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12.05.2017

08:51 Uhr

BIP wächst um 0,6 Prozent

„Aufschwung ohne Ende“

Die deutsche Wirtschaft beschleunigt ihr Wachstum: Höhere Investitionen, steigende Konsumausgaben und mehr Exporte trieben das Bruttoinlandsprodukt zwischen Januar und März um 0,6 Prozent zum Vorquartal in die Höhe.

Auf Shopping-Tour: Auch die Konsumfreude der Deutschen lässt nicht nach. dpa

Geld sitzt locker

Auf Shopping-Tour: Auch die Konsumfreude der Deutschen lässt nicht nach.

WiesbadenDeutschlands Wirtschaft brummt: Ihr Wachstum hat sich im ersten Quartal trotz außenpolitischer Risiken beschleunigt. Höhere Investitionen, steigende Konsumausgaben und mehr Exporte ließen das Bruttoinlandsprodukt zwischen Januar und März um 0,6 Prozent zum Vorquartal zunehmen. Das ist der größte Zuwachs seit einem Jahr, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit diesem Ergebnis gerechnet. Im vierten Quartal 2016 war das Plus mit 0,4 Prozent kleiner ausgefallen. „Die deutsche Wirtschaft ist weiter auf Wachstumskurs“, erklärten die Statistiker. Sie trotzte damit der Unsicherheit nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump und dem näher rückenden EU-Austritt Großbritanniens.

Impulse kamen zu Jahresbeginn sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland. „Die Investitionen legten kräftig zu“, betonte das Statistikamt. Sowohl in Bauten als auch in Ausrüstungen wie Maschinen sei „deutlich mehr“ gesteckt worden, wozu niedrige Zinsen beigetragen haben dürften. Auch Verbraucher und Staat gaben etwa mehr aus. Da die steigende Inflation an der Kaufkraft der Konsumenten nagt, dürfte das Geld bei ihnen nicht mehr ganz so locker gesessen haben wie zuletzt. Wegen der besseren Weltkonjunktur wuchsen die Exporte stärker als die Importe, was ebenfalls die Konjunktur anschob. Wichtige Kunden wie die Euro- und große Schwellenländer befinden sich derzeit im Aufwind. Details will das Statistikamt am 23. Mai nennen.

Ökonomen zum Wachstum der deutschen Wirtschaft

Martin Wansleben (DIHK-Hauptgeschäftsführer)

„Das ist der erhoffte Jahresstart. Mit dem recht kräftigen Wachstum von 0,6 Prozent erfüllen sich die positiven Geschäftserwartungen der Unternehmen zu Jahresbeginn. Dabei sind allerdings einige Sonderfaktoren zusammengekommen. Die Wirtschaft profitiert weiterhin von einem Doping durch niedrige Zinsen, günstiges Öl und einen exportfördernden Wechselkurs. Die zahlreichen globalen Unwägbarkeiten bremsen das Wachstum bisher kaum, so dass sich die Weltkonjunktur und die deutschen Exporte erholen konnten. Auch die Investitionen haben sich berappelt. Die Unternehmen steigern ihre Ausgaben für Maschinen und Anlagen, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, international wettbewerbsfähig zu bleiben und Innovationen voranzutreiben.“

Jörg Zeuner (KfW)

„Deutschland legt einen konjunkturellen Blitzstart hin: Die Wirtschaft wächst zu Beginn von 2017 in amerikanischer Manier auf das Jahr hochgerechnet mit fast zweieinhalb Prozent - und damit gut einen Prozentpunkt schneller als im langfristigen Trend. Besonders freut mich, dass die Investitionen klar aufwärtsgerichtet sind. Die Unternehmer fassen offenbar wieder mehr Vertrauen in die Zukunft. Das sind gute Nachrichten für den weiteren Jahresverlauf, genauso wie das breite Wachstum in Europa und der anhaltende Rückzug politischer Risiken nach den Wahlen in Frankreich. Unsere Konjunkturprognose von bisher noch 1,4 Prozent für das Gesamtjahr 2017 dürfte bei diesem Tempo übertroffen werden.“

Ulrike Kastens (Sal. Oppenheim)

„Positiv ist vor allem die stabile Binnennachfrage, und das Anspringen der Ausrüstungsinvestitionen. Angesichts der wirtschaftspolitischen Unsicherheit stehen aber Fragezeichen dahinter, ob dies dauerhaft sein kann. Dennoch: Stimmungsindikatoren deuten auch für die kommenden Monate auf ein anhaltendes Wachstum hin. Konsum, Bau und auch der Außenhandel, der von der Belebung der Weltkonjunktur profitiert, laufen weiter. Es wird ein gutes Jahr für die deutsche Wirtschaft.“

Thomas Gitzel (VP Bank Liechtenstein)

„Die deutsche Volkswirtschaft startete mit Elan in das Jahr 2017. Die frohe Botschaft ist: Die Wachstumszusammensetzung ändert sich. Während im vergangenen Jahr vor allem der private Konsum und die Staatsausgaben das Wachstum anschoben, spielen nun die Exporte und die Investitionen eine wichtigere Rolle. Das ist gut so. Die Unternehmen kommen in Investitionslaune. Niedrige Zinsen, die Notwendigkeit zur Digitalisierung, eine gute Liquiditätssituation und volle Auftragsbücher lassen die Unternehmen munter werden. Die Hoffnung wächst, dass es zu einem sich selbst verstärkenden Aufschwung kommt.“

Alexander Krüger (Bankhaus Lampe)

„Aufschwung ohne Ende in Deutschland. Den BIP-Zuwachs von 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal hatten die monatlichen Konjunkturdaten bereits vorweg genommen. Und das trotz aller Risiken. Dass der Aufschwung von allen Seiten positive Impulse bekommen hat, zeigt, dass er auf einem breiten Fundament steht. Festzuhalten bleibt aber, dass die Konjunktur ohne das für Deutschland unangemessen tiefe Zinsniveau weniger brummen würde. Da sich daran vorerst jedoch nichts ändern wird, dürften die Lobeshymnen auf den deutschen Aufschwung anhalten.“

„Das ist der erhoffte Jahresstart“, kommentierte DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben. „Mit dem recht kräftigen Wachstum von 0,6% erfüllen sich die positiven Geschäftserwartungen der Unternehmen zu Jahresbeginn. Dabei sind allerdings einige Sonderfaktoren zusammengekommen. Die Wirtschaft profitiert weiterhin von einem Doping durch niedrige Zinsen, günstiges Öl und einen exportfördernden Wechselkurs. Die zahlreichen globalen Unwägbarkeiten bremsen das Wachstum bisher kaum, so dass sich die Weltkonjunktur und die deutschen Exporte erholen konnten.“

Chefvolkswirt Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe sprach von einem „Aufschwung ohne Ende“. „Dass er von allen Seiten positive Impulse bekommen hat, zeigt, dass er auf einem breiten Fundament steht“, sagte Krüger. Allerdings würde die Konjunktur ohne das für Deutschland unangemessen tiefe Zinsniveau weniger brummen. „Da sich daran vorerst jedoch nichts ändern wird, dürften die Lobeshymnen auf den deutschen Aufschwung anhalten“, sagte Krüger. „Das Wachstum ist jetzt breiter abgestützt, was eine äußerst erfreuliche Nachricht ist“, sagte der Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, Thomas Gitzel. „Die Hoffnung steigt, dass es zu einem sich selbstverstärkenden Aufschwung kommt.“

Chancen und Risiken für die deutsche Konjunktur

Chance "Eurokurs"

Vom vergleichsweise schwachen Euro profitieren vor allem exportorientierte Unternehmen. Waren „Made in Germany“ werden dadurch außerhalb des Euroraums billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Zudem steigen bei Umrechnung in Euro die im Ausland erzielten Erlöse.

Chance "Binnenwirtschaft"

Angetrieben wird Europas größte Volkswirtschaft seit geraumer Zeit vor allem von der starken Nachfrage im Inland. Weil Sparbuch und Co. wegen der Zinsflaute kaum noch etwas abwerfen, sitzt vielen Verbrauchern das Geld locker. Zudem ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt historisch günstig. Im April sank die Zahl der Erwerbslosen auf den niedrigsten Stand in diesem Monat seit 1991. Manche Unternehmen suchen inzwischen händeringend Mitarbeiter. Ökonomen erwarten, dass vor allem Konsum und Bauinvestitionen die Konjunktur im Gesamtjahr auf Wachstumskurs halten werden.

Chance "Niedrigzinsen"

Die Zinsflaute beflügelt die Baubranche. Verbraucher nutzen die günstigen Finanzierungsbedingungen, um den Traum von den eigenen vier Wänden zu verwirklichen - auch wenn die Preise vor allem in Ballungsräumen kräftig angezogen haben. „Die Erschwinglichkeit von Wohneigentum ist aufgrund zunehmender Einkommen und rekordniedriger Zinsen trotz der gestiegenen Immobilienpreise noch immer für viele gegeben“, argumentieren Helaba-Ökonomen. Zugleich investieren Anleger mangels lukrativer Alternativen verstärkt in Immobilien.

Chance "Weltwirtschaft"

Der Exportweltmeister Deutschland profitiert von der Erholung der globalen Konjunktur. Im März kletterten die deutschen Ausfuhren auf den höchsten Monatswert seit 1950. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in diesem Jahr mit einem weltweiten Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent nach 3,1 Prozent 2016. „Frühling liegt in der Luft und Frühling wird es auch in der Wirtschaft“, zeigte sich IWF-Chefin Christine Lagarde vor kurzem zuversichtlich.

Risiko "Inflation"

Steigende Verbraucherpreise können die Konsumlust der Bundesbürger dämpfen. Im Ferienmonat April zog die Inflation getrieben von höheren Preisen für Energie und Urlaubsreisen nach ersten Zahlen auf 2,0 Prozent an. Ökonomen rechnen allerdings damit, dass sich die Teuerung wieder abschwächen wird. „Das Hoch bei den deutschen Inflationsraten dürften wir vorerst gesehen haben“, sagte DZ-Bank-Volkswirt Michael Holstein jüngst voraus.

Risiko "Zinswende"

Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen erhöhen, könnte das die Konjunkturerholung abwürgen, denn Kredite für Verbraucher und Unternehmen würden dann teurer. Europas Währungshüter machten zuletzt jedoch keine Anstalten, ihre ultralockere Geldpolitik zu ändern. Aus Sorge vor einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und schrumpfender Wirtschaft (Deflation) flutet die EZB die Märkte mit Geld. Zwar seien Deflationsgefahren fast verschwunden, die Preisentwicklung brauche aber weiterhin Unterstützung durch die Geldpolitik, bekräftigte EZB-Präsident Mario Draghi.

Risiko "Protektionismus"

Sorgen bereiten Ökonomen Abschottungstendenzen wichtiger Märkte - insbesondere der USA unter Präsident Donald Trump. Zwar ist nach Commerzbank-Einschätzung das Risiko eines Handelskrieges gesunken. Dies heiße aber nicht, „dass Trump sich von seinem zugkräftigsten Wahlkampfthema, dem Protektionismus, verabschiedet hat“. Die Welthandelsorganisation (WTO) warnt, die Unsicherheit über die Handelspolitik der großen Wirtschaftsmächte könnte die Erholung des Welthandels gefährden: „Unsicherheit friert Investitionen und Produktion ein“, erklärte WTO-Generaldirektor Roberto Azevêdo.

Risiko "Politische Krisen"

Die Folgen des geplanten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union (Brexit) sind noch nicht absehbar. Im vergangenen Jahr war das Vereinigte Königreich mit gut 12 Prozent Anteil nach Frankreich (14,3 Prozent) der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Exporteure innerhalb der EU. In Frankreich indes setzte sich zwar der sozialliberale Emmanuel Macron in der Präsidentschaftswahl gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen durch. Ob der pro-europäische Politiker bei der Parlamentswahl im Juni eine ausreichende Mehrheit für seine Reformpolitik bekommt, ist jedoch fraglich.

Risiko "Exportstärke"

Europas größte Volkswirtschaft verkauft seit Jahren deutlich mehr Waren ins Ausland als von dort eingeführt werden. Das ist vor allem US-Präsident Trump ein Dorn im Auge. Er drohte bereits mit Strafzöllen. Sein Finanzminister Steven Mnuchin forderte auf der IWF-Frühjahrstagung Ende April Berlin unmissverständlich auf, die Exportüberschüsse abzubauen. Auch die EU-Kommission, der IWF und Frankreichs künftiger Präsident Macron kritisieren den hohen Handelsüberschuss.

Deutschland wächst damit schneller als die beiden anderen großen Volkswirtschaften der Euro-Zone: Frankreich schaffte nur ein Plus von 0,3 Prozent zum Jahresauftakt, für Italien dürfte es nach Prognose der dortigen Notenbank sogar nur zu 0,2 Prozent reichen. Die Euro-Zone insgesamt erzielte 0,5 Prozent. Für dieses Jahr rechnet die EU-Kommission mit einem Wachstum in Deutschland von 1,6 Prozent. 2016 waren es noch 1,9 Prozent – allerdings zählte das vorige Jahr auch drei Arbeitstage mehr. „Es wird ein gutes Jahr für die deutsche Wirtschaft“, erwartet Ökonomin Ulrike Kastens von Sal. Oppenheim.

Kommentare (9)

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Herr Thomas Behrends

12.05.2017, 08:53 Uhr

Was bringt denn dem einzelnen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlenden Staatsbürger die Information, dass das BIP im ersten Quartal 2017 um 0,6 Prozent im Verhältnis zum Vorquartal gestiegen sein soll.

Diese statistischen Werte sind ohnehin mit Vorsicht zu genießen und bringen uns auch keine zusätzliche Sicherheit.

Als Buchhalter kann ich hierzu nur sagen: Sie können noch so viele Buchumsätze produzieren wie Sie lustig sind. Wenn hinter diesen Umsätzen (im Zusammenspiel mit Forderungen aus Lieferungen und Leistungen) kein Zahlungseingang (= Ausgleich Ihrer Forderungen) zu verzeichnen ist (= säumige Schuldner), so können Sie die Erhöhung des BIP gleich vergessen.

Diese Superlativen in der Wirtschaft widern mich mittlerweile an.

Herr Peter Spiegel

12.05.2017, 09:04 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

G. Nampf

12.05.2017, 09:08 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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