Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.07.2015

09:42 Uhr

Dank niedriger Inflation

Deutsche haben mehr Geld in der Tasche

Im ersten Quartal sind die Reallöhne in Deutschland kräftig gestiegen. Allerdings liegt das nicht in erster Linie an höheren Bezahlungen. Die niedriger Inflation führt dazu, dass die Deutschen mehr Geld verdienen.

Doch das liegt vor allem an der niedrigen Inflation. dpa

Deutsche haben mehr Geld im Portmonee

Doch das liegt vor allem an der niedrigen Inflation.

WiesbadenDie Reallöhne der Arbeitnehmer in Deutschland sind zu Beginn dieses Jahres mit 2,5 Prozent plus so stark gestiegen wie noch nie seit Beginn der Erhebungen 2008. Das lag vor allem an den Verbraucherpreisen, die sich im Schnitt im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum überhaupt nicht verändert hatten (0,0 Prozent). Die nominale Lohnsteigerung von 2,5 Prozent kam so in vollem Umfang bei den Beschäftigten an, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte.

Welchen Einfluss der zu Jahresbeginn 2015 eingeführte Mindestlohn von 8,50 Euro auf die Lohnentwicklung habe, sei auf der vorhandenen Datengrundlage nicht exakt festzustellen, erläuterte das Bundesamt. Allerdings seien in einigen Branchen mit vergleichsweise hohem Niedriglohnanteil überdurchschnittliche Verdienstzuwächse beobachtet worden: So gab es bei privaten Wach- und Sicherheitsdiensten ein Plus von 4,4 Prozent, bei Caterern eines von 4,1 Prozent. Taxifahrer fuhren im Schnitt 3,0 Prozent höhere Löhne ein.

Niedrige Inflation: Fluch oder Segen?

Warum ist Preisstabilität so wichtig?

Bei stabilen Preisen bleibt die Kaufkraft des Geldes erhalten. Das stützt den Konsum. Inflation steht hingegen für Geldentwertung: Bei steigenden Preisen können sich alle, die längerfristig gleichbleibende Einkommen beziehen wie Tarifgehälter, Renten oder Sozialleistungen, immer weniger von ihrem Geld kaufen. Auch für Menschen mit Geldvermögen und Sparer ist Inflation schlecht, weil sie am realen Wert des Vermögens knabbert.

Wie weit ist die Notenbank von ihrem Preisziel entfernt?

Das Statistische Bundesamt errechnete für September auf Jahressicht vorläufig einen Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland um 0,8 Prozent. Im Euroraum fiel die Inflation im September sogar auf 0,3 Prozent - den tiefsten Stand seit Oktober 2009. Insgesamt habe die EZB das Versprechen einer stabilen Währung aber eingehalten, betonte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann erst am Montag: „In den ersten Fünfzehneinhalb Jahren nach der Euro-Einführung lag die durchschnittliche Inflationsrate bei 2,0 Prozent und damit grosso modo im Einklang mit dem Stabilitätsziel des EZB-Rats.“

Warum strebt die EZB eine höhere Teuerung an?

Die EZB sieht Preisstabilität bei einer Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent gewahrt. Damit will die Notenbank ein Abrutschen in eine Deflation verhindern, also einen Preisverfall auf breiter Front. Denn in Erwartung einer weiter nachlassenden Inflation oder gar sinkender Preise könnten Unternehmen und Verbraucher Investitionen und Konsumausgaben zurückstellen. Das würde eine Spirale in Gang setzen, die die Konjunktur abwürgt und Arbeitsplätze kostet. Zudem hat EZB-Präsident Mario Draghi betont, dass der sehr geringe Preisauftrieb schlecht ist für Schuldner: „Ist die Inflation niedrig, sinkt der reale Wert der Schulden von Staaten und Unternehmen langsamer.“ Dadurch werde der Schuldenabbau erschwert.

Wie entwickeln sich die Preise für Nahrungsmittel?

Nach den vorläufigen Zahlen der Statistiker kosteten Nahrungsmittel im September 0,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Seither haben aber Discounter und Supermärkte eine neue Welle für Preissenkungen eingeläutet: So hatte Deutschlands Discount-Marktführer Aldi Anfang Oktober die Preise für Käse-Produkte wie Aufschnitt, Frisch- und Schmelzkäse oder Sahneprodukte zum Teil um mehr als 13 Prozent gesenkt. Der Billiganbieter begründete den Schritt mit gesunkenen Rohstoffpreisen. Seit Monatsmitte sind auch Pommes frites und Zucker billiger.

Was sind die Gründe für die niedrige Teuerung?

Insbesondere weltweit sinkende Energie- und Nahrungsmittelpreise haben die Inflation gedrückt. Zwischenzeitlich verbilligte zudem der starke Euro importierte Waren. Inzwischen hat die EZB eingegriffen und den Euro gegenüber dem Dollar geschwächt. Zwar führe der Rückgang des Ölpreises auch an den Zapfsäulen weiter zu sinkenden Preisen, erklärt der ADAC: Allerdings werde dieser Effekt auf die Spritpreise durch den schwächeren Euro teilweise aufgefangen. Trotzdem: Sprit wird seit Monaten immer billiger. Nach ADAC-Angaben kostete der Liter Diesel im September durchschnittlich 136,2 Cent. Vor einem Jahr mussten Autofahrer demnach noch 144,0 Cent bezahlen, vor zwei Jahren 152,4 Cent. Nach Angaben des Deutschen Mieterbunds sanken auch die Preise für Heizöl von Januar bis Juli um 5,4 Prozent.

Für eine Wirkung des Mindestlohns sprechen auch überdurchschnittliche Verdienstzuwächse bei ungelernten (+4,0 Prozent) und angelernten (+2,8) Arbeitskräften. Geringfügig Beschäftigte legten mit einem Plus von 5,0 Prozent ebenfalls deutlich über dem Schnitt zu.

Das Bundesamt erhebt vierteljährlich die Verdienste in 40 500 Betrieben in der Industrie und im Dienstleistungsbereich.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×