Ergebnis zu unseren Gunsten.
Man kann getrost davon ausgehen, dass die Zentralbank, die Geschäftsbanken, große Kapitalsammel- und verwaltungsstellen, Großunternehmen und die Politik trotz neuer Kriterien das wahre BIP nicht aus den Augen verlieren werden. Für wen also ist dieses neue, angepasste, nette, BIP ?
Soll ich mein Geld nun in Griechenlandanleihen stecken weil durch Drogenhandel, Geldwäsche, Kokainhandel, etc. deren Schuldenstand gemessen am BIP von 170 Prozent auf 120 Prozent sinkt ?
Ich glaube doch nicht.

Account gelöscht!

17.06.2014, 11:00 Uhr

Eine Einbeziehung der zuvor nochmals erhöhten Diäten unserer Abgeordenten als Investitionsausgaben, würde unserem BIP nochmal einen weiteren Boost geben. Leute, es geht aufwärts!

Account gelöscht!

17.06.2014, 11:02 Uhr

Verzweifelte Manöver mit dem Ziel das verarschte Volk noch einige Zeit in Sicherheit zu wiegen.

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