Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.08.2011

14:52 Uhr

Börsen in Aufruhr

Trichet sieht „schwerste Krise seit Zweitem Weltkrieg“

EZB-Präsident Trichet verteidigt den Kauf von Staatsanleihen gegen alle Kritiker. Er will Vertrauen in die Finanzmärkte schaffen. Koste es, was es wolle. Für Panik gibt es jedoch keinen rationalen Grund, sagen Ökonomen.

Talfahrt an internationalen Börsen setzt sich fort

Video: Talfahrt an internationalen Börsen setzt sich fort

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Düsseldorf/Bielefeld/Osnabrück/BerlinDer Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat am Dienstag den Aufkauf spanischer und italienischer Staatsanleihen zur Stützung der Märkte verteidigt. „Es ist die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und es hätte die schwerste Krise seit dem Ersten Weltkrieg werden können, wenn die Führung diese wichtige Entscheidung nicht getroffen hätte“, sagte Jean-Claude Trichet dem französischen Rundfunksender Europe 1. Trichet bestätigte zwar nicht direkt, dass die EZB Anleihen aus Spanien und Italien aufkauft, und sagte lediglich, die Bank sei auf dem Sekundärmarkt aktiv. Die Entwicklung der Zinsen für italienische und spanische Staatsanleihen zeigte jedoch, dass die EZB Schuldverschreibungen beider Länder vom Markt nimmt.

Der Ankauf weiterer Anleihen ist nicht unumstritten. Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der ebenfalls im EZB-Präsidium sitzt, gilt als Kritiker dieser Maßnahme. Er sieht die Preisstabilität in der Euro-Zone langfristig gefährdet. Weidmann schwieg gestern aber zu den Anleihekäufen, um den Erfolg des Eingriffs nicht zu gefährden.

Der Zinssatz für spanische Papiere mit einer zehnjährigen Laufzeit sank am Dienstag auf unter fünf Prozent. In der vergangenen Woche hatte er noch bei 6,5 Prozent gelegen. Auch der Zinssatz auf italienische Anleihen fiel um mehr als einen Prozentpunkt auf 5,1 Prozent. Am kommenden Montag will die EZB bekannt geben, wie viele Staatsanleihen sie aufgekauft hat. Wie lange die EZB noch Anleihen auf dem Sekundärmarkt aufkaufen will, sagte Trichet nicht. Er betonte jedoch, dies sei eigentlich Aufgabe der Regierungen, die dies „so rasch wie möglich“ tun müssten. Dafür müssen die nationalen Parlamente der Eurozone jedoch zunächst die auf dem Gipfel vom 21. Juli beschlossenen Änderungen des Rettungsschirms EFSF billigen.

Trichet sagte, die „unkonventionelle“ Entscheidung der EZB, Staatsanleihen vom Markt zu nehmen, solle das Vertrauen in dieses Finanzsystem wiederherstellen. Nach dem schwarzen Montag, an dem der deutsche Aktienindex Dax fünf Prozent und der US-Leitindex Dow Jones sogar 5,6 Prozent verloren hatten, geht es heute weiter abwärts: Momentan notiert der Dax noch einmal 1,7 Prozent tiefer, in der Spitze gab er sogar über sechs Prozent nach. In der vergangenen Woche war er bereits um rund 13 Prozent eingebrochen - ein Absturz von rund 25 Prozent in den vergangenen zehn Tagen.

Schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg? Trichet findet drastische Worte. Doch selbst die schlechten Konjunkturdaten, die Herabstufung der USA durch die Ratingagentur Standard & Poor's und die schwelende Schuldenkrise in Europa können den Ausverkauf nicht annähernd erklären.

Führende Ökonomen sehen denn in dem jetzigen Börsencrash einen weiteren Beleg für das was Alan Greenspan, Ex-Chef der US-Notenbank Federal Reserve einst "irrational exuberance", irrationalen Überschwang der Märkte genannt hat: So sieht der Wirtschaftsweise Peter Bofinger keinen rationalen Grund für den aktuellen Kursturz an den Börsen.

Der Tag an den Märkten (Stand: 18:00 Uhr)

Dax

+3,3 Prozent

SMI (Schweiz)

+5,0 Prozent

CAC 40 (Frankreich)

+2,9 Prozent

FTSE 100 (Großbritannien)

+/- 0 Prozent

ASE (Griechenland)

+0,3 Prozent

Ibex 35 (Spanien)

+3,6 Prozent

MIB (Italien)

-1,0 Prozent

Eurostoxx 50

+2,9 Prozent

Dow Jones

+2,6 Prozent

Nasdaq

+3,3 Prozent

S&P 500

+2,9 Prozent

Nikkei

-0,6 Prozent

CSI 300 (China)

+1,5 Prozent

Gold

-1,9 Prozent

Silber

-0,6 Prozent

Öl (Brent)

+1,5 Prozent

Dollar

1 Euro = 1,422 Dollar / +0,5 Prozent

CDS Deutschland

+85 Basispunkte

CDS USA

+54 Basispunkte

CDS Frankreich

+ 174 Basispunkte

Bundesanleihen (10 Jahre)

+/- 0 Basispunkte

US-Staatsanleihen (10 Jahre)

+5 Basispunkte

Griechische Staatsanleihen (10 Jahre)

+8 Basispunkte

Spanische Staatsanleihen (10 Jahre)

-5 Basispunkte

Italienische Staatsanleihen (10 Jahre)

-6 Basispunkte

Die Aktienmärkte hätten zwar „die konjunkturelle Wende verschlafen und reagierten jetzt umso panischer“, sagte der Ökonom der Neuen Westfälischen Zeitung. Aber die „fundamentalen Daten der Volkswirtschaft“ rechtfertigten keinen solchen Kurzsturz. Bofinger sieht hier „psychologische Faktoren, insbesondere das Herdenverhalten“ am Werk.

Die Erklärung ist so einfach wie dramatisch: Hat eine Panik erst einmal begonnen werden die Anleger zu Gefangenen des Marktes. Sie müssen im Strom mitschwimmen und verkaufen, wenn sie ihr Vermögen nicht verlieren wollen. Denn wenn sie zögern während alle anderen flüchten, bleiben sie am Ende auf wertlosen Papieren sitzen oder haben zumindest einen Großteil ihres Geldes verloren. Der Markt bewegt sich in einer Panik wie eine trampelnde Büffelherde nur noch in eine Richtung: Niemand würde es wagen, plötzlich stehenzubleiben und sich gegen den Strom zu stellen - er würde niedergewalzt.

Börse Frankfurt am Mittag

Video: Börse Frankfurt am Mittag

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Das Verheerende daran: Der Absturz wird nur durch die Erwartungen der Anleger erst Realität, wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Denn auch wenn ein Investor selbst gar nicht panisch verkaufen will, ist es das Beste für ihn sich der Hysterie anzuschließen, um sein Geld zu retten. Das Herdenverhalten macht die Panik für jeden Einzelnen rational - für alle Anleger aber vernichtend.

Das Märkte-Chaos ist geradezu aberwitzig, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, Handelsblatt Online bereits am Freitag vor der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poors. In der Woche zuvor hatte der Dax rund 13 Prozent eingebüßt.

Der Kursrutsch an den internationalen Börsen sei nicht durch ein besonderes Vorkommnis oder neue Informationen zu erklären, sondern einzig dadurch, dass sich an den Finanzmärkten neue Bewertungen bekannter Fakten durchsetzen, konstatierte Hüther. Besonders verwundere, dass gerade in dem Maße, in dem die Staaten das Schuldenproblem angehen und Maßnahmen auf den Weg bringen, die Märkte und die Ratingagenturen solche dramatischen Reaktionen zeigen. Hüther wurde deutlich: Wer argumentiere, dass die Kapitalmärkte (und die Ratingagenturen) informationseffizient seien, sei entweder blind oder naiv.

Das meint auch DIHK-Präsident Hans-Heinrich Driftmann: Trotz der drastischen Kursabstürze und der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit sieht er keinen Anlass für Katastrophenszenarien. Die Nervosität an den Finanzmärkten spiegele nicht die weltwirtschaftliche Realität wider, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung".

Kommentare (26)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

09.08.2011, 15:00 Uhr

Also mit dem Satz schafft man Sicherheit! Ich fühl mich schon viel besser. Wenn ich jetzt vermögend wäre, würde ich sofort investieren und meine Goldreserven verkaufen.^^

XXX

09.08.2011, 15:10 Uhr

Der EURO war ein Zeichen, das die Euroländer zusammenstehen, dieses wurde von den heutigen Pleitestaaten (Italien, Spanien, Portugal, Irland usw.)
ausgenutzt um sich billig zu verschulden.
EUROBonds würden diese Entwicklung aktiv fortsetzten.
Weiter billiges Geld für die "Schuldenstaaten" refinanziert von Deutschland.
Umschuldung von Süd nach Nord, mit EUROBonds gut versteckt nicht so auffällig wie bei den Rettungsschirmen und Rettungsfonds

Mike

09.08.2011, 15:11 Uhr

Es erscheint mir etwas zu einfach die Marktreaktion als "irrational" abzutun. Mich würde mal interessieren, welches Leverage die Investoren vor dem Einbruch hatten. Wieviele Investoren haben Aktien beliehen, um weitere Aktien auf Kredit zu kaufen? Sollte hier der Grund für den Einbruch liegen (Deleveraging), dann ist die Ursache eher in einem fundamentalen Fehler unseres Geldsystems zu suchen, nämlich der Tatsache, dass Geldschöpfung durch Monetarisierung von Sicherheiten efolgt und es somit in Abhängigkeit von der Werthaltigkeit dieser Sicherheiten zu schnellen Ausdehnungen und auch Kontraktionen in der Kreditverage kommen kann, wodurch Märkte prozyklisch angeheizt werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×