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13.06.2017

15:35 Uhr

Brexit

Warum die Briten jetzt schon draufzahlen

Britische Bürger müssen einen deutlichen Preisschub hinnehmen. Die Inflation kratzte im Mai an der Drei-Prozent-Marke. Die Bank of England verfehlt ihr Ziel damit deutlich – und dürfte die Zinserhöhung vertagen.

Die Inflation verringert die Kaufkraft der Briten deutlich. dpa

Oxford Street in London

Die Inflation verringert die Kaufkraft der Briten deutlich.

LondonGroßbritannien erlebt vor Beginn der Brexit-Verhandlungen den stärksten Preisschub seit fast vier Jahren. Die Inflation stieg im Mai im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 Prozent, wie das Statistikamt am Dienstag mitteilte. Die Teuerung liegt damit weit über dem Ziel der Londoner Währungshüter, die am Donnerstag zu ihrer nächsten Zinssitzung zusammenkommen. Sie peilen einen Wert von 2,0 Prozent an. Insbesondere der Pfund-Verfall nach dem Anti-EU-Votum der Briten im Sommer 2016 heizt die Inflation an, da importierte Güter wie etwa Computerzubehör teurer werden. Zudem müssen die Briten bei Reisen ins Ausland tiefer in die Tasche greifen.

Da die Löhne auf der Insel nicht mit den rasch steigenden Preisen Schritt halten können, nagt die Inflation zusehends an der Kaufkraft der Verbraucher. Die Bank of England (BoE) hatte den Leitzins zuletzt im August 2016 nach dem Brexit-Schock auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt. Im Mai hatte sie mit sieben zu eins Stimmen entschieden, ihn nicht anzutasten. Die Währungshüterin Kristin Forbes votierte für eine Erhöhung auf 0,5 Prozent. Beobachter erwarten, dass die BoE am Donnerstag Kurs halten wird, auch wenn die Entscheidung wieder nicht einstimmig ausfallen dürfte.

Die fünf Hauptakteure bei den Brexit-Verhandlungen

David Davis

Den Posten von David Davis (68) hat es zuvor nie gegeben - er ist der britische Brexit-Minister, soll also den Ausstieg seines Landes aus der EU managen. Der EU-Kritiker gilt als erzkonservativ, sprach sich für die Todesstrafe und gegen die Gleichstellung von Homosexuellen aus. Er hat kein Problem damit, sich auch mal gegen seine eigene Partei zu positionieren. Wegen seiner Unnachgiebigkeit trägt er den Spitznamen „Monsieur Non“. Stück für Stück kämpfte er sich nach oben: Davis war Versicherungsangestellter, studierte Informatik und war 17 Jahre lang in einem Lebensmittelkonzern beschäftigt. Seit 30 Jahren sitzt der Konservative im britischen Parlament und war zeitweise auch Staatssekretär für Europafragen im Außenministerium. Davis ist verheiratet und hat drei Kinder.

Tim Barrow

Eine Führungsrolle auf britischer Seite nimmt Tim Barrow ein, der erst seit vergangenem Januar EU-Botschafter Großbritanniens in Brüssel ist. Der 53-Jährige gilt als pragmatischer Problemlöser, der sich nicht scheut, die Wahrheit zu sagen. Barrow kann auf eine mehr als 30-jährige Karriere als Diplomat zurückblicken, Kollegen loben seinen Erfahrungsschatz. Von 2011 bis 2015 war der vierfache Vater Botschafter in Russland, von 2006 bis 2008 in der Ukraine. Zuletzt arbeitete er als politischer Direktor im Londoner Außenministerium. Auch auf Brüsseler Parkett bewegt sich Barrow sicher. Sein Vorgänger Ivan Rogers trat frustriert von seinem Amt als EU-Botschafter zurück. Rogers warf der britischen Regierung Mangel an „ernsthafter, multilateraler Verhandlungserfahrung“ vor.

Michel Barnier

Auf EU-Seite ist Verhandlungsführer Michel Barnier einer der wichtigsten Köpfe der anstehenden Austrittsgespräche. Dafür bringt der 66-jährige Franzose reichlich Erfahrung mit: Er hatte verschiedene Ministerposten in Frankreich und war zweimal EU-Kommissar. In Großbritannien hat seine Ernennung keine Freude ausgelöst, denn als Binnenmarkt-Kommissar war er von 2010 bis 2014 für die Bankenregulierung zuständig - was ihm am Finanzplatz London wenig Freunde machte. Zuletzt tourte Barnier durch die Hauptstädte Europas, um vorbereitende Gespräche mit den Regierungen der verbleibenden 27 EU-Staaten zu führen. Die Brexit-Verhandlungen selbst will er gerne bis zum Oktober 2018 abschließen. Barnier ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Didier Seeuws

Didier Seeuws (51) wird sein ganzes in einer langen Diplomatenkarriere erworbenes Taktgefühl brauchen. Er soll die Brexit-Gespräche für den Rat, also die Vertretung der EU-Staaten, verfolgen. Sprachrohr und Chefunterhändler der EU ist zwar Barnier. Seeuws - oder ein Stellvertreter - darf bei den Gesprächen aber anwesend sein. Delikat dürfte für den Belgier die Leitung einer speziellen Arbeitsgruppe im Rat werden: Dort sind alle EU-Staaten außer Großbritannien vertreten. Seeuws wird sie über den Stand der Verhandlungen auf dem Laufenden halten - und wohl seinerseits dabei helfen, Einigkeit unter den Ländern herzustellen. Immerhin, mit unterschiedlichen Interessenlagen in Europa kennt Seeuws sich aus: Er war unter anderem belgischer Botschafter bei der EU und Kabinettschef des früheren Ratspräsidenten Herman Van Rompuy.

Guy Verhofstadt

Der Belgier Guy Verhofstadt ist eindeutig der schillerndste Brexit-Beauftragte auf EU-Seite. Der Chef der liberalen Fraktion im Europaparlament ist ein glühender und streitlustiger EU-Verfechter. Wenn es nach ihm ginge, dann würde das Staatenbündnis deutlich enger zusammenwachsen und dabei ordentlich Tempo machen. Regierungserfahrung bringt der heutige Abgeordnete auch mit: In seinem Heimatland Belgien war er neun Jahre lang Ministerpräsident. Verhofstadts Einfluss auf die Gespräche ist indes eher begrenzt: Der 63-Jährige ist der Verbindungsmann des EU-Parlaments. Die Abgeordneten müssen dem Verhandlungsergebnis zwar am Ende zustimmen, den Verlauf der Austrittsgespräche werden aber wohl eher die EU-Kommission und die Staaten bestimmen.

Da die Wirtschaft zuletzt immer stärker die Folgen des Brexit-Schocks zu spüren bekam, wird das historisch niedrige Leitzinsniveau vielen Experten zufolge auf längere Sicht Bestand haben. „Wir rechnen nicht mit einer Erhöhung vor Ende der voraussichtlich bis 2019 laufenden Austrittsgespräche mit der Europäischen Union“, sagte Ökonom James Knightley von der niederländischen Bank ING.

Premierministerin Theresa May hat bei den Neuwahlen vergangene Woche zwar eine Schlappe erlitten, will jedoch ihren Brexit-Kurs nicht aufweichen. Dazu gehört die Drohung, notfalls auf ein Abkommen zu verzichten, falls die EU ihr nicht ausreichend entgegenkommen sollte. In der kommenden Woche sollen die Brexit-Verhandlungen beginnen. In knapp zwei Jahren soll die britische Mitgliedschaft in der EU nach Mays Willen dann Geschichte sein.

Von

rtr

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